Islam verliert an Einfluss

Fallen die Türken vom Glauben ab?

Die Erdogan-Regierung betont im Fastenmonat Ramadan den Wert der Religion. In Wahrheit geht es um Macht. Doch besonders die Jugend wendet sich vermehrt ab.

Muslime bei Sonnenaufgang in Istanbul.

© imago//Tolga Uluturk

Muslime bei Sonnenaufgang in Istanbul.

Von Susanne Güsten

Der islamische Fastenmonat Ramadan ist traditionell eine Zeit der Stille und der Einkehr. Doch in der Türkei will jetzt die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan den heiligen Monat nutzen, um religiöse Werte in der Gesellschaft stärker zu verankern. Er bete zu Gott, dass der Ramadan die Einheit und die Solidarität im Land stärken möge, erklärte Erdogan zum Beginn des Fastenmonats vor wenigen Tagen. Nach mehr als 20 Jahren unter der Regierung des frommen Muslims Erdogan fallen offenbar immer mehr Türken vom Glauben ab. Und Erdogan trage unfreiwillig dazu bei, sagen Experten.

Das Fasten im Ramadan gehört neben den fünf täglichen Gebeten, dem Glaubensbekenntnis, der Wallfahrt nach Mekka und der Armenspende zu den fünf Säulen des Islam. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nehmen gläubige Muslime im Ramadan keine Nahrung, keine Flüssigkeit zu sich. Der Ramadan richtet sich nach dem Mondkalender, weshalb der Fastenmonat jedes Jahr etwa zehn Tage früher beginnt.

Dieses Jahr muss in der Türkei im Ramadan mehr als zehn Stunden täglich gefastet werden. Die Mehrheit der Türken hält sich daran, manche aus religiöser Überzeugung, andere aus Tradition. Nicht alle nehmen es mit dem Fasten so genau. Viele bekämpfen den Hunger über den Tag mit Zigaretten, die eigentlich verboten sind.

Im Ramadan ziehen frühmorgens Trommler durch die Straßen, um die Gläubigen vor Sonnenaufgang zum Frühstück zu wecken. Abends kommen Tausende in riesigen Zelten zusammen, wo Ministerien und Kommunen gratis Mahlzeiten zum Fastenbrechen an Bedürftige ausgeben. Teure Restaurants bieten Ramadan-Menüs für viel Geld an. Moscheen sind mit Lichterketten zwischen Kuppeln und Minaretten geschmückt. Die Medien geben Ernährungstipps, TV-Sender bringen Ramadan-Serien, Werbespots sind voll mit glücklichen Familien, die sich zur gemeinsamen Mahlzeit versammeln.

In Wirklichkeit gibt es solche Szenen laut Umfragen und wissenschaftlichen Untersuchungen in der Türkei heute seltener als früher. Im Jahr 2008 bezeichneten sich 55 Prozent der Türken in einer Umfrage des Instituts Konda als gläubig. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 46 Prozent. Im selben Zeitraum vervierfachte sich die Zahl der Atheisten in der Türkei von zwei auf acht Prozent.

Der Sozialwissenschaftler Murat Cokgezen von der Istanbuler Marmara-Universität ermittelte in einer Studie, dass 61 Prozent der Türken den islamischen Glauben im Jahr 2022 als sehr wichtigen Faktor in ihrem Leben sahen. Für westeuropäische Verhältnisse ein hoher Anteil, doch in der Türkei waren es 18 Prozentpunkte weniger als vor dem Regierungsantritt von Erdogans Partei AKP 2002. Die Zahl der Türken, die nie in eine Moschee gehen, stieg in diesem Zeitraum von 14 auf 35 Prozent.

Seit der heute 71-jährige Staatschef in der Türkei das Ruder übernahm, wirft die säkulare Opposition ihm vor, aus dem Land einen islamistischen Staat machen zu wollen. Erdogans Regierung führte hohe Steuern auf Alkohol ein, baute die Religionsbehörde Diyanet zu einer riesigen Institution aus und war lange mit der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen verbündet – bis sich Erdogan mit Gülen überwarf und ihn zum Staatsfeind erklärte. Als der Präsident jetzt den Gouverneur der ostanatolischen Provinz Erzurum, Mustafa Ciftci, zum Innenminister ernannte, hob die regierungsnahe Presse hervor, der neue Minister kenne den Koran auswendig.

Dass der Staatspräsident ein frommer Muslim ist und seine politischen Botschaften häufig mit religiösen Anklängen versieht, kam bei konservativen Wählern lange gut an. Doch inzwischen bringen viele Türken die Regierung Erdogan mit Korruption, Vetternwirtschaft, Arroganz und der Wirtschaftskrise in Verbindung. Unter dem Präsidenten ist eine islamische Elite entstanden, die ihren Glauben, aber auch ihren Reichtum und ihre Macht öffentlich zur Schau trägt. Wer im Staat von Recep Tayyip Erdogan etwas werden will, der braucht ein Image als frommer Muslim – das stößt viele ab.

Erdogans Regierung stehe bei vielen Türken für den Islam, schrieb der Sozialwissenschaftler Cokgezen in seiner Studie. Deshalb sei die Unzufriedenheit mit der Regierung in eine Unzufriedenheit mit religiösen Werten umgeschlagen. Bei den Türken unter 30 Jahren ist der Anteil der Gläubigen laut Konda von 28 auf 15 Prozent abgesackt, obwohl – oder gerade weil – sich Erdogan das Ziel gesetzt hat, eine „gläubige Jugend“ heranzuziehen.

Kampflos gibt die Regierung nicht auf. Zum diesjährigen Ramadan startete sie eine Kampagne in den Schulen, um die Kinder für den Islam zu begeistern. Schulflure wurden zum Beginn des Fastenmonats als „Ramadan-Straßen“ geschmückt. Die islamischen Grundpflichten wie das Fastengebot sollen den Schülern nahegebracht werden. In einigen Schulen erhielten die Kinder so genannte Ramadan-Checklisten, auf denen sie jeden Tag eintragen sollen, ob sie gefastet und wie oft sie gebetet haben, wie die Erdogan-kritische Zeitung „BirGün“ berichtete.

Der Türkei-Experte Selim Koru bezweifelt, dass solche Aktionen der Regierung etwas bringen. Die Öffentlichkeit betrachte die Praktizierung des islamischen Glaubens nicht mehr als ein Zeichen von Tugend, sondern von politischer Berechnung, sagte Selim Koru, Autor des Newsletters „Kültürkampf“, unserer Zeitung.

Wenn sich heute jemand in Szene setze, indem er öffentlich faste, bete oder Almosen verteile, „dann signalisiert er damit seine politische Macht“, meint Koru. Vor 25 Jahren hätte kaum jemand in der Türkei angenommen, dass religiöse Menschen unmoralisch seien. „Heute denkt das jeder.“

Inzwischen sei die voranschreitende Säkularisierung der türkischen Gesellschaft ein „Makrotrend“, gegen den auch Regierungskampagnen im Ramadan machtlos seien, sagt Koru. Erdogan habe in seiner Karriere häufig vom sozialen Wandel profitiert, etwa von der Verstädterung, die ihm viele Wähler bescherte. „Aber bei diesem Thema, das ihm so sehr am Herzen liegt, geht der Trend deutlich gegen ihn.“

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Erstellt:
26. Februar 2026, 13:38 Uhr

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