KI hilft der Polizei bei Ermittlungen

Schlaue Systeme (12) Bei der Ermittlungsgruppe Kinder- und Jugendpornografie setzt die Kriminalpolizei seit einiger Zeit künstliche Intelligenz ein, um große Datenträger schneller auszuwerten und viel Zeit zu sparen. Doch auch Kriminelle setzen vermehrt KI ein.

Die Zahl der Fälle von Kinderpornografie ist extrem gestiegen. Um die Datenmassen schneller zu bearbeiten, hilft der Polizei eine Software, die auf künstlicher Intelligenz beruht. Symbolfoto: Adobe Stock/Yahoes

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Die Zahl der Fälle von Kinderpornografie ist extrem gestiegen. Um die Datenmassen schneller zu bearbeiten, hilft der Polizei eine Software, die auf künstlicher Intelligenz beruht. Symbolfoto: Adobe Stock/Yahoes

Von Kristin Doberer

Rems-Murr. Die Zahl der Fälle von Kinder- und Jugendpornografie hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Und zwar nicht nur die Anzahl der Tatverdächtigen, sondern auch die generelle Zahl der Beweismittel, welche die Polizei auswerten muss. Auf kleinsten Festplatten und Datenträgern lassen sich mittlerweile Massen an Fotos oder Videos kinderpornografischer Handlungen speichern. Um sich durch diese Bildermenge arbeiten zu können, lässt sich die Kriminalpolizei Waiblingen seit einigen Jahren von künstlicher Intelligenz helfen. Wenn ein Strafverfahren gegen einen Tatverdächtigen anläuft, sichern die Beamten zunächst Beweismittel. „Aber inkriminierte Dateien sind ja meist auf Festplatten mit vielen Alltagsdateien“, sagt Sebastian Bossaller von der Ermittlungsgruppe Kinderpornografie. Eine Software ist in der Lage, große Datenmengen, also Bildmaterial, in sehr kurzer Zeit in Dateien mit pornografischen und nicht pornografischen Inhalten zu selektieren.

„Die Unterstützung der künstlichen Intelligenz ist eine enorme Zeitersparnis. Aber die Software kann auch fehlerhaft sein“, sagt Sebastian Bossaller von der Ermittlungsgruppe Kinderpornografie. Foto: privat

„Die Unterstützung der künstlichen Intelligenz ist eine enorme Zeitersparnis. Aber die Software kann auch fehlerhaft sein“, sagt Sebastian Bossaller von der Ermittlungsgruppe Kinderpornografie. Foto: privat

Die Software wird seit 2021 bei der Polizei Aalen verwendet, zunächst versuchsweise. Zwischenzeitlich ist sie fester Bestandteil bei der kriminalpolizeilichen Ermittlungsgruppe „Kipo“. „Das ist eine enorme Zeitersparnis“, sagt Sebastian Bossaller. Denn zuvor mussten alle Dateien von Beamten einzeln durchgeschaut werden. Mittlerweile arbeite das System recht zuverlässig, allerdings sei auch Vorsicht geboten. „Es kann auch fehlerhaft sein“, betont der Beamte.

Noch lange kein Ersatz für die Beamten

So machen manchmal schon Gesten den Unterschied zwischen Alltagssituation und Straftat aus. Deshalb könne die KI die Beamten auch noch lange nicht ersetzen, sondern nur ein Hilfsmittel sein. „Bei uns ist der ermittelnde Beamte immer noch das Nonplusultra, die Erfahrung und Akribie führen uns noch vor allem zum Ziel. Es ist unerlässlich, dass Beamte noch mal genau draufschauen – und dann auch eine Rückmeldung ans System geben“, erklärt Bossaller. Denn so lerne die KI. Die Beamten kontrollieren die Ergebnisse und melden zurück, in welchen Fällen das System falsch entschieden hat. Seit der Einführung 2021 seien auch schon Verbesserungen sichtbar. „Aber das ist ein Prozess, wir sind noch lange nicht am Ziel“, so der Beamte bei der Ermittlungsgruppe Kinderpornografie.

Das Programm wurde bewusst selbst entwickelt

Entwickelt wurde die Software durch IT-Experten des Landeskriminalamts Niedersachsen. War sie zunächst nur in einer Pilotphase im Einsatz, wird sie mittlerweile landesweit als Unterstützung genutzt. Ganz bewusst habe man ein eigenes Programm entwickeln wollen, statt eines von externen Anbietern zu erwerben, erklärt Marc Bauer von der Kriminalinspektion 5, welche sich mit Cybercrime und digitalen Spuren beschäftigt. Das Programm läuft komplett offline. Dadurch bleiben die Daten sicher bei der Polizei und werden nicht durch Leaks oder andere Datenabflüsse weitergegeben.

Für die Ermittlungsgruppe „Kipo“ war die Einführung der KI eine große Erleichterung, schließlich spart man Zeit, Aufwand und beschleunigt im besten Fall auch die Verfahren. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Aalen setzt die Polizei bisher auch nur in diesem Bereich künstliche Intelligenz ein, doch andere Polizeiwachen nutzen sie bereits für weitere Zwecke. In Mannheims Innenstadt zum Beispiel gibt es Kameras, die über eine KI-basierte Software Ausschreitungen erkennen sollen. Diese Spezialkameras merken anhand bestimmter Bewegungen von Personen, wenn jemand schlägt, tritt, hinfällt oder hilflos am Boden liegt – und sendet dann ein Alarmsignal an die Polizei.

Einsatz im Rems-Murr-Kreis ist unwahrscheinlich

Dass KI auch im Rems-Murr-Kreis für solche Zwecke eingesetzt wird, das können sich die Beamten der Waiblinger Kriminalpolizei noch nicht vorstellen, allerdings nicht aufgrund der Software, sondern aufgrund der örtlichen Begebenheiten. Denn anders als in Stuttgart gebe es in der Region gar keine bestimmten Plätze, auf denen sich Schlägereien oder Straftaten besonders häufen.

Marc Bauer könnte sich allerdings gut vorstellen, dass KI in der Zukunft die Polizeiarbeit noch weiter unterstützen kann, „um die Ermittlungen noch schneller zu machen“. Zum Beispiel indem man Audio verschriften und durchsuchen lassen kann. Oder indem große Datenmengen bestehend aus einer Mischung aus Bild, Video, Audio und Text mithilfe von KI nach bestimmten Kriterien durchsucht werden können.

Vorsicht bei kinder- und jugendpornografischem Material

Schulhofpornografie Nicht immer, wenn die Kriminalpolizei in Sachen Kinder- und Jugendpornografie ermittelt, handelt es sich um Missbrauchsfälle. Es häufen sich auch die Fälle sogenannter Schulhofpornografie. Viele der Inhalte würden mittlerweile auch von Kindern und Jugendlichen selbst erstellt, geteilt oder weitergeleitet. Selbst ein Nacktfoto an den eigenen Partner zählt dazu.

Strafbar Was viele Eltern, Kinder und Lehrer nicht wissen: Allein durch das Weiterleiten von derartigen kinderpornografischen Inhalten machen sie sich strafbar. „Selbst wenn ein Lehrer einen Inhalt zum Beispiel nur an seinen Rektor weiterleitet, um diesen über einen Sachverhalt zu informieren. Oder wenn Eltern etwas weiterleiten, um andere Eltern zu informieren“, betont Bossaller.

Tipps Für die Ermittler sind diese unbeabsichtigten Straftaten problematisch. Denn nachgehen müssen sie ihnen, auch wenn eine gute Intention dahintersteckt. „Am besten ist es, wenn man sich direkt an die Polizei wendet“, rät Bossaller. Auf keinen Fall solle man Bilder weiterleiten. Wichtig sei, klarzumachen, dass man solche Inhalte nicht möchte, zum Beispiel durch Austreten aus dem Chat.

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Erstellt:
31. Dezember 2023, 11:30 Uhr

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