Impfpflicht – oder was?

Warum politische Mehrheiten nicht reichen, um obligatorische Impfungen durchzusetzen

Stuttgart Noch nie war es so leicht wie heute, sich über die Gefahren einer Infektion mit dem Masernvirus zu informieren – und über den Nutzen, den eine Impfung bringt. Wenige Klicks genügen, um im Internet eine Reihe exzellenter Informationsquellen zu finden. Wer den Fakten unvoreingenommen begegnet, kann sich eigentlich nicht mehr gegen eine Immunisierung entscheiden.

Genau dies jedoch tun allein in Baden-Württemberg – mit einer Quote von 89,5 Prozent der Schulanfänger bundesweit Schlusslicht bei der zweiten Masernimpfung – Zehntausende Bürger. Nicht alle sind verbohrte Überzeugungstäter. Für exzellente Desinformation, die etwa verunsicherte Eltern anspricht, reichen ebenfalls wenige Klicks. Aber allesamt sorgen sie dafür, dass der Südwesten fast als so etwas wie Deutschlands Seuchenschleuder gilt.

Glaube steht gegen Vernunft beim Thema Impfen. Blanke Angst gegen nüchterne Risikoabwägung. Natürlich ist die Gefahr, einen Impfschaden zu erleiden, real. Aber die Gefahr, einer der schweren und potenziell lebensbedrohlichen Masernkomplikationen zum Opfer zu fallen, ist statistisch gesehen um ein Vielfaches höher. Ganz ohne Impfungen gäbe es jedes Jahr Dutzende Maserntote in Deutschland. Niemand würde dann wohl den Nutzen der Immunisierung infrage stellen.

Was also tun, um mehr Menschen dazu zu bringen, sich selbst, die eigenen Kinder und damit auch das Leben jener zu schützen, für die eine Impfung noch nicht (Säuglinge) oder nicht mehr (geschwächte Patienten) infrage kommt? Jeder ohne Impfschutz, der an Masern erkrankt, ist für seine Mitmenschen eine Bedrohung. Die Weltgesundheitsorganisation fasst es so zusammen: Die Impfgegnerschaft steht in Sachen Gefährlichkeit auf einer Stufe mit der Tropenseuche Ebola, mit der wachsenden Antibiotikaresistenz, der Luftverschmutzung und der Übergewichtsepidemie, weil sie ebenfalls Millionen Todesfälle verursacht.

Angesichts der jüngsten Masernausbrüche diskutiert die Politik erneut die Einführung einer Impfpflicht. Der Zeitpunkt dafür scheint näher zu rücken. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn ist dafür. Erhöhte Anstrengungen in Sachen Aufklärung haben nicht den erhofften Erfolg gebracht. Zwangsmaßnahmen wie ein zeitweiser Kita-Ausschluss für nicht geimpfte Kinder und Bußgelder bei Verweigerung von Impfberatungen sind schon Gesetz. Eine Impfpflicht, wie es sie bis 1983 gegen die Pocken gab, scheint da fast als nächster logischer Schritt. Aber die Verantwortlichen stehen vor keiner leichten Entscheidung. Wie jeder medizinische Eingriff stellt auch die Immunisierung einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Menschen und seine Selbstbestimmung dar. Ebenso berührt ist die Religionsfreiheit, weil es in vielen Glaubensgemeinschaften Gruppen gibt, die Impfungen ablehnen.

Mit anderen Worten: Es braucht nicht nur politische Mehrheiten, um eine Impfpflicht zu verabschieden; erforderlich sind letztlich auch Mehrheiten vor den höchsten Gerichten, um die Impfpflicht durchzusetzen. Eine Klagewelle jedenfalls gilt als sicher. Frankreich und Italien haben jüngst Impfpflichten beschlossen. Der Widerstand war und ist erheblich, das Thema hat Wutbürgerpotenzial. Ob die Impfquoten am Ende steigen, bleibt abzuwarten. Die deutsche Politik könnte zu dem Schluss kommen, dass es besser ist, auf dem sanften Weg der Überzeugung zu bleiben. Dazu bräuchte es mehr engagierte Ärzte – und einen Staat, der die Erforschung der Sicherheit neuer Impfstoffe nicht den Herstellern überlässt und mit dem Thema Impfschäden offener umgeht, als das bisher der Fall ist.https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.masernfaelle-nehmen-zu-minister-lucha-impfpflicht-darfkein-tabu-sein.c36b02db-1668-4209-be03-de07acafe808.html

willi.reiners@stzn.de

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Erstellt:
27. März 2019, 03:04 Uhr

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