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In 18 Monaten blüht das Paradies

Reiner Seitz, Gärtner der Gemeinde Aspach, steckt viel Herzblut und Zeit in das Projekt „Insektenwiesen“

In Aspach entstehen derzeit Insektenwiesen. Der Bauhof der Gemeinde bearbeitet 800 Quadratmeter Fläche, um sie zu Heimat und Futterstätte für Wildbienen und Co. zu machen. Dazu wird eine spezielle Saatgutmischung verwendet.

Der Blick vom Föhrenberg hinunter offenbart das Problem: Zwar sieht man viel „grün“ und viel Landschaft, doch es sind hauptsächlich Anbauflächen für Mais und Getreide, nur vereinzelt Wiesen und somit auch kaum noch Lebensraum fürs Insekten. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Der Blick vom Föhrenberg hinunter offenbart das Problem: Zwar sieht man viel „grün“ und viel Landschaft, doch es sind hauptsächlich Anbauflächen für Mais und Getreide, nur vereinzelt Wiesen und somit auch kaum noch Lebensraum fürs Insekten. Fotos: A. Becher

Von Silke Latzel

ASPACH. „Jeder Einzelne kann etwas tun. Und wenn es nur zehn Quadratmeter im Garten sind, auf denen nicht gemäht wird, auf denen es kein englischer Rasen sein muss. Dann die richtige Samenmischung einpflanzen, mit der Blumen wachsen, die den Insekten nicht nur Nektar geben, sondern auch Pollen – da wäre uns allen schon viel geholfen.“ Reiner Seitz arbeitet als Gärtner beim Aspacher Bauhof. Schon seit seiner Jugend interessiert er sich für Insekten, besonders angetan haben es ihm die Schmetterlinge. Über diese ist er auch auf das Thema Insektensterben gekommen: „Mir ist mit der Zeit aufgefallen, dass es immer weniger Falter gibt.“ Das Wissen, das Seitz in diesem Bereich mitbringt, setzt er bei seiner Arbeit in Aspach praktisch um. Das jüngste Projekt: Insektenwiesen.

Wiesensalbei, Glockenblumen, Kräuter und Königskerzen

„Wir haben hier in der Gemeinde schon immer Blumenwiesen gehabt, die auch wirklich schön geblüht haben. Nur waren diese nicht unbedingt für unsere heimischen Insekten geeignet. Ich will in den Wiesen zum Beispiel keine Honigbienen haben, sondern Wildbienen. Die sind nämlich die deutlich besseren Bestäuber und schon bei einer Temperatur von nur fünf Grad unterwegs, während die Honigbienen erst ab elf Grad fliegen.“

Die neu angelegten Insektenwiesen haben in Aspach hohe Wellen geschlagen. Allerdings nicht im negativen Sinne. In den sozialen Netzwerken wurden Fotos gepostet, die die Wiesen in der Entstehungsphase zeigen – und dort ist nicht gleich zu erkennen, was genau passiert. Man sieht nur, dass eine Fläche, auf der früher Blumen waren, jetzt quasi aus „Schotter“ besteht. Das führte zu Diskussionen. Und genau darüber zeigt sich Seitz sehr erfreut: „Wir haben die Bürger so auf das Thema aufmerksam gemacht. Sie sind es nämlich, die umdenken müssen. Und sie sind nun einmal auch die besten Multiplikatoren, die online die Informationen weitergeben.“

Wieso die Wiesen noch nicht als Wiesen zu erkennen sind, hat auch einen ganz einfachen Grund, erklärt der Gärtner: „Wir müssen zuerst den Stickstoffanteil im Boden reduzieren und ihn mit diesem Schotter abmagern. Nicht abgemagerte Böden fördern das Wachstum von Gräsern, wir brauchen aber Kräuter und Wildblumen, die auf kalkhaltigen Böden wachsen, wie sie früher einmal normal waren. Der heutige Stickstoffanteil beträgt ungefähr den Anteil, der in den 50er-Jahren in der Landwirtschaft als Dünger ausgebracht wurde – nur haben wir ihn heute auch auf Flächen, die gar nicht gedüngt wurden.“ Schuld daran seien unter anderem der Schadstoffausstoß von Industrie, Verbrennungsmotoren und Pestiziden.

Die Saatgutmischung, die derzeit auf den Flächen in Aspach verteilt wird, ist eine spezielle Mischung, „die man nicht im Baumarkt kaufen kann“, so Seitz. „Sie orientiert sich an den heimischen Pflanzen, die hier schon vor 300 Jahren gewachsen sind. Die brauchen wir. Das sind hauptsächlich Kräuter, aber auch Wiesensalbei, Margeriten, Königskerzen, Glockenblumen und Wegerich.“ Insgesamt 800 Quadratmeter Fläche, mal größere Parzellen, mal kleinere, werden so auf dem Gemeindegebiet zu Insektenwiesen. Blühen werden die Pflanzen allerdings erst in etwa 18 Monaten. „Das ist auch der Unterschied zu den herkömmlichen Mischungen: Unsere ist auf Langlebigkeit ausgelegt, die Wiese wird in den nächsten zehn Jahren immer wieder blühen, wir werden sie auch erst im Februar oder März mähen, über den Herbst und Winter bleibt sie unberührt. Das ist wichtig für die Vögel, die finden dann dort Nahrung.“

Seitz ist mit viel Herzblut bei der Sache, setzt sich für den Schutz der Insekten auch in seiner Freizeit ein. „Um das Ruder noch einmal herumzureißen, brauchen wir zwar die Politik, aber dort passiert nichts. Die Schuld für das Insektensterben liegt meiner Ansicht nach auch nicht bei den Bauern. Die können nichts dafür. Wären die Menschen bereit, mehr für ihre Nahrung auszugeben, und würden sie nicht immer alles nur billig kaufen wollen, dann sähen sich die Landwirte auch nicht gezwungen, so viele Pestizide einzusetzen, um dem Ernteausfall entgegenzusteuern und immer größere Massen zu produzieren, damit sie von der Ernte überhaupt noch leben können.“

Saatgutmischung gibt es ab August beim Aspacher Bauhof

Deshalb komme es auf jeden Einzelnen an, so Seitz. „Wir reagieren immer erst dann, wenn es zu spät ist. Und das Insektensterben ist nur die Auswirkung dessen, dass wir uns schon seit Jahren falsch verhalten.“ Tipps für den Schutz der Insekten, die man ganz einfach umsetzen kann, hat er auch: „Das Kaufverhalten überdenken: Regional und vor allem saisonal kaufen. Keiner braucht Tomaten oder Erdbeeren im Januar. Dann das Fahrrad, die S-Bahn und auch mal wieder die eigenen Füße benutzen, statt überall immer mit dem Auto hinzufahren, da wird schon viel Stickstoff eingespart. Und in diesem Zusammenhang – auch wenn das Thema Elektromotor noch nicht ganz ausgereift ist und auch noch seine Tücken hat: Der Verbrennungsmotor muss weg.“ Und natürlich: „Insektenfreundliche Wiesen schaffen. Jedes bisschen hilft. Und jeder Mensch hat hier eine Verantwortung.“

Die spezielle Saatgutmischung, die der Aspacher Bauhof für seine Insektenwiesen verwendet, ist für die Bürger ab August dort erhältlich.

Reiner Seitz bringt die Samenmischung auf eine der vorbreiteten Flächen, hier in Allmersbach am Weinberg, auf. Danach wird das Saatgut mit der Handwalze in den Boden gedrückt und gewässert.

© Pressefotografie Alexander Beche

Reiner Seitz bringt die Samenmischung auf eine der vorbreiteten Flächen, hier in Allmersbach am Weinberg, auf. Danach wird das Saatgut mit der Handwalze in den Boden gedrückt und gewässert.

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Erstellt:
15. Mai 2019, 11:30 Uhr

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