Im Altersheim die große Liebe gefunden

Mutmacher-Geschichten: Gudrun Spillecke und Willi Huiss haben sich vor drei Jahren im Bürgerheim kennen und lieben gelernt. Hausleiterin Bettina Kleinknecht hat die beiden einsamen Herzen verkuppelt. Die anderen Bewohner freuen sich mit ihnen.

Sie waren beide nicht verheiratet, alleinstehend und einsam, als sie sich kennenlernten: Willi Huiss und Gudrun Spillecke. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Sie waren beide nicht verheiratet, alleinstehend und einsam, als sie sich kennenlernten: Willi Huiss und Gudrun Spillecke. Foto: A. Becher

Von Nicola Scharpf

BACKNANG. Man sagt, für manches sei es nie zu spät im Leben. Im Fall von Gudrun Spillecke und Willi Huiss ist es für die Liebe nicht zu spät gewesen. Vor ungefähr drei Jahren stand in beider Leben ein großer, gemeinhin oft mit Vorurteilen, bestimmten Vorstellungen und Ängsten behafteter Schritt an: das Aufgeben der eigenen Wohnung, der Umzug ins Altersheim, der Beginn des letzten Lebensabschnitts. Sie haben nicht erwartet, hier, im Backnanger Bürgerheim, die Liebe zu finden – die „große Liebe“, wie Gudrun Spillecke sagt, die „erste große Liebe“, wie Willi Huiss starke Worte wählt.

Der 74-Jährige und die 81-Jährige sitzen auf dem Sofa im Gemeinschaftsbereich ihrer Wohngruppe und stoßen miteinander aufeinander an – ausnahmsweise, zur Feier des Tages, weil sie sich freuen, über ihre Verbindung berichten zu können. „Gudruns Lieblingsgetränk ist Bitter Lemon“, erzählt Huiss. Er bevorzuge Tee. „Das macht munter.“ Als von Corona noch niemand sprach und die gemeinschaftlich genutzte Kaffeemaschine noch in Betrieb war, haben die beiden gerne miteinander Kaffee im Freien getrunken. „Das waren so schöne Momente“, erinnert sich Huiss. Spillecke erzählt, wie sie extra für die Mahlzeiten vom ersten Stock, wo sie ihr Zimmer hatte, in den zweiten Stock hochgekommen ist, um im dortigen Speisebereich gemeinsam mit Willi Huiss essen zu können. Als Corona das Beieinandersein auf feste Wohngruppen reduzierte, ermöglichte Hausleiterin Bettina Kleinknecht, dass Gudrun Spillecke in ein Zimmer in der gleichen Wohngruppe wie Willi Huiss einziehen konnte.

Überhaupt ist Bettina Kleinknecht diejenige, die dafür sorgte, dass die beiden Senioren zueinanderfanden. Einsam und suchend seien sie ihr beide vorgekommen, als sie im Abstand von vier Wochen im Sommer 2018 ins Bürgerheim kamen, sagt Kleinknecht. Also habe sie Treffen und Begegnungen arrangiert und siehe da, die Hausleiterin hatte ein gutes Gespür. „Ich war schneller in ihn verliebt als umgekehrt“, sagt Spillecke. „Ich habe spät gezündet, dafür jetzt umso mehr“, ergänzt Huiss. „Es war schon Liebe auf den ersten Blick, aber es hat sich gesteigert.“ „Seine ganze Art, das hat gleich harmoniert“, schwärmt sie und verrät, dass er im Bürgerheim begehrter Frauenschwarm ist. „Er strahlt schon Sympathie aus. Und er hat so eine tolle Stimme. In die habe ich mich verliebt.“ Dafür hat er sie gebeten, beim gemeinschaftlichen Singen, als gemeinschaftliches Singen in Vor-Corona-Zeiten im Bürgerheim noch erlaubt war: „Sing ganz leise.“ Singen ist nicht ihre Stärke. Gemeinsam haben sie, dass sie gern Bingo und „Mensch ärgere dich nicht“ spielen. Er macht gern Kreuzworträtsel und bastelt. Sie sieht im Fernsehen gern „Bares für Rares“ und die „Rosenheim-Cops“. Wenn sie zusammen fernsehen, diskutieren sie anschließend über das Gesehene. „Gudrun interessiert sich“, nennt er eine Eigenschaft, für die er sie schätzt.

Spillecke, in Backnang aufgewachsen, und Huiss, im Kinderheim christlich erzogen und viele Jahre in Kernen im Remstal zu Hause, waren beide nicht verheiratet. Schmetterlinge im Bauch, das Kribbeln, das mit dem Verliebtsein einhergeht, kennen sie aus jungen Jahren. Es fühle sich jetzt schon anders an, als als junger Mensch verliebt zu sein. „Was ist Freundschaft?“, fragt Huiss. „Das geht tiefer als manche Ehe.“ Kuscheln und körperliche Nähe ist für die beiden Spätverliebten wichtig. „Bevor es Corona gab, sind wir mal aus dem Speisesaal raus und haben geknutscht. Alle haben zugeguckt und haben nur die Köpfe geschüttelt“, erzählt Willi Huiss. „Die anderen Bewohner freuen sich mit uns“, ergänzt Gudrun Spillecke. Und Bettina Kleinknecht beansprucht lachend für sich: „Wenn die zwei heiraten, streue ich die Blumen.“ Huiss spaßelt: „Ich wünsche mir Zwillinge – ein Mädele und einen Bub.“ Und weiter: „Was, einen Hund wollen wir auch? Was für einen? Einen Bernhardiner?“ Liebevoll achselzuckend kommentiert sie seinen Humor: „Solche Sprüche kommen von ihm...“

Im Bürgerheim zu leben, gibt Huiss das Gefühl, angekommen zu sein. Dass er sich immer an einen gedeckten Tisch setzen kann, dass sein Zimmer sauber gehalten wird und er frische Garderobe hat, empfindet er nicht als Selbstverständlichkeit. „Ein frisches, sauberes Handtuch zu haben, selbst das kann eine Freude sein.“ Wenn er aus seinem Zimmerfenster schaut, in die Natur, wenn die Vögel zwitschern und die Eichhörnchen im Baum turnen, „dann denke ich manchmal, das ist der Garten Eden“. „Ich hätte es nicht besser treffen können.“

Als Gudrun Spillecke vor etwa drei Jahren ins Bürgerheim kam, war sie zuvor in Winnenden im Krankenhaus. Es ging ihr nicht gut – im Gegensatz zu heute. „Einen Partner zu haben, das gibt Schwung.“ Huiss meint, dass sich manche Menschen im Altersheim zu sehr aufgeben. Vieles sei Einstellungssache: „Man kann von allem etwas herausholen.“ Und noch mehr Lebensweisheit: „Gestern war vorbei.“ Das Liebespaar sagt, es lebe im Moment und denke nicht ans Ende – sondern in diesem Moment vielmehr ans Mittagessen. Pfannkuchen stehen auf dem Speiseplan. Mit jungenhafter Spitzbübigkeit sagt Huiss, dass er extra nicht gefrühstückt habe: „Ich esse heute mindestens fünf Pfannkuchen.“ Auch für solche Vorhaben ist es eben nie zu spät.

In der Serie Mutmacher-Geschichten berichten wir über Menschen, die ihr Glück gefunden haben, die schwierige Situationen gemeistert und ihre Träume verwirklicht haben. Damit setzen wir einen Gegenpol zu all den negativen Nachrichten, die jeden Tag in der Zeitung stehen.

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Erstellt:
10. April 2021, 16:00 Uhr

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