Im Reutle regt sich Widerstand

In dem schmucken Baugebiet in Allmersbach im Tal will ein Investor mehrere Wohngebäude errichten. Einige Anwohner haben einen Anwalt eingeschaltet und sprechen von Landschaftszerstörung. Schultes Ralf Wörner sieht das allerdings ganz anders.

Harald Bubeck (von links), Michael Sauter und Hans-Joachim Fischer stehen vor der Fläche im Allmersbacher Baugebiet Im Reutle, wo ein Investor mehrere Gebäude errichten will. Sie mahnen die Zerstörung eines Biotops an und fürchten als Anwohner um ihre Wohnqualität. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Harald Bubeck (von links), Michael Sauter und Hans-Joachim Fischer stehen vor der Fläche im Allmersbacher Baugebiet Im Reutle, wo ein Investor mehrere Gebäude errichten will. Sie mahnen die Zerstörung eines Biotops an und fürchten als Anwohner um ihre Wohnqualität. Fotos: A. Becher

Von Bernhard Romanowski

ALLMERSBACH IM TAL. Dass es sich in Allmersbach im Tal gut wohnen und leben lässt, weiß Michael Sauter nur zu gut. Schließlich wohnt er schon seit vielen Jahren dort. Auch sein Nachbar in der Straße Im Reutle, Harald Bubeck, schätzt die Wohnlage sehr. Umso mehr sind beide verärgert über ein Bauprojekt, das direkt in ihrer Nachbarschaft realisiert werden soll. Von insgesamt 30 neuen Wohneinheiten ist die Rede, die ein Investor dort bauen will. 20 dieser Einheiten werden in drei Gebäuden an dem Hang dort errichtet, wie Sauter und Bubeck beklagen. Denn dadurch sehen sie „ein wertvolles Biotop und eine wichtige Frischluftschneise für das gesamte Wohngebiet“ bedroht.

Um dagegen vorzugehen, haben sie einen Anwalt eingeschaltet. Auch eine Unterschriftenaktion haben sie durchgeführt. 160 Personen sprechen sich damit gegen das Bauprojekt aus, so Sauter auf Nachfrage. Auch wenn diese offenbar nicht alle Anlieger sind. Da letztlich der Gemeinderat über die Umsetzung entscheidet, waren die beiden Beschwerdeführer auch hier tätig. Sowohl der Ratsfraktion Neue Liste wie auch der UWV-Fraktion haben sie ihre Argumente gegen das Bauprojekt vorgetragen. „Wir haben ihnen sogar alternative Standorte für die Gebäude anhand von Luftaufnahmen vorgeschlagen“, berichtet Sauter weiter. Nur ein Mitglied des Rates sei bereit gewesen, sich „das Ausmaß der geplanten Bebauung zwischen dem ,Haus Schwarz‘ in der Schorndorfer Straße und den Reihenhäusern Im Reutle 17 bis 17/4 vor Ort mit uns anzusehen“, wie Sauter es formuliert. „Wir brauchen in Allmersbach preiswerten Wohnraum und keine Luxusimmobilien – wenn überhaupt“, so Sauters Meinung, der davon ausgeht, dass die Bevölkerungsentwicklung in den kommenden Jahren eher rückläufig sein werde. Auch von einem bestehenden Leerstand, der noch gar nicht erfasst worden sei, spricht er. Und die Tiefgarage, die für den Wohnkomplex eingeplant ist, werde nicht reichen für den Bedarf an Parkplätzen.

Im Übrigen sei zu berücksichtigen, dass der Bürgermeister von Allmersbach im Tal vorzeitig aus dem Amt scheidet und der Oberbürgermeister von Backnang auf dem Sprung nach Stuttgart ist, betont Sauter. „Unter diesen Gesichtspunkten ist die Weiterführung des geänderten Flächennutzungsplans meines Erachtens auszusetzen, bis neue Bürgermeister gewählt worden sind und die Akzente in der Gemeinde neu bewertet werden.“ Mittlerweile haben sich Sauter und seine Mitstreiter auch an Andreas Brunold vom Ortsverband Backnanger Bucht des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) gewandt. Brunold sah sich die Situation in Allmersbach an und verfasste namens des BUND seine Einwendungen gegen das Bauprojekt. „Die überplanten Flächen sind für das kleinräumige Klima wertvoll und unbedingt erhaltenswert. Der Unterzeichner konnte sich selbst davon überzeugen, dass über den überplanten Flächen eine ,Frischluftschneise‘ für den Ort Allmersbach existiert. Deren Entstehungsgebiet liegt oberhalb des Plangebiets, sodass die Luftaustauschströmungen ins Tal bei einer Bebauung empfindlich gestört werden würden“, schreibt Brunold in den Einwendungen. Diese Aspekte seien bei der Planung in keiner Weise berücksichtigt worden, meint er und sieht auch die geplanten Gebäude selbst als „überdimensioniert“ und als „gebietsunverträgliche Fremdkörper“. Zudem mahnt er an, dass eine nachhaltig ökologische Abführung des Oberflächenwassers in der Planung nicht erkennbar sei.

Brunold macht zudem dem Gemeinderat Backnang schwere Vorwürfe, genauer gesagt dem Technischen Ausschuss. Dort war das Allmersbacher Baugebiet Im Reutle insofern Thema, als die Mitgliedskommunen der Vereinbarten Verwaltungsgemeinschaft Backnang über die Anpassung des Flächennutzungsplans (FNP) beraten, die für das Bauprojekt in Allmersbach notwendig ist. Brunold spricht von einer Überrumpelung der Backnanger Ausschussmitglieder durch die Stadtverwaltung. Anders sei die Zustimmung des Gremiums zur „Zerstörung eines wertvollen Biotops auf der grünen Wiese und ohne selbst vor Ort gewesen zu sein“ nicht zu erklären, so der BUND-Vertreter: „Das empfinde ich als wirklichen Skandal.“ Der Allmersbacher Bürgermeister Ralf Wörner erklärt auf Nachfrage, dass das Baugebiet vor über drei Jahrzehnten und vor Beginn seiner Amtszeit angelegt wurde. Allerdings konnte dort nie etwas umgesetzt werden, weil sich die Grundstückseigentümer verweigerten. Das habe sich mittlerweile geändert. Als kleinste Gemeinde im Rems-Murr-Kreis ist jede Fläche in Allmersbach umso wertvoller, erläutert Wörner und betont: „Unser Grundsatz in Allmersbach war immer: Innen vor außen. Also erst die innerörtlichen Flächen zu füllen, bevor man die Außenbereiche außerhalb davon bebaut.“ Dies sei Im Reutle auch der Fall.

Es gab laut Wörner zwei Varianten der Bebauung, die im Gemeinderat zur Debatte standen. Zwischen einer lockeren Bebauung und einer intensiveren habe sich der Rat für eine Lösung ausgesprochen, die quasi in der Mitte dieser beiden Planungsvarianten liege. Mit einem Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan sei nun der allererste Schritt des weiteren Verfahrens erfolgt, in dem die Beteiligung der Bürger vorgesehen ist. Auch die Umweltaspekte kommen noch zum Tragen. „Wir machen dazu längerfristige Beobachtungen“, sagt Wörner. Die Prognose Sauters von einer schrumpfenden Bevölkerung mit weniger Bedarf an Wohnraum sieht der Schultes als Fehleinschätzung. Auch dem Argument, dass eine Frischluftschneise und ein wertvolles Biotop durch das Bauprojekt gefährdet seien, kann er nichts abgewinnen.

Dass es womöglich einige Obstbäume auf einer Fläche gebe, werde mitunter als Totschlagargument missbraucht. Die Maßnahmen zum Umgang mit dem Oberflächenwasser in solchen Baugebieten seien vom Land vorgegeben und würden von Ingenieuren geprüft. Die von den Baugegnern vorgeschlagenen Alternativflächen hätten aufgrund der Haltung der Grundstückseigentümer kaum Aussicht auf Erfolg.

Derzeit werde in den Nachbarkommunen im Rahmen der Vereinbarten Verwaltungsgemeinschaft die notwendige Anpassung des Flächennutzungsplans für das Baugebiet Im Reutle behandelt. Dieser ist die Grundlage für den Bebauungsplan, der im weiteren Verfahren zu erstellen ist. Man werde sich auch im Allmersbacher Gemeinderat zu gegebener Stunde damit befassen und jeden einzelnen Punkt der Einwendungen gegen das Bauprojekt ernst nehmen, so Wörner.

Aufgrund des aktuellen Pandemiegeschehens und der erhöhten Infektionsgefahr wird der Flächennutzungsplan in der heutigen Ratssitzung in Allmersbach aber noch nicht behandelt, um zu vermeiden, dass im Besucherbereich möglicherweise der vorgeschriebene Abstand nicht eingehalten werden kann.

BürgermeisterRalf Wörner

© Alexander Becher

Bürgermeister Ralf Wörner

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Erstellt:
25. November 2020, 06:00 Uhr

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