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„Für Integration nicht förderlich“

Kirchberger Gemeinderat spricht sich gegen Zusatzunterricht in Türkisch in Grundschulräumen aus

Mit großer Mehrheit lehnte der Gemeinderat in Kirchberg einen türkisch-muttersprachlichen Zusatzunterricht inden Räumen der Grundschule ab. AlsTräger hätte das Türkische Generalkonsulat Stuttgart fungiert.

In den Räumen der Kirchberger Grundschule wird es keinen türkisch-muttersprachlichen Unterricht geben. Symbolfoto: Adobe Stock/tauav

© tauav - stock.adobe.com

In den Räumen der Kirchberger Grundschule wird es keinen türkisch-muttersprachlichen Unterricht geben. Symbolfoto: Adobe Stock/tauav

Von Ingrid Knack

KIRCHBERG AN DER MURR. „Wohl seitens einiger Eltern wurde angeregt, dass in den Räumlichkeiten der Kirchberger Grundschule ein muttersprachlicher Zusatzunterricht (türkisch) angeboten werden soll“, hieß es in einer Vorlage zur jüngsten Gemeinderatssitzung. Die Pläne sahen nach den Ausführungen in den Unterlagen zu diesem Tagesordnungspunkt so aus: Der Unterricht sollte voraussichtlich vormittags „im Zeitfenster des Religionsunterrichts“ über die Bühne gehen. Als Träger des anvisierten Projekts wurde das Türkische Generalkonsulat Stuttgart genannt. Auch ein Themenplan war beigefügt. Das Schulamt habe die Gemeindeverwaltung darüber informiert, dass ein solches Angebot bereits an vielen Schulen üblich sei. „Das Schulamt begrüßt diesen Unterricht“, heißt es in der Vorlage. Auch der Rektor der Kirchberger Grundschule habe sich gegenüber der Gemeindeverwaltung für diesen Zusatzunterricht ausgesprochen.

Für das Anliegen der Eltern stimmten letztlich nur Bürgermeister Frank Hornek und Gudrun Wilhelm von der Freien Liste Kirchberg. Bei der zu entscheidenden Frage sei es einzig und allein darum gegangen, zu klären, ob der türkisch-muttersprachliche Unterricht in den Räumlichkeiten der Kirchberger Grundschule stattfinden dürfe, ließ Hornek nach der Gemeinderatssitzung auf Anfrage wissen. „Dem Gemeinderat habe ich im Vorfeld angeboten, dies als Geschäft der laufenden Verwaltung zu betrachten und meinerseits die Zustimmung zur Nutzung der Schulräumlichkeiten befristet für ein Schuljahr zu erteilen.“ Der Gemeinderat habe sich dann dafür ausgesprochen, die Angelegenheit selbst zu beraten und zu beschließen. Die Unabhängige Bürgerschaft (UBK), die Bürger-Union Kirchberg (BUK) und die Liste Gesundes Gemeinwesen Kirchberg (GG) votierten geschlossen gegen den Zusatzunterricht in den Räumen der Grundschule. Auf Nachfrage erklären sie dies in einer gemeinsamen Stellungnahme so: Das Thema sei in den Fraktionen ausführlich diskutiert worden. Es sei für sie gut nachvollziehbar, dass Eltern ihren Kindern ihre Herkunft und ihre Sprache näherbringen möchten. Aber: „Das Konsulat möchte mit vom Konsulat beziehungsweise vom türkischen Staat ausgewählten Personen in unserer Grundschule den sogenannten Konsulatsunterricht abhalten. Das Konsulat entscheidet über den Lehrplaninhalt und die Art der Wissensvermittlung. Es soll in türkischer Sprache die türkische Sicht auf verschiedene Lebensbereiche vermittelt werden. Wie das passiert, untersteht der Entscheidungshoheit des Konsulats und damit des türkischen Staates. Es wird von hiesiger Seite als kritisch betrachtet, fremden Staaten, insbesondere wenn deren politischer Standpunkt an wichtigen Stellen gegensätzlich zu unseren europäischen und deutschen Grundwerten steht, in unserer Grundschule einen offiziellen Bildungsauftrag zu erteilen.“

„Was wäre, wenn andere Konsulate auch Zusatzunterricht anbieten möchten?“

Auch Migrationsexperten wie die Professorin Havva Engin hielten den Konsulatsunterricht für weder zeitgemäß noch den tatsächlich bildungsbiografischen Erfordernissen für Migrationsschüler entsprechend, haben die drei Gemeinderatslisten recherchiert. „Dies wurde uns auch von mehreren Lehrern benachbarter Schulen auf Nachfrage bestätigt. Nach unserer Meinung ist so ein Unterricht auch für die Integration nicht förderlich. Ein solches Angebot exklusiv für türkisch sprechende Schüler würde auch Kinder anderssprachiger Eltern ausschließen. Was wäre, wenn andere Konsulate auch Zusatzunterricht anbieten möchten?“ Es sei nicht Sache der Schulen, Kinder mit den Ansichten der Regierungen ihrer Heimatländer beziehungsweise mit den Wurzeln ihrer Herkunft bekannt zu machen. Integration heiße, sich den hiesigen Begebenheiten anzupassen, die Gesetze und kulturellen Wurzeln zu respektieren, ohne dafür seine Religion beziehungsweise seine Herkunft leugnen zu müssen. „Das Ziel sollte sein, dass man Deutschland als Heimat empfindet und sich zugehörig fühlt. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir gegen die Einführung des Konsulatsunterrichts in der vorliegenden Form an unserer Schule sind.“

Zu keiner einheitlichen Meinung sind im Vorfeld der Abstimmung die Mitglieder der Freien Liste Kirchberg gekommen. Nur Gudrun Wilhelm befürwortet die Möglichkeit für türkisch-stämmige Kinder, in den Räumen der Grundschule Zusatzunterricht zu erhalten. Wenngleich sie betont: „Integration und die deutsche Sprache gehören zusammen und müssen an erster Stelle stehen.“ Gegenüber unserer Zeitung erklärte sie auf Anfrage nach der Sitzung: „Laut meinen Informationen besuchten in Baden-Württemberg im Schuljahr 2017/2018 rund 38000 Schülerinnen und Schüler einen derartigen Zusatzunterricht, der von Konsulaten in 14 Ländern angeboten wird. Damit steht das Angebot jeder Nationalität offen. Das heißt für mich: Jeder doppelstaatliche Bürger kann Schüler seiner Nationalität zusammentrommeln und von seinem Konsulat den muttersprachlichen Zusatzunterricht einfordern und so seine Kinder fördern.“ Der Unterricht unterliege nicht der staatlichen Schulaufsicht. Deshalb sei der Gemeinderat nur wegen der Nutzung der Räume angefragt worden. „Dem stimme ich zu, wir müssen ein so offenes Land bleiben, dass wir das aushalten. Würden wir auch darüber diskutieren, wenn uns Schweden oder Italiener um die Räumlichkeiten gefragt hätten? Wir alle reisen in ferne Länder. Es ist hilfreich, sich mit anderen Sprachen zu befassen, egal welcher.“ Für sie sei der Weg: „Ein Jahr Unterricht mit zwei Wochenstunden und dann entscheiden.“

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Erstellt:
10. September 2019, 06:00 Uhr

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