TV-Tipp
Hommage an Olivia Jones
Das herausragend gut gespielte TV-Drama „Olivia“ erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der in St. Pauli den Durchbruch als Travestiekünstlerin Olivia Jones schafft.
© ZDF/Bjørn Haneld
Johannes Hegemann als Olivia Jones
Von Tilmann P. Gangloff
„Abartig“, und das aus dem Mund der eigenen Mutter: Olivia Jones, Deutschlands bekannteste Travestie-Künstlerin, hat die nicht nur seelisch überaus schmerzhaften Erfahrungen der Jugendjahre in ihrer Autobiografie „Ungeschminkt“ beschrieben. David Ungureit hat daraus ein Drehbuch gemacht, das auch dank der ausgezeichneten Umsetzung durch Till Endemann weit mehr als bloß eine Hommage an die Dragqueen ist. „Olivia“ beschreibt zwar schonungslos realitätsnah, wie es ist, als Außenseiter in der Provinz aufzuwachsen (in diesem Fall in der niedersächsischen Kleinstadt Springe), aber der Film ist immer wieder verblüffend witzig: weil Oliver Knöbel eine ungemein sympathische große Klappe hat, wenn er sich in Olivia verwandelt.
Davon kann zunächst jedoch noch keine Rede sein, selbst wenn schon der junge Oliver ein „schrilles Doppelleben“ führt, wie der Titelzusatz des 2021 bei Rowohlt erschienenen Buches lautet. Die Handlung beginnt 1982, Oliver (Jahrgang 1969) schwebt in den Kleidern von Mutter Evelin (Annette Frier) durchs Wohnzimmer, und der Nachbar (Martin Brambach) kriegt den Mund nicht mehr zu. Evelin hat Angst, zum Gespött der Leute zu werden. Ihre Frage, was nur aus ihm werden soll, beantwortet der Film mit einem Zeitsprung ins Jahr 2016: Olivia Jones ist längst ein Star. Als Oliver 1989 von Gleichaltrigen verprügelt wird, weil er anders ist, beschließt er, nach St. Pauli auszuwandern. Evelin kommentiert seinen Traum von einer Karriere als Travestiekünstler mit dem Satz „Wer so was macht, ist Abschaum!“
Erneut konterkariert der Film einen Tiefschlag mit einem lakonischen Schnitt: Als der junge Mann in St. Pauli ankommt, guckt keiner komisch. Mit Kneipenbesitzer Marius (Daniel Zillmann) trifft Oliver, der sich nun als Olivia vorstellt, einen Bruder im Geiste. Marius gibt ihr Tipps, wo sie sich bewerben könnte, und als das nichts fruchtet, darf sie bei ihm auftreten. Nach ersten Erfolgen getreu dem Motto „Bis es euch gefällt“ traut sie sich schließlich, sich bei Lilo Wanders im Schmidt Theater zu bewerben; der Rest ist, wie es in solchen Fällen gern heißt, Geschichte.
Natürlich lebt „Olivia“ neben der stimmungsvollen und in vielerlei Hinsicht treffenden Liedauswahl (Nina Hagen, Queen, Bronski Beat, Gloria Gaynor) vor allem von dieser unvergleichlichen Aufstiegs-Story; Olivia Jones war sehr konkret an der Entwicklung des Drehbuchs beteiligt. Aber dass das vom ZDF völlig zu Recht als „Eventfilm“ angekündigte Drama ein Ereignis ist, liegt neben dem Drehbuch und den Dialogen vor allem am Hauptdarsteller: Wie sich Johannes Hegemann, meist auf der Bühne daheim, aber spätestens seit seiner Rolle als Hans Coppi in Andreas Dresens Widerstandsdrama „In Liebe, eure Hilde“ (2024) auch als Filmschauspieler ein Begriff, die Hauptfigur angeeignet hat, ist außerordentlich beeindruckend.
Seine Olivia ist keine Kopie, sondern gerade auch stimmlich eine eigene Persönlichkeit. Nicht zuletzt deshalb ist „Olivia“ weit mehr als bloß ein klassisches Bio-Pic: Mut macht der Film in erster Linie als Porträt eines Menschen, der allen Widerständen zum Trotz seinen Weg geht. Natürlich spielen dabei auch Masken- und Kostümbild eine wesentliche Rolle. Beide Gewerke sind gleichfalls preiswürdig, zumal es mit Stephan Kampwirth als Ernie Reinhardt alias Lilo Wanders eine weitere verblüffende Rolle gibt.
Nicht minder gut besetzt sind die Nebenfiguren. Martin Brambach ist gruselig gut als Inkarnation des Spießertums („Ab und zu ’ne ordentliche Tracht Prügel hätte Oliver wieder in die Spur gebracht“), und Annette Frier war bestimmt froh, dass Evelin, die das exakte Gegenteil ihrer eigenen Haltung verkörpern dürfte, gegen Ende noch die Kurve kriegt; die Versöhnung zwischen Mutter und Sohn ist die berührendste Szene des Films.
Wohltuend zurückhaltend ist diesmal auch der sonst gern als schrille Type besetzte Daniel Zillmann. Regisseur Till Endemann steht ohnehin für gute Ensemble-Leistungen, aber nicht nur deshalb ist das Drehbuch bei ihm offenkundig in den besten Händen gewesen. Der Regisseur hat seit „Flug in die Nacht – Das Unglück von Überlingen“ (2009) viele mehr als nur sehenswerte TV-Filme und spätestens mit „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ (2023) sein Meisterstück gedreht. Das Sterbedrama mit Iris Berben beeindruckte nicht zuletzt durch eine behutsame, überaus respektvolle Bildgestaltung. Bjørn Haneld war auch bei „Olivia“ wieder für die Kameraarbeit zuständig; die Rückblenden vermitteln mit ihren fahlen Farben subtil, wie sich der jugendliche Oliver in der Kleinstadt gefühlt haben muss.
Olivia. Bereits im ZDF-Stream – und am 13. Mai um 20.15 Uhr im ZDF
