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Kinder beschäftigen sich mit Gewölle

Hector-Akademie in der Plaisirschule: Alles dreht sich um die Rekonstruktion von Mäusen

Anette Rosenbauer arbeitet eigentlich als Biologin im Rosensteinmuseum in Stuttgart. An diesem Tag jedoch ist sie Dozentin an der Hector-Akademie in der Plaisirschule Backnang und mit sechs Kindern, sechs Mikroskopen und einem Glas mit Gewöllen voll in ihrem Element.

Fasziniert schauen die Kinder durch das Mikroskop. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Fasziniert schauen die Kinder durch das Mikroskop. Foto: A. Becher

Von Renate Schweizer

BACKNANG. Tristan hat eine Spitzmaus. Man erkennt das an den Zähnen: Spitz und dicht – ein Raubtiergebiss. Vorsichtig schiebt er den winzigen Unterkiefer mit einer Pinzette unter dem Mikroskop zurecht und ordnet die Mausezähnchen daneben an: Eindeutig Spitzmaus. Die einzige! Der Viertklässler aus Murrhardt nickt zufrieden.

Anna hat eine Waldmaus erwischt. Anderthalb eigentlich mindestens – in dem Gewölle, das sie seziert hat, waren zwei Mäuseschädel. Konzentriert und sorgfältig vergleicht sie die Kiefer und Zähne, die unter ihrem Mikroskop liegen, mit den Aufrisszeichnungen, die Anette Rosenbauer an die Tafel gezeichnet hat. Rosenbauer arbeitet sonst als Biologin im Rosensteinmuseum in Stuttgart, aber heute ist sie Dozentin an der Hector-Akademie in der Plaisirschule Backnang. Sechs Kinder hat sie um sich herum, die sich an den Mikroskopen ausprobieren dürfen. Rosenbauer zeigt ein Glas mit Gewöllen. Die Kinder sind mit Staunen dabei. Ein Gewölle ist das unverdauliche Zeug, das Eulen nach der Mäusemahlzeit wieder auswürgen, erklären die Kinder der staunenden Zeitungsfrau, zu einer ziemlich ordentlichen trockenen Kugel aufgerollt, „das Schwarze da außen rum sind die Haare und innen drin die Knochen“.

Jedes Kind hat eine der etwa nussgroßen Kugeln auf einem weißen Blatt Papier auseinandergezupft und sucht jetzt die einzelnen Knöchelchen zu mindestens einem vollständigen Mäusegerippe zusammen. Gewölle gibt’s nicht im Bastelbedarf. Auch für die Profibiologin sind sie nicht einfach aufzutreiben. Die Schwester der Freundin einer Bekannten habe eine Scheuer, in der Schleiereulen wohnen – da habe sie die Dinger aufgesammelt. Alternativ und in gewöllelosen Jahren mache sie für die Kids der Hector-Akademie auch Kurse über Imkerei, Steinzeit oder die Herstellung von Farben. „Es ist uns ein Anliegen, alle Kinder bestmöglich zu fördern“, so Annedore Bauer-Lachenmaier, die Rektorin der Plaisirschule, „das gilt für die Kinder, die langsamer lernen, aber eben auch für die besonders begabten und neugierigen Grundschüler, die alles immer ganz genau wissen wollen.“ Sie freut sich sichtlich über das Gewusel in „ihrer“ Schule an diesem Tag. Aus allen Grundschulen der Region sind die Kinder gekommen und in den Klassenzimmern sind kleine Gruppen mit Feuereifer an der Arbeit.

231 Schüler der Klassen 2 bis 4 aus 23 Schulen sind derzeit (auf Vorschlag ihrer jeweiligen Klassenlehrerin) bei der Hector-Akademie angemeldet, 24 Referenten bieten insgesamt 41 Kurse an. Damit ist die Hector-Akademie größer als so manche Grundschule – und das mit nur einem einzigen „eigenen“ Zimmer, dem „Hector-Zimmer“ in der Plaisirschule. In diesem Zimmer wird in akribischer Ordnung alles aufbewahrt, was die Akademie an Material besitzt und braucht: PCs, Mikroskope, Chemikalien, Reagenzgläser, Pipetten und was man sonst noch für chemische Experimente braucht, Legosteine, Musikinstrumente. Den Überblick über Mensch und Material wahrt wundersam und mit ansteckender Begeisterung Lore Ulmer mithilfe ihrer Tochter Mirjam, die nach den Sommerferien die Akademieleitung übernehmen soll. „Es ist ein Glück, dass wir hier in der Plaisirschule willkommen sind und so gut unterstützt werden.“ Stolz führt sie den Gast von der Zeitung von Zimmer zu Zimmer: Hier wird der Destillier-Führerschein gemacht, dort turmhohe Kugelbahnen gebaut, im Labor wird der Stärkegehalt unterschiedlicher Gemüsesorten analysiert und etwas abseits im Musiksaal schlagen die Kinder sich nacheinander und abwechselnd unterschiedlich große, bunte Plastikröhren gegen die offene Handfläche. Die Röhren sind gestimmt und wenn Rhythmus und Reihenfolge stimmen, wird, oh Wunder, ein Lied daraus: „Ist ein Mann in’ Brunn gefallen, hab ihn hören plumpsen.“ Tristan, Anna, Melody, Louisa, Samuel und Leo, die „Gewölle-Forscher“, sind inzwischen dabei, ihre Knochenfunde so auf ein Blatt zu kleben, dass sich die „Landkarte“ eines Mäuseskeletts ergibt. Nach und nach trudeln die Eltern zum Abholen ein. „Aber beim nächsten Mal“, freut sich Anna schon jetzt, „fahren wir in die Wilhelma und zeichnen echte Tiere.“

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Erstellt:
26. November 2019, 06:00 Uhr

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