Im Rems-Murr-Kreis auf der Suche nach den Filetstücken des Baums

In Kaisersbach, Sulzbach und Murrhardt gibt es Sammelplätze für besonders wertvolles Holz. Hier nehmen überregionale Bieter die Stämme genau unter die Lupe, um edles Fensterholz, Furniere oder Instrumente daraus herzustellen.

Am Submissionsplatz bei Kaisersbach liegen ungefähr 390 Stämme mit insgesamt 702 Festmetern. Sie werden hier von potenziellen Käufern genau geprüft, die speziell auf der Suche nach Wertholz sind. Dafür müssen die Stämme so einige Kriterien erfüllen. Auch in Sulzbach und Murrhardt finden gerade solche Begutachtungen statt. Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

Am Submissionsplatz bei Kaisersbach liegen ungefähr 390 Stämme mit insgesamt 702 Festmetern. Sie werden hier von potenziellen Käufern genau geprüft, die speziell auf der Suche nach Wertholz sind. Dafür müssen die Stämme so einige Kriterien erfüllen. Auch in Sulzbach und Murrhardt finden gerade solche Begutachtungen statt. Fotos: Alexander Becher

Von Kristin Doberer

Rems-Murr. Mit akribischen Blicken begutachten Hans-Peter Fickler und seine zwei Mitarbeiter die zahlreichen Stämme, die sauber nebeneinander auf einer Wiese bei Kaisersbach liegen. Minutenlang wird das Holz analysiert, die Ergebnisse zu jedem Stamm werden notiert, ebenso wie ein konkreter Preis, den man zu zahlen bereit ist. Zwischen den Stämmen ist immer genug Platz, um sie von allen Seiten beurteilen zu können. Sind sie gerade gewachsen oder ist der Baum in eine Richtung verdreht? Ist der Stamm zumindest auf den ersten fünf Metern auch astrein? Sind Verletzungen, zum Beispiel von früheren Fällarbeiten oder durch Hirsche oder Käfer, zu erkennen? Gibt es Harzgallen, also mit Harz gefüllte Hohlräume? Hat der Baum durch Wind Holzdruck entwickelt, also auf einer Seite dickere Ringe als auf der anderen?

Aus dem Holz werden Instrumente, Fenster, Böden oder Vertäfelungen

Für Fickler vom Säge- und Hobelwerk Waltenhofen aus dem Allgäu sind all das mögliche Ausschlusskriterien. Denn er ist auf der Suche nach dem Besten der Besten, nach den Filetstücken der Bäume, wie er es ausdrückt. Aus ihnen nämlich sollen Musikinstrumente werden, edle Furniere, Fensterholz, Lamellen, Vertäfelungen oder Fußböden. Auch für den Bau von Schweizer Chalets sei dieses wortwörtlich astreine Wertholz gefragt. „Wir brauchen starkes und altes Holz“, betont er. Denn nur dann könne er seinen Kunden Holz ohne Astlöcher und Harzgallen anbieten, das sich noch dazu über die Jahre nicht verzieht. „Bei Holzdruck verziehen sich die Bretter später, das ist natürlich eine Katastrophe bei Fensterholz“, erklärt er und zeigt auf einen Baum, dessen Kern nicht mittig liegt.

Fickler ist einer von rund 30 potenziellen Kunden aus Deutschland und Österreich, die ein Angebot für das Wertholz aus dem Rems-Murr-Kreis und vier umliegenden Landkreisen abgeben können. Nicht alle kommen vorbei, um das Holz so genau unter die Lupe zu nehmen. Frank Hofmann von der Holzvermarktungsgemeinschaft Schwäbisch-Fränkischer-Wald geht aber von rund 15 Bietern aus, die sich die Stämme anschauen. Nicht alle, berichtet er, haben die gleichen Kriterien wie Fickler. „Andere Unternehmen wollen das Holz wieder anders verwenden.“ Dazu gehören zum Beispiel auch regionale Schreiner, die gar nicht zwingend das ganz teure und astreine Holz benötigen.

Hans Peter Fickler (rechts) erklärt, nach welchen Kriterien er Stämme auswählt. Dazu gehören unter anderem: keine Äste, wenig Harz und ein gerader Wuchs.

© Alexander Becher

Hans Peter Fickler (rechts) erklärt, nach welchen Kriterien er Stämme auswählt. Dazu gehören unter anderem: keine Äste, wenig Harz und ein gerader Wuchs.

Der Sammelplatz in Kaisersbach ist der größte im Rems-Murr-Kreis. 702 Festmeter Holz liegen hier, also rund 390 qualitativ hochwertige Holzblöcke, vor allem sind es Fichten und Tannen. Aber auch in Murrhardt und Sulzbach an der Murr finden sich zwei weitere sogenannte Submissionsplätze. Im Sulzbacher Fischbachtal zum Beispiel können die Käufer aktuell 98 Festmeter Fichtenholz und 217 Festmeter Tannenholz begutachten, in Murrhardt dagegen wird sich besonders auf das Rotholz konzentriert, auch damit Käufer, die sich speziell dafür interessieren, nicht mehrere Standorte abklappern müssen. Hier liegen also Kiefern, Lärchen und Douglasien für die Bieter bereit. Solche Sammelplätze speziell für Wertholz gibt es erst seit wenigen Jahren, sagt Frank Hofmann. Dahinter steckt die Idee, durch die Bündelung auch überregionale Kunden anzulocken und dadurch deutlich bessere Preise für die Waldbesitzer zu erzielen. „Wenn das hochwertige Holz auf dieser riesigen Fläche verteilt wäre, dann wäre es für diese Kunden gar nicht leistbar, sich alle anzuschauen“, sagt Hofmann. Die Folge wäre, dass das eigentlich wertvolle Holz auf dem Weltmarkt unter Wert verkauft werden müsste. Denn bei den Stämmen, die als potenzielles Wertholz auf die Bieter warten, handelt es sich um sehr alte Bäume mit Durchmessern von 60 bis zu 120 Zentimetern. Wirklich hochwertig sind allerdings nur die ersten fünf Meter, da diese auch tatsächlich astreines Holz ergeben. Der Rest des Baums wird von Bietern wie Fickler gar nicht beachtet, sondern lieg gestapelt am Wegrand und wird auf dem Weltmarkt veräußert. „Das wird quasi zur Salami“, kommt Fickler auf den Vergleich zu den gesuchten Filetstücken zurück.

Wertschätzung gegenüber dem Holz und langfristige CO2-Bindung

Bei so manchem Spaziergänger habe es schockierte Reaktionen gegeben angesichts der zahlreichen dicken Bäume, die am Wegesrand liegen, erzählt Revierförster Friedemann Friz. Dabei stamme das gesammelte Holz nicht aus Kahlschlägen. Das Holz auf dem Sammelplätzen werde von rund 130 Waldbesitzern aus fünf Landkreisen zusammengebracht. Außerdem hätten viele der nun gefällten Bäume die nächsten Jahre vermutlich nicht überstanden. Als Beispiel zeigt er auf eine 314 Jahre alte Fichte. „Der Waldbesitzer hat sich gemeldet, weil die Krone sehr schlecht aussah“, sagt der Revierförster. Ein weiterer trockener Sommer hätte vermutlich das Ende für den alten Baum bedeutet. „Wenn der Baum erstmal abgestorben ist, hat das Holz eigentlich nur noch Palettenqualität oder wird zu Brennholz, wodurch das gespeicherte CO2 wieder in die Atmosphäre gegeben wird.“ Ob der Stamm zu einer Orgelpfeife, einem Möbelstück oder einem Fenster verarbeitet wird, nun zumindest werde das CO2 auf jeden Fall langfristig gebunden, sagt er. „Hier genießt das Holz eine Wertschätzung und wird einer guten Verwendung zugeführt.“ Die Qualität des Holzes hängt übrigens sehr von der Pflege ab: von der regelmäßigen Entastung junger Bäume bis zur richtigen Menge an Licht zur richtigen Zeit. Was die Bieter bei ihrer Begutachtung als Ausschlusskriterien angeben, werde deshalb auch immer an die Waldbesitzer weitergegeben, versichert Frank Hofmann. „Damit die für die nächste Generation daraus lernen können.“

Revierförster Friedemann Friz erklärt, warum die alte Fichte gefällt wurde.

© Alexander Becher

Revierförster Friedemann Friz erklärt, warum die alte Fichte gefällt wurde.

Bis zum 5. Februar können die Säge- und Furnierwerke nun Angebote für die einzelnen Stämme abgeben, diese gehen dann an den Höchstbietenden und werden anschließend abgeholt und weiterverarbeitet. Für manche könne er sich vorstellen, bis zu 220 Euro pro Festmeter zu bieten, sagt Hans-Peter Fickler. Doch das unterscheide sich stark je nach Baum. „Wir schauen natürlich, bei welchen Bäumen wir die Ausgaben wieder rein bekommen“, sagt er. Denn es kommen noch Kosten für Transport, Verarbeitung, Trocknung und die Arbeitskräfte hinzu. Und trotz der genauen Betrachtung vor dem Bieten, gebe es immer ein gewisses Risiko, dass eine lange verjährte Verletzung den Baum im Inneren doch geschädigt hat.

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Erstellt:
25. Januar 2024, 06:00 Uhr

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