ARD-Miniserie an Karfreitag

Grausamkeit, Licht und Hoffnung – So ist „Sternstunde der Mörder“

Die ARD zeigt den Vierteiler „Sternstunde der Mörder“ nach Pavel Kohout, der im Prag der NS-Besatzer kurz vor der Befreiung spielt. Warum sich das Einschalten lohnt.

Starke Besetzung: „Sternstunde der Mörder“ mit Devid Striesow, Nicholas Ofczarek, Jonas Nay und Jeanette Hain (von links)

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Canal+ Austria

Starke Besetzung: „Sternstunde der Mörder“ mit Devid Striesow, Nicholas Ofczarek, Jonas Nay und Jeanette Hain (von links)

Von Ulla Hanselmann

Prag, März 1945. Noch regieren in der tschechischen Hauptstadt die Nazi-Besatzer, doch die Befreiung kündigt sich an: Im Osten rückt die Rote Armee, im Westen die US-Army auf die Stadt vor. Hauptkommissar Beran (Karel Dobrý) von der Protektoratspolizei muss in diesen dramatischen Tagen seinen Kommissarsadjunkten Jan Morava (Jonas Nay) mit einem schwierigen Auftrag betrauen: Er soll einen Serienmörder finden. Der Zuschauer begleitet diesen Antonin Rypl (Gerhard Liebmann) von Anfang an bei seinem widerwärtigen Tötungsritual, in dem sich die ganze Grausamkeit der damaligen Zeit spiegelt; den Namen des Mörders erfährt er erst einiges später.

Devid Striesow als brüllender Nazi-Despot

Die Fratze der NS-Despoten tritt dem Publikum in Gestalt des Befehlshabers Meckerle (Devid Striesow) entgegen: Der SS-Standartenführer mit dem Schmiss im meist vom Schreien verzerrten Gesicht stellt seinem Assistenten den Kriminaloberrat Erwin Buback (Nicholas Ofczarek) an die Seite. Der Gestapo-Aufpasser soll nach außen hin die Mordermittlung Moravas überwachen, im Geheimen aber Zellen des Widerstands ausfindig machen, die Meckerle in der tschechischen Polizei versteckt wähnt.

Zugleich schickt der Nazi-Fiesling den hinkenden Kriminaloberrat auf eine heikle private Mission – als Ballbegleitung für seine heimliche Geliebte Marleen Baumann (Jeanette Hain), eine deutsche Schauspielerin. Dass er damit eine für ihn fatale Lovestory in Gang setzt, ahnt Meckerle freilich nicht.

Der tschechisch-österreichische Romanautor Pavel Kohout veröffentlichte „Sternstunde der Mörder“ 1995, es hat also knapp dreißig Jahre gedauert, bis das öffentlich-rechtliche Fernsehen das Werk entdeckt und zu einer ARD-Miniserie verarbeitet hat. Nicht erst seit „Babylon Berlin“ ist der Hunger des Publikums nach serieller TV-Fiktion auf Basis von Stoffen der jüngeren Zeitgeschichte groß, und tatsächlich sind die Anklänge an die Volker-Kutscher-Erfolgsserie bei dem Vierteiler, mit dem die ARD den Karfreitag-Abend bestückt, vor allem optisch nicht zu übersehen. Kohouts Vorlage ist Krimi wie Zeitdrama in einem; es macht den Reiz der Produktion aus, wie die Genres verwoben werden, wobei sich die Schwerpunkte über die erfreulich kompakten 180 Minuten hinweg deutlich verschieben.

Dem jungen Polizisten spielt das Schicksal auf grausame Weise mit

Regisseur Christopher Schier und Drehbuchautor Klaus Burck (ein Pseudonym des Erfolgs-Autors Holger Karsten Schmidt) fokussieren bei der Figurenkonstellation insbesondere auf das spannungsreiche Verhältnis zwischen Buback und Morava. Beide müssen den Mörder jagen: der eine ein undurchschaubarer, schweigsamer Sonderling, der andere ein engagierter, mitfühlender Ermittler. So gegensätzlich sie sind, so eng und unfreiwillig sind sie aneinander geschweißt. Buback hat mit seiner Existenz abgeschlossen, glaubt nicht mehr an das System, für das er weiterhin arbeitet. Für Morava hingegen gibt es sehr wohl eine Zukunft nach dem Krieg, vor allem, nachdem er in Jitka Modrá (Diana Dulinková), der Kommissariatssekretärin, seine Liebe gefunden hat.

Deren Mut und unerschütterliche Zuversicht führt dazu, dass ihm das Schicksal auf grausame Weise mitspielt und sein Leben eine zutiefst dunkle Wendung nimmt. Der Gestapo-Mann Buback aber findet durch seine Liaison mit Marleen zurück zu Licht und Hoffnung. Beide Männer vollziehen also eine tiefgreifende Veränderung; auch ihre Beziehung zueinander ändert sich in Folge der turbulenten Zeitumstände fundamental. Auch der thematische Fokus der Erzählung unterliegt einer Dynamik: Die Mördersuche, die zu Beginn im Zentrum steht und bei der fatalerweise dem Täter mit einem Lockvogel eine Falle gestellt werden soll, gerät in der zweiten Hälfte in den Hintergrund.

Hier inszeniert Schier die kulminierenden Kriegswirren, als die russische Armee kurz davorsteht, Prag einzunehmen, der tschechische Aufstand gegen die Besatzer sich Bahn bricht und Meckerle entschlossen ist, den Alliierten verbrannte Erde zu hinterlassen. Die Perspektive verschiebt sich so vom individuellen Töten hin zur kollektiven Gewalt in eben der titelgebenden „Sternstunde der Mörder“, wobei sich auch die Täter-Opfer-Rollen in einem gewissen Maß verkehren und die Grenzlinien zwischen Guten und Bösen verschwimmen. „Das Festmahl der Mörder hat begonnen. Nie und nirgends kann so fröhlich gewütet werden wie in den Sternstunden der Nation“, sagt Marleen Baumann im Film; „Gewalt wird allgegenwärtig – und damit scheinbar legitimiert“, zitiert die ARD den Regisseur Christopher Schier.

So entfaltet sich ein vielschichtiger, soghafter Plot, den der Kameramann Philip Peschlow in atmosphärische Bilder übersetzt. Schon das Setting hat einen hohen Grusel-Faktor: Der Serienmörder, von Gerhard Liebmann mit furchterregend stiller Verve gespielt, findet seine Opfer auf dem Friedhof, um sie von dort nach Hause zu verfolgen. Auch die übrigen Kulissen sind stark – dunkle Altstadtwinkel (gedreht wurde nicht in Prag, sondern in Wien sowie in Niederösterreich), knarzende Theater-Katakomben, armselige Hinterhöfe, verratzte bürgerliche Wohnpracht. Viel Nebel, viel Dunkelheit: Peschlow und Schier spielen visuell kunstvoll mit Licht und Schatten, das Ganze wird von Markus Kienzl spannungssteigernd musikalisch untermalt.

Große Schauspielkunst von Nay, Ofczarek und Hain

Die deutsch-österreichisch-tschechische Koproduktion bemüht sich auch sprachlich um Authentizität, wenn man wiederholt mit untertitelten Dialogen auf Tschechisch arbeitet und Morava Deutsch mit tschechischem Akzent sprechen lässt. Jonas Nay macht das zwar hervorragend, aber es mutet schon seltsam an, wenn ein deutscher Muttersprachler sich so verstellen muss. Sei’s drum: Nays Physiognomie prädestiniert ihn, wie es scheint, für Rollen dieser Epoche („Tannbach – Schicksal eines Dorfes“, „Persischstunden“; „The Tattooist of Auschwitz“, Sky Atlantic), doch der 35-Jährige versteht es eben auch, diese mit seiner Schauspielkunst auszufüllen. Ebenso großartig: Nicholas Ofczarek und Jeanette Hain als spätes, morbides Liebespaar, das den alles verschlingenden Strudeln des untergehenden Nazi-Reiches zu entkommen versucht.

In der Mediathek und im TV

RomanautorPavel Kohout, 1928 in Prag geboren, zählt zu den international bekanntesten Schriftstellern und Dramatikern. Als einer der Wortführer des Prager Frühlings von 1968 wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und über 20 Jahre totgeschwiegen. Als Mitverfasser der Charta 77 wurde er daraufhin 1979 ausgebürgert und ist 1980 österreichischer Staatsbürger geworden. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Die Henkerin“ (1978), „Wo der Hund begraben liegt“ (1987) und „Sternstunde der Mörder“ (1995). Pavel Kohout lebt in Prag und Wien.

Termin„Sternstunde der Mörder“, vierteilige Miniserie. Karfreitag, 3. April, ab 20.15 Uhr, ARD. In der ARD-Mediathek abrufbar.

Beran (Karel Dobrý) beauftragt seinen Assistenten  Jan Morava (Jonas Nay, r.) mit einer schwierigen Aufgabe.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Beran (Karel Dobrý) beauftragt seinen Assistenten Jan Morava (Jonas Nay, r.) mit einer schwierigen Aufgabe.

Er soll den Mord an einer deutschen Offizierswitwe untersuchen: Jan Morava (Jonas Nay) untersucht deren Leiche.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Er soll den Mord an einer deutschen Offizierswitwe untersuchen: Jan Morava (Jonas Nay) untersucht deren Leiche.

Wer hat den Mörder gesehen? Der Ermittler Jan Morava (Jonas Nay) befragt den Hausmeister (Markus Hering, li.).

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Wer hat den Mörder gesehen? Der Ermittler Jan Morava (Jonas Nay) befragt den Hausmeister (Markus Hering, li.).

Der Serienmörder (Gerhard Liebmann) mit seinem Instrumentenkoffer

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Der Serienmörder (Gerhard Liebmann) mit seinem Instrumentenkoffer

Der Gestapomann Buback (Nicholas Ofczarek, r.) muss den Weisungen des NS-Befehlshaber Meckerle (Devid Striesow, l.) folgen ...

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Der Gestapomann Buback (Nicholas Ofczarek, r.) muss den Weisungen des NS-Befehlshaber Meckerle (Devid Striesow, l.) folgen ...

...  er soll Moravas Mordermittlungen überwachen, insgeheim aber den tschechischen Widerstand aufspüren.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

... er soll Moravas Mordermittlungen überwachen, insgeheim aber den tschechischen Widerstand aufspüren.

Wer erkennt den Mörder? Ein Kioskbetreiber (Klaus Schwarz) mit dem Fahndungsaufruf in der Zeitung.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Wer erkennt den Mörder? Ein Kioskbetreiber (Klaus Schwarz) mit dem Fahndungsaufruf in der Zeitung.

Ermittler Jan Morava (Jonas Nay, r.) und der Gestapomann Buback (Nicholas Ofczarek, l.) bilden ein gegensätzliches Tandem – aber unfreiwillig.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Ermittler Jan Morava (Jonas Nay, r.) und der Gestapomann Buback (Nicholas Ofczarek, l.) bilden ein gegensätzliches Tandem – aber unfreiwillig.

Jan Morava (Jonas Nay) muss sich bei der Mordermittlung  unter hohem Druck beweisen.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Jan Morava (Jonas Nay) muss sich bei der Mordermittlung unter hohem Druck beweisen.

NS-Befehlshaber Meckerle setzt auch Buback unter Druck: Der Gestapomann muss ihn als Abendbegleiter seiner heimlichen Geliebten, der Schauspielerin Marleen Baumann vertreten.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

NS-Befehlshaber Meckerle setzt auch Buback unter Druck: Der Gestapomann muss ihn als Abendbegleiter seiner heimlichen Geliebten, der Schauspielerin Marleen Baumann vertreten.

Heikle Mission: Buback (Nicholas Ofczarek) vertritt den NS-Befehlshaber als Abendbegleitung der glamourösen Ex-Schauspielerin Marleen Baumann (Jeanette Hain).

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Heikle Mission: Buback (Nicholas Ofczarek) vertritt den NS-Befehlshaber als Abendbegleitung der glamourösen Ex-Schauspielerin Marleen Baumann (Jeanette Hain).

Einsatzbesprechung des Ermittlerteams (v. li. n. re.): Buback (Nicholas Ofczarek), Beran (Karel Dobrý), Litera (Jirí Simek), Morava (Jonas Nay) und Sekretärin Jitka (Diana Dulinková)

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Einsatzbesprechung des Ermittlerteams (v. li. n. re.): Buback (Nicholas Ofczarek), Beran (Karel Dobrý), Litera (Jirí Simek), Morava (Jonas Nay) und Sekretärin Jitka (Diana Dulinková)

Jitka Modrá (Diana Dulinková) lässt sich auf ein gefährliches Spiel ein.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Jitka Modrá (Diana Dulinková) lässt sich auf ein gefährliches Spiel ein.

Morava (Jonas Nay) bittet seine Verlobte Jitka Modrá (Diana Dulinková) bei ihrer Aufgabe keine Risiken einzugehen.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Morava (Jonas Nay) bittet seine Verlobte Jitka Modrá (Diana Dulinková) bei ihrer Aufgabe keine Risiken einzugehen.

Der Ermittler Jan Morava (Jonas Nay, Mitte) befragt einen Zeugen.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Der Ermittler Jan Morava (Jonas Nay, Mitte) befragt einen Zeugen.

Auch als sich der tschechische Aufstand Bahn bricht, gibt Morava (Jonas Nay) die Suche nach dem Mörder nicht auf.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Auch als sich der tschechische Aufstand Bahn bricht, gibt Morava (Jonas Nay) die Suche nach dem Mörder nicht auf.

In Prag brechen Widerstandskämpfe aus – und in der Stadt bricht Chaos und Gewalt aus.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

In Prag brechen Widerstandskämpfe aus – und in der Stadt bricht Chaos und Gewalt aus.

Der Serienmörder (Gerhard Liebmann)  will im Chaos untertauchen und sucht ein Versteck.

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Der Serienmörder (Gerhard Liebmann) will im Chaos untertauchen und sucht ein Versteck.

Ex-Schauspielerin Marleen Baumann (Jeanette Hain) und Gestapomann Buback (Nicholas Ofczarek) suchen einen Weg, dem Kriegschaos zu entkommen.

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Ex-Schauspielerin Marleen Baumann (Jeanette Hain) und Gestapomann Buback (Nicholas Ofczarek) suchen einen Weg, dem Kriegschaos zu entkommen.

Wird Jan Morava (Jonas Nay) den Mörder aufspüren?

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Wird Jan Morava (Jonas Nay) den Mörder aufspüren?

Gedreht wurde nicht in Prag, sondern in Wien. Ein Motiv, das häufig vorkommt in dem Vierteiler: der Friedhof

© ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Ca

Gedreht wurde nicht in Prag, sondern in Wien. Ein Motiv, das häufig vorkommt in dem Vierteiler: der Friedhof

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Erstellt:
2. April 2026, 14:42 Uhr

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