Katholiken gehen kleine Schritte
Viele Ziele des Synodalen Weges wurden verfehlt – etwa bei der Rolle von Frauen. Doch manches hat sich getan.
Von Eidos Import
Schritte oder Trippelschritte? Es ist ein kleines Maß, mit dem der Reformprozess der katholischen Kirche, genannt Synodaler Weg, bemessen wird. In Stuttgart wurde nun Bilanz gezogen: Aus Schritten ist ein Weg geworden. Das Ziel wurde aber nicht erreicht.
Man muss zurückgehen in das Jahr 2019. Der Missbrauchsskandal erschüttert die katholische Kirche. Forscher legen nahe, dass nicht nur das Versagen Einzelner zu den Verbrechen geführt hat, es vielmehr Strukturen gibt, die Wegschauen und Vertuschen befördern. Übrigens nicht nur im katholischen Bereich, sondern auch in anderen Kirchen, in Familien, Vereinen und Organisationen. Doch nirgendwo sonst wurde versucht, systemische Ursachen für das Fehlverhalten zu ergründen. Wie wirkt sich das Machtgefälle zwischen Klerikern und Laien aus? Welche Rollen spielen geschlossene gesellschaftliche Systeme? Haben priesterliche Lebensformen (Zölibat) eine toxische Seite? Welche Folgen hat ein defizitäres Frauenbild?
Bischöfe und Laien vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) haben mit ihrer Tiefenbohrung Maßstäbe gesetzt. Doch Freunde gemacht haben sie sich nicht: Weder in der Kirche vor Ort, wo der Prozess als zerfleischend empfunden wird, noch in der Weltkirche. Dort wird die Frage nach systemischen Ursachen bis heute abgetan.
Wie also ist die Bilanz nach diesen sechs Jahren? „Themen von unter dem Tisch sind nun auf dem Tisch“, sagt Birgit Moch, die Vizepräsidentin des ZdK. In ungekannter Offenheit und überwiegend mit Respekt rangen Laien und Kleriker um ein neues Verständnis der katholischen Sexualmoral und ein Ende der Diskriminierung von homosexuellen oder queeren Menschen, diskutierten über neue Rollen für Frauen in kirchlichen Diensten und mehr Entscheidungsbefugnissen für Laien.
Die Fortschritte sind bescheiden. Zwar wurde das kirchliche Arbeitsrecht modernisiert und Segensfeiern ermöglicht für Menschen, die nicht kirchlich heiraten dürfen, doch bei der Rolle von Frauen bewegte sich fast nichts.
Auch gab es Verletzungen und Zwist. Vier Bischöfe verweigerten sich bald schon dem Prozess. Und auch im Vatikan war man über das Tun in Deutschland alarmiert. Mehrfach wurde interveniert: bei der befürchteten Relativierung bischöflicher Entscheidungsmacht, bei einer Liberalisierung der Sexuallehre und immer wieder: bei der Aufwertung von Frauen für kirchliche Ämter. Umgekehrt quittierte der Vatikan Briefe der Synodalen mit Schweigen. Als „gezielte Kommunikationsverweigerung“ Roms wertet das ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp. Die Enttäuschung darüber bleibt.
Rom brüskiert Katholiken in Deutschland. Vielleicht aus Sorge vor einem deutschen Sonderweg, den Reformkritiker immer zu zeichnen versuchten. Doch ein deutsches Alleinstellungsmerkmal sind die Reformanliegen schon lange nicht mehr. Das wurde spätestens bei der von Papst Franziskus 2024 einberufenen Weltsynode deutlich. Es brennt in allen Regionen der Weltkirche. Priestermangel und ausstehende Weihen für Frauen sind nicht nur Themen der westlichen Welt. Und überall wird die ausstehende Geschlechtergerechtigkeit als Problem für die Glaubwürdigkeit der Institution empfunden. Ob Papst Leo Mut und Kraft hat, dem entgegenzuwirken, bleibt abzuwarten.
Notwendig sind Veränderungen. Denn die Welt braucht gerade starke Kirchen: als wirkmächtigen Gegenpol zu sich allmächtig dünkenden Staatslenkern, als Fürsprecher für Ausgegrenzte und Vertriebene, als Anwalt der immer größer werdenden Gruppe der Armen und als Stimme der Friedenssuchenden in einer Welt militärischer Gewalt. Auch deshalb kann der Reformweg nicht zu Ende sein.
