Dokumentation im Ersten

Hirschhausen kämpft gegen digitale Drachen

Der TV-Mediziner befasst sich in einer Dokumentation mit täuschend echt wirkenden Internet-Spots, in denen er selbst Werbung für vermeintliche Wundermittel macht.

Eckart von Hirschhausen

© dpa/WDR Westdeutscher Rundfunk

Eckart von Hirschhausen

Von Tilmann P. Gangloff

Eckart von Hirschhausen ist der Arzt, dem nicht nur die Frauen vertrauen, und genau das ist das Problem: Deutschlands beliebtester TV-Mediziner steht im Internet mit seinem guten Namen für Dutzende Gesundheitsprodukte, die mindestens fragwürdig, wenn nicht gar schädlich sind. Das Spektrum reicht von Abnehmpulver über Schmerzmittel bis zu Medikamenten gegen Bluthochdruck; auf Pornoseiten wirbt er neuerdings für Potenzmittel. Das Problem dabei: Er selbst hat damit gar nichts zu tun. Selbst für geübte Augen sind die Auftritte kaum als Fälschungen zu erkennen, weil die Betrüger mit krimineller Raffinesse vorgehen: Die Werbespots nutzen Ausschnitte aus Hirschhausens Sendungen oder aus Talkshow-Auftritten und unterlegen sie mit neuem Text. Dank künstlicher Intelligenz, die sogar die Lippenbewegungen anpasst, würde wohl sogar der Moderator selbst drauf reinfallen: „Es ist ein ganz komisches Gefühl, sich selber zu hören und zu wissen, das habe ich nie gesagt. Und es ist gruselig, wie gut diese KI-Stimmen inzwischen sind.“

Gefährlicher medizinischer Unsinn

Wie Hirschhausen geht es auch vielen anderen Prominenten, aber er hat sich gewehrt und Meta verklagt; der US-Konzern betreibt unter anderem die Plattformen Facebook und Instagram. Nach einem zweijährigen Prozess hat das Oberlandesgericht Frankfurt das Unternehmen aufgefordert, aktiv nach diesen Fälschungen zu suchen und sie zu löschen. Was der Mediziner als „Kampf mit dem digitalen Drachen“ bezeichnet, wirkt jedoch eher wie ein Kampf gegen Windmühlen: „Passiert ist nichts, der Betrug geht weiter.“ Meta habe allein 2024 16 Milliarden Dollar Umsatz mit „bewusstem Betrug“ gemacht, und in Brüssel werde geltendes Recht nicht durchgesetzt – aus Angst vor der US-Regierung, wie eine EU-Abgeordnete in der Sendung „Hirschhausen und die Deepfake-Mafia“ (bereits in der ARD-Mediathek, am 4. Mai um 20.15 Uhr im Ersten) erklärt. Dabei gefährdet das Monopol der amerikanischen Tech-Konzerne nach Ansicht Hirschhausens „unsere Demokratie im Kern und auch die unabhängige Presse“.

Eckart von Hirschhausen hat vor 25 Jahren das medizinische Kabarett erfunden und mit seinen Bühnenprogrammen auf höchst unterhaltsame Weise viel zur gesundheitlichen Aufklärung beigetragen. Auch seine TV-Sendungen sind stets von einer gewissen Lockerheit geprägt. Davon kann in der Dokumentation keine Rede sein. Die Doku beginnt mit einem täuschend echten „Tagesthemen“-Interview, in dem Ingo Zamperoni den Mediziner nach einem Mittel gegen Diabetes befragt. In nur 17 Stunden, sagt Hirschhausen, könne man die Krankheit loswerden. Der Sprechduktus klingt ein bisschen unnatürlich, zumal Zamperoni seinen Gast mit einem freundlichen „Guten Morgen“ begrüßt, aber wer nicht auf solche Feinheiten achtet, wird das Interview für wahr halten. Der Inhalt jedoch, versichert der echte Hirschhausen im Gespräch mit dem echten Zamperoni, sei nicht nur „totaler Quatsch“, sondern auch „gefährlicher medizinischer Unsinn“.

Eine Suche nach den Hintermännern bleibt vergeblich

Ähnlich spannend ist eine Reise nach Brasilien. Im Stil eines investigativen Journalisten hat sich Hirschhausen dort mit einem Aussteiger getroffen. Der Informant schildert, mit welch’ perfiden Methoden die Gutgläubigkeit der Leute ausgenutzt wird, und zeigt unter anderem einen Verkaufsleitfaden, der ähnlich wie beim sogenannten Enkeltrick perfekt auf die jeweiligen Ängste der Anruferinnen und Anrufer abgestimmt ist. Mit Hilfe eines Experten für Online-Werbung führt Hirschhausen detailliert vor, woher die Betrüger ihr Wissen haben: „Gerade wenn Internetseiten umsonst sind, bezahlen wir mit dem Verlust unserer Privatsphäre.“

Eine Suche nach den Hintermännern bleibt vergeblich, das Firmengeflecht ist nicht zu entwirren: „Man kommt nicht an die Täter ran.“ Mit Galgenhumor ordert Hirschhausen eins der Zauberprodukte, das unter anderem angeblich die „innere Balance“ herstellt, denn die verliert er gerade. Kurzerhand ruft er selbst in einem Call Center an und gibt sich als „Jürgen Neumann, Anfang sechzig“ und Interessent für ein Mittel gegen Bluthochdruck aus. Der Mann am anderen Ende der Leitung versichert, das Produkt sei in Zusammenarbeit mit Eckart von Hirschhausen entwickelt worden. Fast flehentlich fragt der Mediziner anschließend in Richtung Publikum: „Wer bitte kann diesen Wahnsinn stoppen?!“

Womöglich der Gesetzgeber, immerhin wird das Strafrecht derzeit entsprechend reformiert, um die Persönlichkeitsrechte vor Deepfakes zu schützen. In diesem Sinn ist auch der Titel einer zweiten Sendung zu verstehen, auf die Hirschhausen zum Schluss hinweist: Collien Fernandes sei es zu verdanken, „dass wir endlich öffentlich über digitale Gewalt und Rufmord reden“. Um den Fall der Moderatorin, die ihrem Ex-Mann Christian Ulmen Identitätsdiebstahl vorwirft, geht es in der Doku „F*ck Deepfakes“ (demnächst in der ARD-Mediathek). All’ jenen, die im Internet nach Medikamenten suchen, rät Hirschhausen im Sinn des bekannten Werbehinweises: „Fragen Sie Ihren Arzt, Ihre Ärztin oder in der Apotheke“.

Hirschhausen und die Deepfake-Mafia. Montag, 4. Mai, 20.15 Uhr ARD und in der ARD-Mediathek

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Erstellt:
3. Mai 2026, 13:56 Uhr

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