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Herausforderung für das Hörverhalten

Wahrnehmungslandschaften und Klanginstallationen beim „Drehmoment“-Eröffnungskonzert in der Backnanger Johanneskirche

Unkonventionelles, Ungewöhnliches, Unerhörtes war am Freitag in der Backnanger Johanneskirche zu erleben, eine echte Herausforderung für das Ohr und das Hörverhalten. Alle zwei Jahre realisiert die Kulturregion Stuttgart herausragende, ausstrahlende Projekte. In diesem Jahr entstanden so unter dem Titel „Drehmoment“ knapp 30 Kunstwerke, bei denen Kultur und Industrie zusammengeführt wurden.

Sam Auinger (rechts) und Hannes Strobl bilden seit 18 Jahren das Klangkünstler Duo TamTam.Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Sam Auinger (rechts) und Hannes Strobl bilden seit 18 Jahren das Klangkünstler Duo TamTam.Fotos: A. Becher

Von Christoph Rothfuß

BACKNANG. In seiner Begrüßung gewährte Kulturamtsleiter Martin Schick Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Backnanger Projekts: Bei einem Spaziergang durch die Stadt mit Sam Auinger seien verschiedene Locations besichtigt worden, doch die Wahl fiel dann relativ schnell auf die Johanneskirche.

Seit den frühen 1980ern beschäftigt sich Auinger mit Fragen der Komposition, der Computermusik, des Sound-Designs und der Psychoakustik, 2010 wurde er erster Stadtklangkünstler der Stadt Bonn. Weltweit sind temporäre und permanente Klanginstallationen von ihm zu finden, so auch in New York und Asien. Zusammen mit dem Bassisten und Komponisten Hannes Strobl bildet er seit 18 Jahren das Duo „TamTam“. Und mit dem ortsansässigen Regionalkantor Reiner Schulte an der Orgel war das Trio komplett. Mit einer Live Performance begann der Abend – bereits der Titel „Rheingold“ eröffnete ein weites Feld der Assoziationen und Konnotationen. Vater Rhein im 21. Jahrhundert: für Auinger war die erste akustische Begegnung mit dem Fluss ein Schock. Mit einem Hydrofon (Unterwassermikrofon) bekam das schwerindustrielle Gewässer eine beklemmende Dimension. Eine neue, bezuglose und nicht mehr heimatliche Welt beginnt, in welche das zahlreiche Publikum mit ihren Führern vordringt. Alles ist im epischen Fluss – Panta rhei. Lastkähne ziehen vorbei, schwebende Klänge und Geräusche erklingen, ein feines Säuseln ist zu vernehmen. Als weiterer Träger von akustischen Informationen dienen sogenannte „field recordings“, also die Aufzeichnung von nicht eigens erzeugten Klängen, natürlichen Schallereignissen. Richtige Wahrnehmungslandschaften, die nicht immer eindeutig zu identifizieren sind, umso mehr aber die Fantasie fordern. Mit der Zeit steigen Elektrischer Bass und Orgel ein; ein Ereignis, das zusätzliche Orientierung stiftet. Bei dieser hochspannenden Performance ist beständig jeder Augenblick des Suchens ein Augenblick des Findens.

Nach einer kurzen Umbaupause erfolgt der Start der Klanginstallation „raumfarben 07“, welche jetzt noch drei Wochen lang, täglich von 9 bis 19 Uhr, zu erleben ist. Das Backnanger Unternehmen d&b audiotechnik hat für das gesamte Projekt die eigens für diesen Anlass konzipierte Technik geliefert. Der Raumfarbenzyklus besteht aus elf Teilen, ein Loop dauert eine knappe Stunde. Die Ereignisdichte ist sehr gering, jeder Hörer wird kompromisslos auf seine akustische Wahrnehmung zurückgeworfen, Sam Auinger will so ein Zeichen gegen die visuelle Dominanz unserer Gesellschaft setzen. Seiner Meinung nach haben wir modernen Menschen eine Kultur des „Weghörens“ entwickelt, um in unserem Alltag störende Geräusche auszublenden. Genau diese unliebsamen Geräusche sind aber nun Medium und Inhalt der Kunst. Das ist irritierend, verstört manche – zwingt auf jeden Fall zum Nachdenken. Dass einem dabei auch noch die subjektive Zeitwahrnehmung einen Streich spielen kann, macht es nicht einfacher. Schmunzelnd erzählt Auinger von einem Spaziergang durch die Murr-Metropole, wo er zwei arbeitende Bagger nicht in erster Linie beobachtet, sondern belauscht hat: „Das war ein richtiges Stück!“ Diese Hör-Neugier transportiert sich tatsächlich aufs Publikum: Man ist bewegt und lässt sich mitnehmen in eine zeitlose, klangarchitektonische Welt. Vokalspuren, scheinbar regellos zupfende Streicher, platschende Regentropfen, feinstoffliche Akustikteppiche – Höre, wem zu hören gegeben!

27 Werke in der KulturRegion Stuttgart Info Das Produktionskunst-Festival „Drehmomente“ der KulturRegion Stuttgart zeigt noch bis zum 28. Oktober insgesamt 27 innovative Kunstwerke in der Region. Die Produktionskunst nimmt weiter Form an: Sie entsteht bei dem Projekt Drehmoment aus dem Aufeinandertreffen von Kunst und Industrie. Die teilnehmenden Künstler erschaffen ihre Kunstwerke mit den Möglichkeiten und Inspirationen vor Ort – dabei arbeiten sie mit unterschiedlichsten Unternehmen aus der Region zusammen. Mit dabei sind sowohl Weltkonzerne wie die Daimler AG (Mercedes-Benz Werk Sindelfingen), Recaro Aircraft Seating in Schwäbisch Hall oder Kärcher in Winnenden, mittelständische Familienunternehmen wie der Zeitungsverlag Waiblingen und Hidden Champions – zum Beispiel Uraca in Bad Urach, Hainbuch in Marbach am Neckar oder Stahlbau Urfer in Remseck – als auch Startups und Internetunternehmen wie IPO.Plan (Leonberg) und TeamViewer (Göppingen). Die Bandbreite der teilnehmenden Künstler reicht ebenso weit: von den Konzeptkünstlern Nora Al-Badri & Nikolai Nelles, die in Stuttgart mit der Arena 2036 zusammenarbeiten, über Joachim Sauter (ART+COM studios), der als Medienkünstler eine Installation mit einem Möbelstück von Walter Knoll (Herrenberg) entwickelt, bis hin zu Pop-Art-Künstler Andora, er wird in Filderstadt mit den Karl-Schubert-Werkstätten und der Herma GmbH arbeiten. Die entstandenen Werke werden beim Festival bis zum 28. Oktober in 21 Städten und Gemeinden der Region Stuttgart gezeigt. Bei einigen Projekten findet bereits der Entstehungsprozess in der Öffentlichkeit statt, so etwa in Ditzingen, wo Künstlerin Maike Sander zusammen mit der Steinwerkstatt Machmer die Bürger zur gemeinsamen Bearbeitung des Themas Trauerkultur und Friedhofsgestaltung einlädt. Das Projekt »Drehmoment« findet in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart statt und wird unterstützt vom Verband Region Stuttgart, von der LBBW-Stiftung und der Wüstenrot Stiftung. Alle Teilnehmer am Projekt gibt es unter https://www.kulturregion-stuttgart.de/was/drehmoment/
Regionalkantor Reiner Schulte begleitet das „Drehmoment“-Klangprojekt an der Orgel.

© Pressefotografie Alexander Beche

Regionalkantor Reiner Schulte begleitet das „Drehmoment“-Klangprojekt an der Orgel.

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Erstellt:
8. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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