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„Joggele, Joggele, hoi, hoi, hoi!“

Prunksitzung des Unterweissacher Carnevals-Clubs

Bei der Prunksitzung des Unterweissacher Carnevals-Clubs (UCC) gab es keine Sekunde Leerlauf oder Unsicherheit. Schlag auf Schlag drei Stunden lang genau die richtige, faschingstypische Mischung aus schräger Musik, Vorführungen zum Anschauen und Mitklatschen, Schunkeln, Polonaisetanzen und anderen Mitmachaktionen fürs Publikum.

Bei der Prunksitzung des Unterweissacher Carnevals-Clubs (UCC) geht es bunt und quicklebendig zu.

© Tobias Sellmaier

Bei der Prunksitzung des Unterweissacher Carnevals-Clubs (UCC) geht es bunt und quicklebendig zu.

Von Renate Schweizer

WEISSACH IM TAL. Es ist ja nicht so, dass die Leute vom UCC oder von anderen Faschingsvereinen sich kurz vor oder nach Weihnachten mal eben auf ein Bierchen zusammensetzen und überlegen: Leute, was machen wir denn dieses Jahr zu Fasching? Wozu hättet ihr Lust? So ist es ganz offensichtlich nicht. Dafür ist der Karneval zu wichtig und die Saison zu kurz. Dafür trainieren die Gardemädchen, die Tanzmariechen, die Hexen, Narren und sonstigen Schauergestalten ganzjährig zu fleißig. Dafür ist die Deko zu aufwendig, die Guggenmusik zu cool choreografiert und, weil sich die Vereine gegenseitig bei ihren Veranstaltungen besuchen und unterstützen, der Zeitplan zu ausgefuchst: Karneval, Fasching oder Fasnet ist ein Ganzjahresprojekt – nach der Kampagne ist vor der Kampagne.

So auch beim UCC Unterweissach: Keine Sekunde Leerlauf, Schlag auf Schlag Kostümprämierungen, Darbietungen anderer Faschingsvereine, Ordensverleihungen, Prominentenwürdigung und Volksbelustigung – das einzige Problem war höchstens, dass einem das Schnitzel kalt wurde, weil man nicht zum Essen kam vor lauter Aufstehen, Hinsetzen, Klatschen und „Joggele, Joggele – hoi, hoi, hoi!“-Schreien.

Beim Einzug der Aktiven um 19.05 Uhr (vier Minuten Verspätung – es sollte die einzige bleiben) machten gleich nach den ohrenbetäubenden Lauchfetzern aus Lauchheim, die die musikalische Grundlage für den Einmarsch bildeten, die Kleinsten den Anfang: In locker fallenden quietschbunten Kleidchen hüpfte die Mini-Garde herein – Stolz und Vergnügen an ihrem Auftritt kamen ihnen aus allen Knopflöchern, nur dass sie keine erkennbaren Knopflöcher hatten –, gefolgt von der Juniorgarde, der Roten Garde, der Blauen Garde (alle UCC), den Sulzbacher Hexen, der 1. Waiblinger Faschingsgesellschaft, die Konfettikanone schoss Böllerschüsse ab und dann verlor die Berichterstatterin den Überblick und konnte nicht mehr recht unterscheiden, ob der Backnanger Karnevals-Club (BKC) und die Nellmersbacher Geesmusiker nur begrüßt wurden oder ebenfalls gleich mit einmarschierten. Sei’s drum, es war ein unüberblickbares Gewimmel und ein Höllenlärm, grad schee war’s, und die Einzigen, die nicht zu sehen waren, waren die Batzenschmeißer – die taten nämlich hinter den Kulissen in Küche, Bar und Bühnenhintergrund ihren Fasnachtsdienst.

Fast ebenso bunt wie die Einmarschierenden war ihr Publikum, das die Protagonisten des Abends stehend, klatschend und johlend begrüßte: Paradiesvögel aller Art, Sambatänzerinnen, finstere Hexen und Angehörige fremdländischer Völker gaben sich da ein Stelldichein, fast alle waren mehr oder weniger fantasievoll verkleidet.

Mindestens zwei Personen waren über und über mit Kassenbons aus dem Supermarkt beklebt: Super Recyclingidee, denn was soll man sonst mit den Dingern tun, die man jetzt überall kriegt?! Selbst am Tisch der lokalen Politprominenz hatte man sich Mühe gegeben – seltsamer Zufall, dass gerade dem Landrat, Richard Sigel, sein schickes blaues Glitzerhütchen sofort von einer Hexe gestohlen wurde, während der längst entmachtete Bürgermeister, Ian Schölzel, seine Narrenkappe behalten durfte und tatenlos zuschauen musste. (Steuerzahler bitte gleich wieder abregen: Er hat es später wiederbekommen.)

Heike Strohmaier leitete die Prunksitzung als Präsidentin des Elferrats und sie tat das mit einer derart perfekten Mischung aus energischer Resolutheit, entspannter Gelassenheit und unverhohlener Begeisterung, als regierte sie jeden Morgen gleich nach dem Frühstück chaotische Volksmengen (wahrscheinlich hat sie Familie). Tatsächlich machte sie auf der Bühne einen derart guten Job, dass man ihr nichts, nicht einmal ihre Perfektion übel nehmen konnte.

Sie würdigte „ihre“ Garden („Wir sind so saumäßig stolz auf euch!“), dankte den Gasttänzern und -musikern der befreundeten Vereine, ergänzte den schwächelnden Elferrat durch Politprominenz, die sie auf die Bühne holte, verdonnerte energisch zum Schunkeln („Es muss euch nicht passen – macht’s einfach!“), warb für die anstehenden Veranstaltungen der befreundeten Faschingsgesellschaften und quietschte vor Vergnügen beim fulminanten Finale. Man überließ sich willig ihrer närrischen Führung, vergnügt gab man Kontrolle, Selbstbestimmung und den ganzen Alltagskram (vorübergehend) auf, Hunderte von Menschen umtanzten bei der Abschlusspolonaise (fast) leere Tische, die Seeguthalle vibrierte. Joggele, Joggele – hoi, hoi, hoi!

Bei den Narren des Unterweissacher Carnevals-Clubs ist der Fasching in besten Händen.

Fast ebenso bunt wie die Einmarschierenden war ihr Publikum, das die Protagonisten des Abends in der Seeguthalle in Cottenweiler stehend, klatschend und johlend begrüßte.Fotos: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Fast ebenso bunt wie die Einmarschierenden war ihr Publikum, das die Protagonisten des Abends in der Seeguthalle in Cottenweiler stehend, klatschend und johlend begrüßte.Fotos: T. Sellmaier

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Erstellt:
10. Februar 2020, 06:00 Uhr

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