Keine Montessori-Gruppen mehr

Über 15 Jahre lang haben Ursula Jaudes-Göz und Michaela Genthner vom Montessori-Verein eine besondere Form der frühkindlichen Förderung angeboten. Nun sehen sie keine Perspektive mehr für ihr Projekt trotz zahlreicher Anmeldungen.

Michaela Genthner (links) und Ursula Jaudes-Göz packen zusammen, die Montessori-Gruppen in Auenwald werden aufgelöst. Foto: J. Fielder

© Jörg Fiedler

Michaela Genthner (links) und Ursula Jaudes-Göz packen zusammen, die Montessori-Gruppen in Auenwald werden aufgelöst. Foto: J. Fielder

Von Annette Hohnerlein

AUENWALD. An der Wand in Oberbrüden hängen noch die Fotos der Kinder, die hier viele anregende Stunden verbracht haben. Sie haben mit Bauklötzen Türme aufgestapelt, mit Wasser experimentiert, mit Fingerfarben bunte Schmierbilder gemalt, leckere Gerichte in der Puppenküche zubereitet und spannende Geschichten in der Leseecke vorgelesen bekommen. Damit ist es jetzt vorbei, Michaela Genthner und Ursula Jaudes-Göz packen zusammen.

Viel Herzblut haben die beiden Frauen in ihr Projekt gesteckt, das in dieser Form einmalig im Backnanger Raum war. Und das Angebot wurde gut angenommen, erzählt Genthner, obwohl der Verein keine Werbung dafür machte. Per Mundpropaganda hatte es sich herumgesprochen, dass es im alten Schulhaus in Oberbrüden Eltern-Kind-Gruppen für Kinder bis zu drei Jahren gibt, in denen die Kleinen nach den Prinzipien der Montessori-Pädagogik gefördert werden. Für dieses Wintersemester waren über 70 Anmeldungen eingegangen, so viele wie noch nie. Aber wie schon in den Monaten davor machte die Coronapandemie dem Verein einen Strich durch die Rechnung, die Kurse konnten nicht stattfinden. Denn ein Abstands- und Hygienekonzept war in diesem Rahmen einfach nicht machbar, erläutert Genthner. Schon seit neun Monaten sind die hellen, freundlichen Räume im ersten Stock des Schulhauses nun verwaist. Da bis heute kein Ende der pandemiebedingten Einschränkungen absehbar sei, sehen Ursula Jaudes-Göz und Michaela Genthner jetzt keine Perspektive mehr für ihr Projekt.

Die eigenen Kinder waren die Motivation am Anfang des Projekts.

Die Gemeinde Auenwald hat in den vergangenen Monaten keine Miete mehr für die Räume verlangt, sonst wäre das Aus schon viel früher gekommen. Den beiden Frauen ist es wichtig, zu betonen, dass sie von der Gemeindeverwaltung immer große Unterstützung erfahren haben. „Zum Abschied haben wir ein sehr wertschätzendes Schreiben bekommen“, berichtet Michaela Genthner gerührt.

Sie und ihre Mitstreiterin stehen derzeit mit dem Kindergarten in Oberweissach in Kontakt, der um eine Gruppe mit dem Schwerpunkt Montessori- und Naturpädagogik erweitert werden soll. Dieser wird einige Materialien und Möbel übernehmen; auch eine Kooperation ist ins Auge gefasst. Das übrige Inventar wird auf der Homepage des Vereins (www.montessori-backnang.de) zum Verkauf angeboten.

Für die Sozialpädagogin Ursula Jaudes-Göz und die Naturparkführerin Michaela Genthner waren die eigenen Kinder die Motivation, 2005 ein Montessori-Projekt auf die Beine zu stellen. Nachdem weder die Gründung eines eigenen Kindergartens genehmigt wurde, noch eine Schule bereit war, zu kooperieren, gründeten die beiden den Verein „Montessori Pädagogik Backnang“ und boten Eltern-Kind-Spielgruppen an, zunächst unter dem Dach der Volkshochschule Backnang. Ein Jahr später fand das Projekt in einem ungenutzten Raum im Kindergarten Liebigstraße in Unterweissach eine neue Heimat, daraufhin wurde der Verein in „Montessori Weissach im Tal“ umbenannt. 2009 erfolgte der Umzug in das alte Schulhaus in Oberbrüden, der Verein nannte sich nun „Montessori spielend begreifen“. Ursula Jaudes-Göz erklärt, nach welchen Prinzipien das Konzept der italienischen Ärztin und Pädagogin Maria Montessori aufgebaut ist: Durch eine anregende Umgebung mit speziellen Materialien können die Kinder ihre Welt „durch Greifen begreifen“; sie werden ihren Bedürfnissen entsprechend vom Einfachen zum Schwereren geführt und zum selbstständigen Handeln und zur Übernahme von Verantwortung ermutigt. Die Montessori-Pädagogik arbeitet nach einem ganzheitlichen Ansatz und hat sich das Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ auf die Fahnen geschrieben.

In den vergangenen 15 Jahren organisierte der Verein nicht nur Eltern-Kind-Gruppen für Jungen und Mädchen bis zum Kindergartenalter, sondern auch spezielle Englischgruppen und sogenannte Lefinogruppen für ganz Kleine bis zu einem Jahr. Ursula Jaudes-Göz betont: „Auch die Arbeit mit den Eltern war uns wichtig. Wir haben sie beraten und unterstützt hinsichtlich der Entwicklung ihrer Kinder.“ So gehörten auch Elterntreffs, Yogakurse für Mütter und Coaching-Seminare zum Angebot des Vereins.

Die Entscheidung, jetzt einen Schlussstrich zu ziehen, fiel den beiden engagierten Frauen nicht leicht. „Aber vielleicht ist das auch eine Chance für Veränderungen“, sagt Genthner. Ideen und konkrete Pläne gibt es schon. So ist ein neues, raumunabhängiges Konzept in Arbeit, bei dem der Schwerpunkt auf der Montessori-Pädagogik in der Natur liegen soll. Außerdem will der Verein Kooperationen mit Kindergärten, Schulen und Eltern anbieten, zum Beispiel in Form von Fortbildungen. Ein weiteres Projekt, das bereits auf den Weg gebracht wurde, ist ein sogenannter Achtsamkeitspfad in Unterweissach oberhalb des Rombold-Areals. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde Weissach im Tal, dem Projekt Baum 2020, dem Kreisjugendring und dem Verein Schwäbisches Mostviertel soll dort ein Erlebnispfad entstehen, der alle Sinne anspricht. Dafür werden noch Privatpersonen, Organisationen und Firmen gesucht, die sich mit Rat und Tat oder auch in Form von Spenden einbringen wollen.

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Erstellt:
18. Februar 2021, 06:00 Uhr

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