Haufenweise Müll im Biotop

Putzede der BUND-Ortsgruppe Backnang mit traurigem Erfolg. Unermüdlicher Kampf gegen Gedankenlosigkeit.

Dirk Jerusalem koordiniert die Putzede in Backnang. Ihn betrübt Jahr für Jahr, wie viel Müll achtlos in der Natur entsorgt wird. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Dirk Jerusalem koordiniert die Putzede in Backnang. Ihn betrübt Jahr für Jahr, wie viel Müll achtlos in der Natur entsorgt wird. Fotos: J. Fiedler

Von Marina Heidrich

BACKNANG. Samstag, 27. Februar. Es ist ein wunderschöner Morgen. 14 Grad und sonnig, nicht zu kalt, nicht zu warm. Man könnte das Wochenende mit einem kleinen Spaziergang oder einem genüsslichen Einkauf auf dem Wochenmarkt einläuten. Nicht so die acht Personen, die sich in Backnang im Bereich des Weissach-Biotops auf Höhe des Finanzamtgeländes treffen. Diese Menschen haben etwas ganz anderes vor. Sie sind Mitglieder der BUND-Ortsgruppe Backnang und räumen in ihrer Freizeit den Dreck ihrer Mitmenschen weg. Freiwillig.

Koordinator Dirk Jerusalem hat schon bei der Anmeldung darauf geachtet, dass die Teams in Zweiergruppen möglichst aus einem Haushalt stammen, damit alles gemäß der aktuellen Coronaverordnung ablaufen kann. Gesichtsmasken sind Bedingung.

Auch zwei alte Bürostühle gehören zu den Fundstücken.

Die Gruppe trifft sich mit dem nötigen Abstand am Eingang zum Biotop „Am Rosslauf“. Dort werden Müllsäcke, Müllgreifer und Reflektorwesten verteilt, und dann geht es los. Das Aufräumen im zuvor in Teilstücken markierten Gelände wird in Angriff genommen. Nach knapp zweieinhalb Stunden beträgt die traurige Ausbeute bereits knapp ein Dutzend gefüllte Müllsäcke, mehrere größere Gegenstände – und zwei alte Bürostühle. Und das alles nicht etwa in der reichlich frequentierten Innenstadt, sondern im Biotop. Besonders bedenklich ist: Immer wieder stoßen die BUND-Mitglieder auf wilde Müllablagerungen. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass zum Beispiel bei Hochwasser entlang der Flüsse und Bäche viel Unrat angeschwemmt wird, der sich in Baumwurzeln verfängt oder die Uferböschung verschmutzt. Die Überlaufbecken der örtlichen Kläranlagen sind oft zu klein und überlastet, insbesondere mit Hygieneartikeln und feuchtem Toilettenpapier, das aus robusten Textilfasern besteht, die sich nicht im Wasser zersetzen. Dass auch kleine Dinge große Probleme verursachen können, zeigt sich am Beispiel von Zigarettenkippen. Für die Helfer ist es leichter, ein großes Müllteil zu erkennen und zu entsorgen – das Aufnehmen der vielen kleinen durchweichten Zigarettenstummel ist mühsam. Filter bestehen aus Cellulose, die aber mit Chemikalien angereichert und dadurch extrem robust werden. Es dauert deshalb etwa zehn bis 15 Jahre, bis ein Filter auf natürlichem Weg verrottet. Seit zehn Jahren ist Dirk Jerusalem nun schon dabei, genauso unermüdlich wie seine Mitstreiter setzt er sich aktiv für die Umwelt ein. Und genauso lang macht er jährlich dieselben frustrierenden Erfahrungen, dass es vielen Leuten vollkommen egal zu sein scheint, was mit dieser Welt passiert. So sammeln sie zum Beispiel seit vielen Jahren immer wieder an der gleichen Stelle die gleiche Marke an Wegwerfbechern auf. Ein extremer Kaffeeliebhaber scheint auf seinem Heimweg dringend Stärkung zu brauchen, und anstatt seinen Müll dann mit nach Hause zu nehmen, wirft er ihn stets im selben Bereich in die Landschaft.

Die BUND-Mitglieder wünschen sich, dass aufmerksame Passanten vielleicht mal Leute wie diesen gezielt ansprechen. „Den meisten ist gar nicht bewusst, dass im Endeffekt auch wertvolle Rohstoffe, die eigentlich in die gelbe Tonne gehören, achtlos weggeworfen werden“, erklärt Dirk Jerusalem – und wie zur Bestätigung leuchtet unter einem Busch ein kleiner, eiförmiger gelber Gegenstand aus Plastik, den er seufzend aufhebt. Oft ist es Gedankenlosigkeit, was man allerdings bei den wilden Müllablagerungen ganz bestimmt nicht behaupten kann.

Die Arbeit der Freiwilligen gleicht so einer Sisyphusaufgabe – immer wieder dasselbe und scheinbar umsonst. Verliert man da nicht die Motivation? Dirk Jerusalem muss nicht lange überlegen. „Wir brauchen die Freiwilligen und können nicht immer nur auf die offiziellen Hilfen hoffen. Im Übrigen ist der Mensch ein Herdentier: Wenn irgendwo schon Müll liegt, ist die Hemmschwelle niedriger, einfach etwas dazuzuwerfen. Wenn die Stelle sauber ist, dauert es wesentlich länger, bis der Erste wieder Müll dorthin wirft.“ Wichtig ist dem BUND auch, dass diese Arbeit im Biotop noch im Februar stattfindet. Denn bereits Anfang März suchen sich Vögel und andere Tiere ihren Nist- und Brutplatz. Die Balzzeit beginnt. Und da wären Aufräumarbeiten kontraproduktiv.

René Feinauer und Tanja Seid räumen den Müll an der Weissach zwischen der Alten Spinnerei und dem Marienheim weg.

© Jörg Fiedler

René Feinauer und Tanja Seid räumen den Müll an der Weissach zwischen der Alten Spinnerei und dem Marienheim weg.

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Erstellt:
1. März 2021, 06:00 Uhr

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