In einem Land vor unserer Zeit
Höhle in Neuseeland führt in eine verlorene Welt
Eine Höhle auf der Nordinsel Neuseelands hat sich als einzigartiges Refugium einer vergangenen Welt entpuppt. Die Fossilien in der Höhle sind rund eine Million Jahre alt.
© © Paul Scofield/Canterbury Museum
In einer Höhle Neuseelands haben Paläontologen Fossilien einer bislang unerforschten Ära entdeckt – darunter auch frühe Verwandte einiger ikonischer Vogelarten wie Kakapo und Takahe-Ralle.
Von Markus Brauer
Die Tierwelt Neuseelands umfasst viele Arten, die es nirgendwo sonst gibt. Diese Inseln trennten sich schon vor 80 bis 100 Millionen Jahren vom urzeitlichen Südkontinent Gondwana ab und blieben seither weitgehend isoliert.
Einzigartige Fauna auf Neuseeland
Durch die geografische Abgeschiedenheit konnte sich eine einzigartige, endemische Fauna entwickeln. Viele der Nischen, die auf den Kontinenten normalerweise von Säugetieren besetzt werden, sind auf den Inseln im Südpazifik von Vögeln belegt worden. So spielen auf Neuseeland flugunfähige Vögel eine wichtige Rolle. Zu ihnen gehören der Kakapo, der Kiwi, der Takahē und der Weka. Es gab Riesenpinguine und Riesenpapageien, große Laufvögel wie die Moas.
Allerdings klafft im Fossilbestand Neuseelands eine Lücke. „Aus unseren Ausgrabungen haben wir zwar Zeugnisse der Lebenswelt vor rund 20 bis vor 16 Millionen Jahren“, erklärt Paul Scofield vom Canterbury Museum in Christchurch. Fossilien aus der Zeit vor 15 Millionen bis einer Million Jahren fehlten weitgehend. „Damit fehlte nicht nur ein Kapitel aus der Vorgeschichte Neuseelands, sondern gleich ein ganzer Band.“
Fossilien aus der verlorenen Ära
Nun haben Paläontologen durch einen Fund auf der Nordinsel Neuseelands einen Teil dieser Lücke geschlossen. In der Moa Eggshell Cave im Waitomo-Gebiet stießen Forscher um Frevor Worthy von der Flinders University im australischen Adelaide auf einen verborgenen Hort von Fossilien verschiedener Vogel- und Amphibienarten.
Die Relikte lagen zwischen zwei Schichten vulkanischer Asche und sind zwischen 1,55 und einer Million Jahre alt, wie die Forscher im Fachjournal „An Australasian Journal of Palaeontology“ schreiben.
Blick in eine unerforschte Ära der Evolution
Moa Eggshell Höhle offenbart wie einem historischen Brennglas, welche Vögel und Frösche in dieser bisher unerforschten Ära auf Neuseeland lebten. Die Fossilien sind ein wichtiges Missing Link (englisch für fehlendes Bindeglied) – also eine noch unentdeckte fossile Übergangsform zwischen entwicklungsgeschichtlichen Vor- und Nachfahren.
Die Paläontologen haben bis dato Fossilien von vier Frosch- und zwölf Vogelarten entdeckt, darunter mehrere zuvor unbekannte Arten. „Dieser bemerkenswerte Fund zeigt, dass unsere urzeitlichen Wälder einst die Heimat einer vielfältigen Gruppe von Vögeln waren, die schon bald wieder verschwanden“, erklärt Worthy.
Strigops insulaborealis und Porphyrio claytongreenei
Unter den Funden ist auch ein früher Verwandter des Kakapo-Papageis. Dieser ist eher massig gebaut und kann nicht fliegen. Der jetzt entdeckte Vorfahre des Kakapos, Strigops insulaborealis, könnte jedoch noch flugfähig gewesen sein, wie die Paläontologen berichten.
Die schwächeren Beinknochen dieses Urzeit-Papageis deuten zudem daraufhin, dass Strigops weniger häufig kletterte als der Kakapo. Auch das könnte ein Hinweis auf seine Flugfähigkeit sein. Noch seien aber weitere Analysen nötig, um herauszufinden, ob Strigops flog oder nicht, berichten die Forscher.
Ebenfalls neu ist das Fossil eines Vorfahren der Takahē-Ralle. Dieser ebenfalls flugunfähige Vogel galt 1930 bereits als ausgestorben, bevor 1948 doch noch lebende Exemplare entdeckt wurden. Durch Nachzüchtungen und Schutzgebiete existieren jetzt wieder kleine Populationen dieser nur auf Neuseeland vorkommenden Vogelart. Die jetzt in der Höhle neu entdeckte Art Porphyrio claytongreenei gibt nun Einblick in die Evolution dieser seltenen Vögel.
„Dies ist eine für Neuseeland neue Vogelfauna. Sie wurde vor rund einer Million Jahren durch die Tierwelt ersetzt, der später die ersten Menschen begegneten“, erläutert Worthy. Aus ihren Funden schließen die Paläontologen, dass 33 bis 50 Prozent der damals auf der Nordinsel vorkommenden Arten ausstarben.
Warum starben die Tiere aus?
Eine katastrophaler Vulkanausbruch, der die Nordinsel vor rund einer Millionen Jahren mit einer meterhohen Ascheschicht bedeckte, könnte das Verschwinden dieser urzeitlichen Lebenswelt verursacht haben.
Bei dieser „Kidnappers“-Eruption spie der im Zentrum der Nordinsel liegende Supervulkan Mangakino mehr als 2750 Kubikkilometer Asche, Lava und Bimsstein. Es war damit einer der größten bekannten Vulkanausbrüche in der Erdgeschichte.
In der Moa-Eggshell-Höhle liegt die Asche dieser Super-Eruption unmittelbar über der Fundschicht mit den Fossilien. „Präsenz und Alter dieser Ablagerungen von der Kidnappers-Supereruption sprechen dafür, dass dieser Vulkanismus den Faunenwandel in diesem entscheidenden Zeitintervall beeinflusst“, schreiben die Paläontologen. „Die pyroklastischen Ströme und der dichte Aschenregen waren für viele dieser bodenlebenden Vögel verheerend.“
Erst Vulkan, dann Klimawechsel
Nach dem Vulkanausbruch veränderte sich weltweit das Klima. Das aufkommende Eiszeitalter brachte häufige Wechsel zwischen trockenen, kalten Perioden und wärmeren Zeiten. „Die sich wandelnden und verlagernden Wälder und Buschland-Habitate erzwangen einen Reset der Vogelpopulationen“, berichtet Scofield. Als Folge verschwanden viele zuvor häufige Spezies und andere, besser angepasste entwickelten sich.
„Unsere Studie belegt damit, dass Naturgewalten wie Supervulkane und dramatische Klimawechsel unsere einzigartige Tierwelt schon vor rund einer Million Jahren prägten und formte“, sagt Worthy.
