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Jede Menge Leben im neuen Hospiz

Großer Andrang beim Tag der offenen Tür – In einer Woche geht der Neubau auf dem ehemaligen Krankenhausareal in Betrieb

Als „Haus des Lebens“ bezeichnen Heinz Franke und seine Mitstreiter das neue stationäre Hospiz in Backnang. Mit so viel Leben hatte aber selbst der Vorsitzende der Hospizstiftung Rems-Murr nicht gerechnet. Mehrere Hundert Besucher nutzten den Tag der offenen Tür am Samstag, um kurz vor dem Einzug der schwer kranken Gäste einen Blick in den Neubau auf dem ehemaligen Krankenhausareal zu werfen.

Für den Tag der offenen Tür hat das Hospizteam eines der zwölf neuen Zimmer exemplarisch eingerichtet. Die ersten Gäste werden aber erst in einer Woche hier einziehen. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Für den Tag der offenen Tür hat das Hospizteam eines der zwölf neuen Zimmer exemplarisch eingerichtet. Die ersten Gäste werden aber erst in einer Woche hier einziehen. Fotos: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Den Tod aus der Tabuzone holen und wieder in die Mitte der Gesellschaft bringen – das ist ein Ziel der Hospizbewegung. Und das ist am Samstag gelungen: Schon kurz nach der offiziellen Eröffnung um 11 Uhr herrschte in den Zimmern und Fluren des Neubaus dichtes Gedränge. Und bei der ersten Hausführung war der Andrang so groß, dass die Gruppe geteilt werden musste. „Mit einer solchen Resonanz hätten wir nicht gerechnet“, staunte auch Heinz Franke. Für den rührigen Stiftungsvorstand, ohne den es das Hospiz nicht geben würde, ein weiterer Beleg dafür, dass der Neubau die richtige Entscheidung war: „Das große Interesse zeigt, wie wichtig dieses Thema für unsere Gesellschaft ist.“

Die letzten Tage vor dem Eröffnungsfest waren für Franke und sein Team eine Zitterpartie. Würde alles pünktlich fertig werden? Noch am Freitag sei das Haus eine Baustelle gewesen, verrät Franke. Doch dank einer Nachtschicht der Handwerker konnten die Besucher am Samstag tatsächlich ein weitgehend fertiges Haus besichtigen, wenn man mal von ein paar herunterhängenden Kabeln und der einen oder anderen fehlenden Steckdose absieht. Exemplarisch hatte das Hospiz-Team auch schon mal eines der zwölf Gästezimmer fertig eingerichtet, inklusive Blumen und einem aufgeschlagenen Buch auf dem Nachttisch. Tatsächlich findet der Umzug vom nur einen Steinwurf entfernten alten Hospiz allerdings erst in einer Woche statt. Den Handwerkern bleibt also noch ein bisschen Zeit für die letzten Handgriffe.

Die letzten Tage sollen frei von Zwängen sein

Die Besucher – unter ihnen auch Oberbürgermeister Frank Nopper und Landrat Richard Sigel – hatten am Tag der offenen Tür nicht nur die Möglichkeit, das 4,5 Millionen Euro teure Gebäude zu besichtigen, sie bekamen auch Einblicke in die Hospizarbeit. Wer in ein Hospiz kommt, der weiß, dass seine Tage gezählt sind: Im Schnitt bleiben den unheilbar kranken Menschen noch drei bis vier Wochen bis zum Tod. Anders als im Krankenhaus geht es im Hospiz daher nicht mehr um Therapie, sondern darum, Leiden zu lindern und den Patienten, die hier Gäste genannt werden, bis zuletzt eine möglichst hohe Lebensqualität zu ermöglichen. „Natürlich wird in diesem Haus gestorben, aber es wird hier auch bis zum letzten Tag gelebt“, erklärte Franke und führte die Besucher etwa in die große Wohnküche, in der sich die Bewohner untereinander und mit ihren Angehörigen treffen können. In dem hellen und farbenfrohen Haus sollen sie sich wie in einer Familie fühlen.

Aufgrund des Personalschlüssels und der Unterstützung durch ehrenamtliche Kräfte habe man auch Zeit für Gespräche, erklärte Pflegedienstleiterin Ulrike Barth: „Das ist uns im Zweifel auch mal wichtiger, als den Bewohner zu waschen“. Anders als im Krankenhaus gibt es im Hospiz auch keinen festen Tagesablauf: „Wenn jemand bis 10 Uhr schlafen möchte, dann soll er bis um 10 Uhr schlafen“, so Franke. Die letzten Tage im Leben sollen frei von Zwängen sein.

Auch das Essen spielt am Lebensende oft noch eine wichtige Rolle. Ob Spargel, Pizza oder der Schweinebraten, den früher die Oma so gut gekocht hat – das Hospizteam versucht fast alle kulinarischen Wünsche zu erfüllen. Oft seien aber auch ganz einfache Dinge gefragt, berichtet Regina Weber, die ehrenamtlich im Hospizteam mitarbeitet. Eine Auswahl der besonders beliebten Speisen servierte sie am Samstag auch den Besuchern beim Tag der offenen Tür: Grießbrei, Kartoffelbrei und Leberwurstbrote. Dazu ein Eierlikör, der den schwer kranken Gästen bisweilen auch als Eiswürfel zum Lutschen serviert wird.

Für viele Besucher verlor der Gedanke an den Tod durch diesen Besuch ein wenig von seinem Schrecken: „So wie hier würde ich mir das wünschen“, meinte etwa Gabriele Ilg-Wilhelm, die „aus einem Bauchgefühl“ zusammen mit ihrem Mann aus Rommelshausen nach Backnang gekommen war. Den Besuch im Hospiz fanden die beiden beeindruckend. „Man sollte das Thema Tod nicht wegschieben“, findet das Paar, das mehrere pflegebedürftige Verwandte hat.

Auch für Lothar und Ute Steinhauser aus Maubach ist die Auseinandersetzung mit dem Tod wichtig: „In meinem Alter ist das Thema nicht mehr so unangenehm, wie man es früher gedacht hat“, sagt der 80-Jährige. Seine 18 Jahre jüngere Frau findet, dass das neue Gebäude etwas Beruhigendes hat: „Ich denke, hier wäre man in guten Händen.“

Für Heinz Franke sind die vielen Besucher vom Samstag alle Multiplikatoren, die den Hospizgedanken in die Bevölkerung tragen und damit das Anliegen einer humaneren Sterbekultur weiter voranbringen. Auch für Franke selbst geht dieser Kampf noch weiter, denn ganz fertig ist das neue Hospizhaus dann doch noch nicht. Das oberste Stockwerk, das kurzfristig draufgesattelt wurde, befindet sich noch im Rohbau-Zustand. Dort will die Hospizstiftung eine Station mit zehn Betten für Schwerstpflegebedürftige einrichten, für die ein Hospizplatz noch zu früh kommt. Die Finanzierung dieses neuen Angebots ist aber noch nicht gesichert. Wenn der Hospiz-Umzug abgeschlossen ist, will Franke mit der AOK über den Pflegesatz verhandeln.

In dem Neubau sind auch die Räume des ambulanten Hospizdienstes untergebracht: Heinz Franke (links) zeigt den Besuchern den Kreativraum, in dem der Kinder- und Jugendhospizdienst Pusteblume Angebote für schwer kranke Kinder und ihre Geschwister organisiert.

© Pressefotografie Alexander Beche

In dem Neubau sind auch die Räume des ambulanten Hospizdienstes untergebracht: Heinz Franke (links) zeigt den Besuchern den Kreativraum, in dem der Kinder- und Jugendhospizdienst Pusteblume Angebote für schwer kranke Kinder und ihre Geschwister organisiert.

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Erstellt:
29. April 2019, 06:00 Uhr

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