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Grabsteinwerbung empört Schwerkranke

Der Katalog eines Winnender Steinmetzes kommt nicht in jedem Haushalt gut an – Adressen aus Todesanzeigen generiert

Im Raum Backnang haben mehrere Haushalte den Grabsteinkatalog des Winnender Marmor- und Granitwerks Schubert geschickt bekommen. Weil essich bei einigen Empfängern um Schwerkranke handelt, ist die Empörung über die Werbung mit Aktionswochen und Rabatten auf Grabsteine groß. Der derart kritisierte Geschäftsführer Werner Schubert bedauert es, wenn sein Vorgehen in dem einen oder anderen Fall zu Verdruss führt, verteidigt aber gleichzeitig sein Geschäftsmodell.

Der Markt für Grabmäler ist umkämpft. Die offensive Werbung manch eines Steinmetzes kommt nicht bei allen Empfängern gut an. Die meisten verzichten darauf, Kataloge mit ihren Produkten an potenzielle Kunden zu verschicken. Sie vertrauen darauf, dass die Angehörigen von sich aus zu ihnen kommen. Dann erhalten sie auch Informationen und Übersichten über die verschiedenen Modelle oder Möglichkeiten. Foto: Imago/C. M. Kempin

© fresnel6 - stock.adobe.com

Der Markt für Grabmäler ist umkämpft. Die offensive Werbung manch eines Steinmetzes kommt nicht bei allen Empfängern gut an. Die meisten verzichten darauf, Kataloge mit ihren Produkten an potenzielle Kunden zu verschicken. Sie vertrauen darauf, dass die Angehörigen von sich aus zu ihnen kommen. Dann erhalten sie auch Informationen und Übersichten über die verschiedenen Modelle oder Möglichkeiten. Foto: Imago/C. M. Kempin

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Barbara Wolf geht es nicht gut. Die 63-Jährige leidet an Lungenhochdruck und ist 24 Stunden am Tag auf eine Sauerstoffflasche angewiesen. Vor wenigen Tagen – es war ausgerechnet an ihrem Geburtstag – erhielt sie den Katalog im DIN-A4-Format des Winnender Unternehmens. Und ein Extrablatt, das mit „Aktionswochen“ überschrieben ist und mit 20 Prozent Rabatt beim Kauf eines Grabmals wirbt.

Die Empörung bei der Schwerkranken ist groß. „Das hat mich richtig runtergezogen“, verriet die Rietenauerin, die nur wenige Tage zwischen einem Klinikaufenthalt in Löwenstein und der anstehenden Behandlung im Katharinenhospital zu Hause weilte. Die Frau, die eigenen Angaben zufolge durchaus schwarzen Humor besitzt, zieht einen Vergleich: „Das ist in etwa so, wie wenn ein Todkranker von einem Bestattungshaus einen Prospekt bekommt, dass er während der Aktionswochen 20 Prozent auf einen Sarg bekommt. Mit dem Hinweis, dass er sich mit der Bestellung beeilen muss. Denn das Ende der Aktionswochen steht auch gleich mit dabei.“

Betroffene hat den Unternehmer mit ihrem Unmut konfrontiert

Den Ärger einfach runterschlucken, ist Wolfs Ding nicht. Deshalb hat sie den Unternehmer angerufen und mit ihrem Unmut konfrontiert. Der jedoch wiegelte ihren Worten zufolge einfach ab, er habe von ihrer schweren Krankheit nicht wissen können und „er müsse auch schauen, wo er bleibe“.

Die Frage, woher er die Adressen hat, beantwortet Werner Schubert unverblümt: „Aus den Todesanzeigen. Ein Mitarbeiter wertet die Anzeigen aus und sucht aus dem Telefonbuch die Adressen dazu. Das ist alles öffentlich.“ Und ungefragt stellt er klar: „Wir kaufen keine Adressen, bekommen auch keine Informationen von Bestattern und machen keine Werbung auf Friedhöfen.“

Stellt sich noch die Frage, ob es sinnvoll ist, einen Hochglanzkatalog mit 228 Seiten zu verschicken? Schuberts Antwort lässt keinen Zweifel offen: „Ja.“ Der Unternehmer hat zuletzt 2500 Kataloge für 7000 Euro geordert und etwa die Hälfte für 1280 Euro Porto verschickt. Die Rechnung geht auf. Zwar erhält er regelmäßig vier bis fünf Tage nach dem Versenden Beschwerden von etwa einem Dutzend Empfänger. Aber nach einigen Wochen kommen andere Leute mit dem Katalog und ordern Grabsteine und andere Produkte aus dem Katalog. „Pro 1000 Exemplare bekomme ich etwa 150 positive Rückmeldungen.“ Es würden auch Kunden darauf verweisen, dass etwa ein Nachbar den Katalog bekommen habe. Werner Schubert: „Ohne diese Werbung würde mein Umsatz rapide nach unten gehen. Der Erfolg dieser Aktion hängt auch damit zusammen, dass es sich dabei um den bundesweit einzigen Katalog handelt, in dem Preise angegeben sind, das macht sonst keiner.“

Zu den Verärgerten gehört auch der Backnanger Peter Hocke. Vor wenigen Tagen erhielt dessen Vater Friedrich den Schubert-Katalog. Der Senior ist 88 Jahre alt und lebt in einem Pflegeheim. Sein Sohn ist von den Geschäftsgepflogenheiten des Winnender Betriebs mehr als irritiert: „Ich fühle mich vor den Kopf gestoßen. Das geht gar nicht, ich finde es furchtbar.“ Peter Hocke fragt sich: „Wie weit geht ein Wirtschaftsunternehmen?“ Er bezeichnet es als pietätlos, einen Mann, der dem Ende seines Lebens entgegensieht, mit Rabatten für ein Grabmal zu bewerben. Ohnehin bezweifelt Hocke den Sinn solcher Reklame. „Ich beschäftige mich mit dem Thema, wenn ein Todesfall vorliegt.“

Der Obermeister der Steinmetz-Innung Ludwigsburg/Böblingen/Rems-Murr, Stefan Machmer, weiß von der Problematik. Der Ditzinger betont, dass es grundsätzlich legitim und nicht anrüchig ist, Kataloge zu verschicken, dass er es aber nicht macht. „Ich habe gar keinen Katalog.“

Auch die beiden Backnanger Steinmetz-Betriebe Wenzler&Vogt und Axel Groß in der Stuttgarter Straße verschicken keine Werbekataloge. Carl-Eugen Vogt, der stellvertretende Innungsmeister, hat großes Verständnis dafür, dass Menschen, die aufgrund einer ernsthaften Erkrankung in Behandlung sind, extrem irritiert sind, wenn sie solche Post erhalten. Carl-Eugen Vogt findet das Vorgehen unmöglich und erinnert an einen Spruch seines einstigen Lehrmeisters: „Die solla saubr schaffa, dann henn se au Gschäft.“

Einen Steinwurf entfernt betreibt Axel Groß seine Steinwerkstatt. Er verweist darauf, dass der Gesetzgeber sogar eine Karenzzeit festgelegt hat, in der es Steinmetzbetrieben verboten ist, Hinterbliebenen Werbung zukommen zu lassen. „Die Zusendung von Werbematerial in dieser Schonfrist wird vom Gesetzgeber als unlauterer Wettbewerb eingestuft.“

Das weiß der kritisierte Steinmetz aus Winnenden natürlich auch. Und so betont Schubert unmissverständlich, dass er diese Schonfrist überkorrekt einhält. „Ich möchte auch nicht gleich vier Wochen nach einem Todesfall in der Tür stehen. Wir warten drei Monate oder gar ein Jahr, bevor wir den Katalog verschicken.“

Kommentar
Umsatz legitimiert nicht alles

Von Matthias Nothstein

Unternehmer müssen darauf achten, dass es ihrem Betrieb gut geht, dafür hat vermutlich jeder Verständnis. Es sollte aber sehr wohl unterschieden werden, ob es darum geht, Schuhe, Winterreifen oder Leberwurst an den Mann zu bringen, oder ob es sich um ein solch sensibles Thema handelt wie Sterben und Tod. In dieser Branche ist es schwierig, mit Rabatten oder Sonderaktionen dafür zu sorgen, dass der Laden brummt. Wer es trotzdem mit einem persönlichen Anschreiben auf dem Brief macht, der muss sich bewusst sein, dass er – falls er den Betreffenden auf dem falschen Fuß erwischt – Verletzungen und Verdruss verursachen kann.

Angesichts dieser Gefahr verzichten die einen auf diese Art persönlicher Ansprache und Werbung, die anderen nehmen den emotionalen Kollateralschaden sehenden Auges in Kauf. Bleibt die Frage, ob gute Geschäfte alles legitimieren. Die Antwort muss sich jeder selbst geben.

m.nothstein@bkz.de

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Erstellt:
19. Februar 2020, 06:00 Uhr

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