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Grüße vom Mond

Ins Weltall geschmuggelter Brief kommt in Stuttgart für ein Startgebot von 22 000 Euro unter den Hammer

Weltraumabenteuer - Vor bald 50 Jahren schickten zweiknitze Schwaben 100 Kuverts mit der Apollo-15-Mission ins All. Der Coup rief sogar das FBI auf den Plan. Nun wird eines der weit gereisten Sammlerstücke von einem Stuttgarter Auktionshaus versteigert.

Stuttgart/Lorch Es ist eine unglaubliche Geschichte. Sie handelt von zwei Schwaben und von drei Astronauten, die als Briefträger dienten. Und sie beweist, dass Briefmarkensammeln spannend sein kann.

Die Geschichte beginnt im Sommer 1969 auf einer Cocktailparty in Cocoa Beach, Florida. Dort begegnen sich Horst Walter Eiermann und Hermann Walter Sieger. Der gebürtige Stuttgarter Eiermann hatte sich als Klavierspieler, Schriftsteller, Schauspieler und Vertreter durchgeschlagen, ehe er Anfang der 50er Jahre als Holzfäller nach Kanada ging. Dann zog es ihn gen Süden. In den USA arbeitete er als Tellerwäscher und Barmann. Schließlich verschlug es ihn zu einer Firma, die für die Nasa Kühlungsschutzschichten herstellte. Diese schützten die elf Stahlschwingarme, die 52 Kameras und die Kabel der Rampe vor der ungeheuren Hitze der Raketen, die von der nahe gelegenen Weltraumstation Cape Canaveral ins All starteten.

Hermann Sieger, Besitzer eines Briefmarkenhandels in Lorch, war einer der Großen seiner Branche. Er kaufte seine Ware weltweit ein. Selbst im kommunistisch regierten Nordvietnam hatte Sieger sich – mitten im Krieg – Briefmarken besorgt. Von seinen Geschäftspartnern erhielt er damals ein Telegramm: „Haben die Bestellung erhalten. Stop. Werden von den Yankees bombardiert. Stop. Sind gerade im Bunker. Stop. Liefern, sobald möglich.“ Sieger war auch Generalimporteur für Briefmarken aus der Sowjetunion. Sogar eine Sojus-Kapsel ließ er sich zu Werbezwecken liefern, komplett mit Bremsfallschirm und Kosmonautenanzügen wurde sie per Laster nach Lorch gefahren. Dort kletterte der halbe Ort in die Kapsel. Bei der Briefmarken­messe in Essen zierte die Sojus Siegers Stand.

Ein gutes Geschäft ließ Sieger sich nie entgehen. Und so kam er bei jener Cocktailparty in Cocoa Beach auf die Idee, die Kontakte seines Landsmanns Eiermann zu nutzen. Unendliche Weiten versprachen unendliche Gewinne. In Cocoa Beach waren auch die Astronauten zu Gast. Eiermann kannte sie alle. Er saß am Klavier, die Raumfahrer sangen. Zum Beispiel Walter Schirra, der einzige, der an jedem der ersten drei Raumfahrtprogramme der USA – Mercury, Gemini und Apollo – aktiv als Raumfahrer beteiligt war. Oder Walter Glenn, der erste Amerikaner, der die Erde umkreist hatte.

Siegers Plan: Eiermann sollte Astronauten überreden, Briefe von ihm mit ins All zu nehmen – was so ungewöhnlich, wie es klingt, gar nicht war: Während Wladimir Schatalow 1969 mit Sojus 4 um die Erde kreiste, brachten ihm die Kollegen von Sojus 5 einen Brief seiner Frau. Und die US-Astronauten Armstrong, Aldrin und Collins hatten für die amerikanische Post einen mit einer Sondermarke frankierten Umschlag dabei, als sie zu ihrer historischen Mission aufbrachen – sowie den passenden Stempel: „Mondlandung, 20. Juli 1969, USA.“

Zwei Jahre arbeiteten Eiermann und Sieger an ihrem Coup. Eiermann und der Apollo-15-Kommandant Dave Scott kamen ins Geschäft: Er und seine Kollegen James Irwin und Alfred Worden hatten nicht nur ein Mondauto im Gepäck, sondern auch 100 Briefumschläge von Sieger dabei, als sie am 26. Juli 1971 um 13.34 Uhr zum Mond aufbrachen. Für ihre Dienstleistung sollten sie 25 000 Dollar bekommen.

Die Umschläge wurden am Starttag mit einer Zehn-Cent-Briefmarke „First Man on the Moon“ – erster Mann auf dem Mond – beklebt, mit dem Stempel des Kennedy Space Center bedruckt und bei der Ankunft auf dem Mond mit Datum und Unterschriften der Astronauten versehen. Anschließend klebten Scott, Irwin und Worden zwei Acht-Cent-Briefmarken auf die Umschläge und ließen sie stempeln – so dass nun insgesamt drei Briefmarken die Kuverts zierten. Zurück auf der Erde adelte ein Notar die Briefe zu seltenen Sammlerstücken.

Gebündelt wurden sie von Florida aus zu Eiermann geschickt, der mittlerweile wieder in seiner Heimatstadt Stuttgart wohnte und sich selbstständig gemacht hatte. Eiermann liefert die Fracht wiederum an seinen Geschäftspartner Sieger ins 45 Kilometer entfernte Lorch. Beinahe hätte ein Briefträger noch das Husarenstück zunichtegemacht. Er legte das Päckchen mit den Briefen auf einen Sandsteinpfeiler vor Siegers Haus. Und es begann zu regen.

Leicht feucht, aber ansonsten unversehrt landete die Fracht schließlich in Siegers Händen. Im November 1971 ließ er seine internationale Kundschaft wissen, er biete ihnen, „eine Gelegenheit, die nie mehr wiederkehrt“. Für 4850 Mark könne man einen Mondumschlag erwerben. 99 Stück verkaufte Sieger, Nummer eins blieb im Besitz der Familie. Fast ein halbes Jahrhundert später, an diesem Freitag, versteigert das Stuttgarter Auktionshaus Eppli einen der weit gereisten Briefumschläge. Er gehörte einem Bekannten des US-Astronauten James Irwin. Das Mindestgebot beträgt 22 000 Euro.

Diese Nachricht ist heutzutage zwar ungewöhnlich, aber gewiss keine Angelegenheit für das FBI. 1971 war das anders: Als die Kunde von Siegers Weltraumbriefen nach Amerika gedrungen war und die Zeitungen darüber berichteten – die „New York Times“ sogar auf der Titelseite –, fiel die Nasa aus allen Wolken. Sie untersuchte den Fall. Zwar war es den Astronauten erlaubt, persönliche Gegenstände mit ins All zu nehmen, sie mussten diese jedoch auf einer Liste eintragen. Dort fehlten Siegers Briefe. Scott sagte, er habe die Briefe vor dem Start einem Angestellten der Nasa zum Stempeln mitgegeben und geglaubt, dieser habe die Umschläge eingetragen. Auch Irwin tat überrascht: Er habe zwar gewusst, dass die Umschläge verkauft werden sollten, habe allerdings ­gedacht, dass dies erst nach dem Ausscheiden des Trios aus dem Astronauten-Korps geschehe.

Das erfolgte schneller als gedacht. Nach Verhören durch das FBI und vor einem Ausschuss des Senats wurden den drei Astronauten weitere Flüge ins All untersagt. Irwin predigte fortan das Wort Gottes, Scott und Worden arbeiteten als Wissenschaftler. Scott beklagte sich öffentlich über die „Hexenjagd“ auf ihn und seine zwei Kollegen – nicht unberechtigt, denn auch ihre Vorgänger von Apollo 11, Armstrong, Aldrin und Collins, flogen neben ihrem Dienst für ja die US-Post Briefumschläge auf den Mond, die bis heute unter Sammlern im Umlauf sind.

Jahre später bekamen Scott, Irwin und Worden recht. Das Justizministerium entschied, dass es keine Bestimmung über die Mitnahme von Briefen zum Mond gibt – und kein Verbot der Vermarktung derselben.

Hermann Sieger hat sich aus dem Geschäft und der Öffentlichkeit zurückgezogen. Längst führt sein Sohn Günter den Familienbetrieb – und sorgt nebenbei dafür, dass die unglaubliche Geschichte von den kosmischen Boten nicht in Vergessenheit gerät: „Mein Vater hat stets betont, dass das Geschäft mit den Mondbriefen von Anfang an korrekt war.“

Weil Hermann Sieger ein aufrechter Geschäftsmann war, hatte er die 25 000 Dollar angelegt, die er den drei Astronauten versprochen hatte – in Briefmarken. Als Irwin, Scott und Worden nach Lorch reisten, um ihr Honorar in Empfang zu nehmen, fiel der Obolus um ein Mehrfaches höher aus als einst vereinbart. Eines Tages stand deswegen ein FBI-Beamter vor Siegers Tür. Er wollte überprüfen, ob die Astronauten ihr Honorar für die Kurierdienste korrekt versteuert hatten. Binnen Minuten hatte Sieger die Mappe mit den Papieren parat. Die schwäbische Gründlichkeit beeindruckte den Beamten, noch nie habe er einen solchen Service erlebt, bekundete er. Nach kurzem Durchblättern beschied er: alles in Ordnung.

Der US-Astronaut James Irwin blieb bis zu seinem Tod im Jahre 1991 ein guter Freund von Hermann Sieger. Mehrmals besuchte er ihn in Lorch. Im Flur in Lorch hängt ein Foto von Irwin, auf dem der Astronaut vor der amerikanischen Flagge salutiert. Darunter hat er geschrieben: „Für Hermann Sieger, beste Grüße vom ersten Postbüro auf dem Mond.“

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Erstellt:
22. März 2019, 03:04 Uhr

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