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Hitzesommer bringen Veränderungen

Hohe Temperaturen und anhaltende Trockenheit bergen Gefahren für Wälder – Städtebau soll künftig grüner werden

Die Fichten sterben und auch die Eichen haben es zunehmend schwer. Weinsorten aus dem Mittelmeerraum finden ihren Weg hierher. Die Stadt Backnang versucht, dem Stadtklima durch Grünflächenmanagement entgegenzuwirken – längere Hitzeperioden bringen hierzulande viele Veränderungen mit sich.

Anhaltende Sommerhitze und Trockenheit bergen für den Wald Gefahren. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Anhaltende Sommerhitze und Trockenheit bergen für den Wald Gefahren. Foto: A. Becher

Von Lorena Greppo

BACKNANG. Wir stecken mitten in einer Hitzewelle, 35 Grad Celsius und mehr sind heute möglich. Klimaforscher sagen: In den kommenden Jahren werden sich diese Phänomene verstärken, sie haben schon in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. In vielen Bereichen des Alltags machen sich die Veränderungen bereits bemerkbar.

In den Wäldern in der Backnanger Bucht sei die Situation „teilweise apokalyptisch“, sagt Forstamtsleiter Martin Röhrs. Er ist bereits im 20. Jahr in der Region im Einsatz und verfolgt die Entwicklung im Forst kontinuierlich. Mit Erschrecken habe er festgestellt: „An Südhängen sterben inzwischen alle Baumarten ab.“ Nicht einmal die robusten Eichen, deren Wurzeln tief in den Boden ragen, bekommen an diesen Standorten noch ausreichend Wasser aus dem Boden. Dieses Problem habe er seit dem Rekordsommer 2003 in der Entwicklung beobachtet, so Röhrs. Seitdem seien die Grundwasserstände in den Leitböden gesunken und hätten sich nicht erholt. Der heiße und trockene Sommer des vergangenen Jahres habe die Lage noch verschlimmert: „Der Boden ist extrem ausgetrocknet“, erklärt Röhrs.

Manche Baumarten kommen mit der Trockenheit des Bodens besser zurecht als andere, so wie Eichen, nordamerikanische Douglasien oder seltenere Arten wie Robinien, Elsbeeren und Speierlinge. „Es ist eine kleine Palette solcher Sorten, von denen man sagen kann, dass sie das Klima besser vertragen“, weiß Röhrs. Aber auch jene Bäume könnten nicht alles überstehen. Als Forstamtsleiter setze er deshalb stets seine Hoffnungen auf regenreiches Wetter. „Wenn ich mir aber den Wetterbericht der nächsten zehn Tage anschaue, ist das für die Wälder katastrophal.“ Über kurz oder lang werde sich der sinkende Grundwasserspiegel auch auf die Trinkwasserversorgung auswirken. Und als wäre das alles nicht genug, ist diese Witterung auch noch der Nährboden für den Borkenkäfer, der eine zusätzliche Belastung für die Bäume darstellt (wir berichteten).

In den Weinbergen vollzieht sich der klimabedingte Wandel langsam, doch auch hier habe sich einiges verändert, sagt Günther Ferber, der Vorsitzende der Weingärtnergenossenschaft Aspach. Viele Wengerter hätten nun eine Anlage für Tröpfchenbewässerung installiert, weiß er. Gleichzeitig macht Ferber klar: „Wir bewässern nur, wenn wir unbedingt müssen.“ Das sei 2003, 2011 und im vergangenen Jahr unabdingbar gewesen. „Sonst wären uns die neuen Stöcke kaputt gegangen.“ Und das bedeute einen langfristigen Schaden, denn Rebstöcke müssen einige Jahre wachsen, bevor sie einen guten Ertrag bringen. Ab dem siebten oder achten Jahr seien die Wurzeln tief genug, so Ferber. Dann müsse eigentlich nicht mehr nachgewässert werden. „Zumal wir den Vorteil haben, dass die Bodenstruktur bei uns die Wurzeln sehr tief runterwachsen lässt.“ Doch auch er weiß: „Unsere Sommer werden nicht mehr regenreicher werden.“ Deshalb sei es wichtig, jeden Regentropfen sinnvoll zu nutzen. Vielerorts werden die Reben wieder mehr begrünt und der Boden aufgelockert.

Weil aber das Klima allgemein trockener werde, würde auch über den Anbau neuer Sorten nachgedacht, so Ferber. Als Beispiel nennt er die Rotweinsorte Syrah, die bisher vor allem im Mittelmeerraum angebaut wird. Diese könne auch längere Zeit ohne Regen auskommen, erklärt der Wengerter. Dagegen wandere der Riesling-Anbau langsam, aber stetig gen Norden. Dieser sei nämlich hitzeempfindlich.

Und einen weiteren Aspekt spricht Ferber an: „Die Weinlese verschiebt sich durch die Wärme nach vorne.“ Im vergangenen Jahr sei die Blütezeit etwa drei Wochen früher gewesen als sonst üblich. Seine Mutter könne sich auch noch gut erinnern, dass sie darum bangen musste, zum traditionellen Kelterfest in Kleinaspach im Oktober überhaupt reife Trauben zu bekommen. „Heute hängt da oft schon keine einzige Traube mehr am Stock.“ Um fast vier Wochen habe sich der Wachstumszyklus des Weins bereits verschoben.

In der Stadt machen sich vor allem der viele Beton und Asphalt bemerkbar. Beide Stoffe speichern Wärme. Zudem lassen versiegelte Oberflächen Regenwasser schneller ablaufen, wodurch die natürliche Kühlung durch verdunstendes Wasser verloren geht. „Neben den Bebauungsstrukturen ist zudem die große Anzahl verschiedener Emittenten, wie beispielsweise der Verkehr, Gewerbe und Industrie, für das Stadtklima mitverantwortlich“, erklärt Baudezernent Stefan Setzer. Um dem entgegenzuwirken, halte die Stadt Backnang beispielsweise Flächen mit klimatisch wichtiger Funktion von Bebauung frei. Setzer räumt aber auch ein, dass dies oft im Widerspruch zu der Forderung nach mehr Wohnraum und somit zur Nachverdichtung steht. Bei der Neubebauung von innerstädtischen Flächen werde aber grundsätzlich darauf geachtet, dass Frischluftschneisen nicht blockiert werden. Auch würde bei neuen Großprojekten auf grüne Freiflächen geachtet. Als Beispiel nennt Setzer die Obere Walke. Hier sei das Areal ehemals komplett versiegelt gewesen. Künftig gebe es einen Freiflächenanteil „von rund 30 Prozent, dies entspricht rund 1,5 Hektar neuer, klimawirksamer Grünflächen“.

Der städtische Baudezernent führt zudem an: „Auch beim Ausbau und der Sanierung von Straßen und Plätzen wurde und wird darauf geachtet, dass zusätzliche Bäume gepflanzt werden, die Kühlung durch Verdunstung und Beschattung bewirken.“ Allerdings werde der Wunsch nach mehr Bäumen an den Straßen oftmals dadurch erschwert, dass Leitungstrassen, also Abwasserkanäle oder Telekom-Leitungen, nicht mit Bäumen überstellt werden. Und: „Leitungsverlegungen sind in der Regel mit erheblichen Mehrkosten verbunden.“

Um einerseits den Sauerstoffgehalt in der Murr zu erhöhen, aber auch für einen Kühlungseffekt an heißen Sommertagen hatten die Grünen im Backnanger Gemeinderat im vergangenen Herbst angeregt, einen Springbrunnen zu installieren. Dieser Vorschlag wurde jedoch vom Landratsamt abgelehnt. Eine solche Anlage sauge mit dem Wasser auch Kleinstlebewesen an, hieß es. Das wirke sich negativ auf die Ökologie aus.

Der Wunsch nach einer grüneren Innenstadt stellt für die Stadt folglich oftmals einen Konflikt mit anderen Zwängen dar. Immerhin: Mit dem Plattenwald habe man „nicht nur ein wichtiges Naherholungsgebiet in Backnang, sondern auch eines der bedeutendsten Frischluftentstehungsgebiete unmittelbar angrenzend an die Kernstadt“.

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Erstellt:
26. Juni 2019, 06:00 Uhr

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