Feuerwehr stößt im Ehrenamt an Grenzen

Ein Gutachten über die Backnanger Feuerwehr zeigt: Auf Dauer wird die Stadt nicht drum herumkommen, ihre Wehr mit hauptamtlichen Kräften zu verstärken. Schon heute werden die Hilfsfristen in vielen Fällen nicht eingehalten.

Die freiwilligen Feuerwehrleute geben alles, um möglichst schnell am Einsatzort zu sein. Trotzdem gelingt das oft nicht innerhalb der gesetzlichen Hilfsfristen. Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Die freiwilligen Feuerwehrleute geben alles, um möglichst schnell am Einsatzort zu sein. Trotzdem gelingt das oft nicht innerhalb der gesetzlichen Hilfsfristen. Archivfoto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Wenn’s brennt, dann zählt jede Minute. Deshalb hat der Gesetzgeber Hilfsfristen für die Feuerwehren definiert: Von der Alarmierung bis zum Eintreffen des ersten Löschtrupps sollen maximal zehn Minuten vergehen. Wird diese Hilfsfrist bei mindestens 80 Prozent der Einsätze erreicht, könne man von einer effizienten Gefahrenabwehr sprechen, erklärt Christof Backes. Laut dem neuen Brandschutzbedarfsplan, den der Experte im Auftrag der Stadt erstellt hat, wurde dieser Zielwert in Backnang zuletzt allerdings deutlich verfehlt: So lag der sogenannte Erreichungsgrad in den vergangenen zweieinhalb Jahren lediglich bei 45 Prozent. Sieht man über geringfügige Überschreitungen großzügig hinweg, liegt der Wert bei 66 Prozent, was aber immer noch zu wenig ist. „Hier besteht deutlicher Handlungsbedarf“, machte Backes im Gemeinderat deutlich.

Wobei zur Wahrheit auch gehört, dass er die Eintreffzeit der Feuerwehr in vielen Fällen gar nicht mehr genau nachvollziehen konnte. Eigentlich muss der jeweilige Gruppenführer sowohl das Ausrücken am Feuerwehrhaus als auch das Eintreffen am Einsatzort mit einem Tastendruck am Funkgerät bestätigen. Dies werde in der Hektik des Einsatzes aber häufig vergessen und hinterher ließen sich die Zeiten dann meist nicht mehr genau nachvollziehen.

Der stellvertretende Feuerwehrkommandant Michael Schladt glaubt deshalb, „dass der Wert in Wirklichkeit nicht so schlecht ist, wie es jetzt aussieht“. Gerade bei Großeinsätzen, wie vor einer Woche beim Brand in der Eduard-Breuninger-Straße, sei die Backnanger Feuerwehr stets schnell und mit ausreichend Personal vor Ort gewesen. „Trotzdem sind wir mit diesem Erreichungsgrad natürlich nicht zufrieden.“

Ein Grund für das zum Teil verspätete Ausrücken könnte darin liegen, dass zu wenige Feuerwehrleute schnell genug verfügbar sind. Zwar ist die Backnanger Feuerwehr mit 183 Aktiven in neun Abteilungen personell eigentlich gut aufgestellt, allerdings haben nur 64 Wehrleute auch ihren Arbeitsplatz in Backnang. Bei einem Einsatz tagsüber kann es da schon mal länger dauern, bis die neunköpfige Besatzung für den ersten Löschtrupp komplett ist. Auch die Verkehrssituation in Backnang wirkt sich nach Schladts Einschätzung negativ auf die Einhaltung der Hilfsfristen aus. Auf dem Weg zum Feuerwehrhaus sind die Ehrenamtlichen schließlich in ihren privaten Autos unterwegs und stehen damit genauso vor roten Ampeln und im Stau wie jeder andere Verkehrsteilnehmer auch.

Feuerwehrhäuser sind nicht mehr zeitgemäß.

Eine effektive, aber sehr teure Möglichkeit, um die Hilfsfristen besser einzuhalten, wären mehr hauptamtliche Kräfte. Aktuell gibt es davon bei der Backnanger Feuerwehr nur drei: den Kommandanten, den Gerätewart und den Schlauchwart. „Langfristig werden Sie um eine Aufstockung nicht herumkommen“, prophezeite Backes den Stadträten. Vor allem, wenn die Zahl der freiwilligen Feuerwehrleute noch sinken sollte.

Denkbar wäre auch, dass die Stadt zum Beispiel im Bauhof ausgebildete Feuerwehrleute beschäftigt, damit diese im Notfall die Ehrenamtlichen unterstützen. In erster Linie müsse Backnang aber weiterhin aufs Ehrenamt setzen, machte Erster Bürgermeister Siegfried Janocha deutlich: „Eine Berufsfeuerwehr könnten wir uns gar nicht leisten.“ Laut Backes kann die Stadt aber Anreize für ein Engagement bei der Feuerwehr schaffen. Als Beispiel nannte er eine „Ehrenamtskarte“, die den Feuerwehrleuten zum Beispiel vergünstigten Eintritt ins Schwimmbad oder zu kulturellen Veranstaltungen ermöglicht.

Für CDU-Stadtrat Gerhard Ketterer sind aber auch gute Arbeitsbedingungen und eine moderne Ausstattung wichtig: „Was die Feuerwehr attraktiv macht, ist gute Technik.“ Doch auch da liegt in Backnang manches im Argen, wie der neue Brandschutzbedarfsplan zeigt. Die Feuerwehrhäuser sind laut Backes „teilweise nicht mehr zeitgemäß“. So wird etwa die aus gesundheitlichen Gründen empfohlene räumliche Trennung zwischen sauberen und durch Ruß verunreinigten Bereichen bislang in keinem der sieben Feuerwehrgerätehäuser umgesetzt. Und auch beim Fuhrpark besteht erheblicher Investitionsbedarf: Laut Gutachten sollten innerhalb der nächsten fünf Jahre gleich elf Fahrzeuge ersetzt werden, darunter die Drehleiter, die alleine mindestens 650000 Euro kosten wird. Insgesamt müsste die Stadt bis 2025 fast 2,2 Millionen Euro in neue Feuerwehrfahrzeuge investieren.

Kommentar
Gutachten ist ein Alarmsignal

Von Kornelius Fritz

Es ist ein wenig verwunderlich, wie gelassen die Backnanger Stadträte den neuen Brandschutzbedarfsplan zur Kenntnis genommen haben. Denn das Zeugnis, das der Brandschutzexperte Christof Backes der Backnanger Wehr ausstellt, ist alles andere als gut.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das ist keine Kritik an den mehr als 180 Freiwilligen, die ihre Freizeit opfern, um bei Bränden, Unfällen und sonstigen Notfällen anderen zu helfen. Ihr Einsatz verdient höchsten Respekt und Anerkennung. Aber in einer Stadt mit fast 40000 Einwohnern wird es immer schwieriger, die vielfältigen Aufgaben der Feuerwehr fast ausschließlich ehrenamtlich zu erfüllen. Die Stadt wächst und die Aufgaben der Feuerwehr werden anspruchsvoller. Die Zahl der Menschen, die neben einem Vollzeitjob rund um die Uhr für Hilfseinsätze bereitstehen, wird hingegen eher zurückgehen.

Dass die gesetzlichen Hilfsfristen schon heute häufig überschritten werden, ist deshalb ein Alarmsignal. Die Stadt darf das nicht auf sich beruhen lassen, sondern muss ihre Feuerwehr stärken:
sowohl personell als auch, was Gebäude, Fahrzeuge und technische Ausstattung betrifft. Denn der Schutz der Bevölkerung ist keine Küraufgabe.

k.fritz@bkz.de

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Erstellt:
28. September 2020, 06:00 Uhr

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