Kinohunde: Das „Team Staubsauger“ im Kino Universum

Leonardo, Paulo und Nacho heißen drei der Hunde im Team des Backnanger Kinos Universum. Sie lieben Popcorn und Streicheleinheiten, aber das ist nicht ihre einzige Gemeinsamkeit: Alle drei sind Straßenhunde. Der Verein SOS Martosdogs hat sie gerettet und nach Deutschland geholt.

Paulo und Nacho lieben Popcorn. Sobald alle Gäste im Saal sind, dürfen sie im Foyer nach den restlichen Krümeln suchen. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Paulo und Nacho lieben Popcorn. Sobald alle Gäste im Saal sind, dürfen sie im Foyer nach den restlichen Krümeln suchen. Foto: Alexander Becher

Von Melanie Maier

Backnang. Stammkundinnen und -kunden des Kinos Universums kennen sie längst, die Backnanger Kinohunde. Die schwarzen Windhunde Leonardo und Paulo liegen meistens auf einer Decke im Bereich hinter der Kasse oder lassen sich von tierlieben Besucherinnen und Besuchern streicheln. Vor Kurzem hat das „Team Staubsauger“, wie Inhabertochter Julia Eppler die beiden liebevoll nennt, Verstärkung bekommen. Nacho, ihr rot-weißer Mischling, ist seit ein paar Wochen regelmäßig im Kino. Ihn hat Julia Eppler über den Tierschutzverein SOS Martosdogs bekommen.

Dass auch Leonardo und Paulo, ebenfalls ehemalige Straßenhunde aus Spanien, von dem Verein hierher vermittelt wurden, ist kein Zufall: Nicole Kienzle, der die beiden gehören, ist seit gut 14 Jahren Minijobberin im Kino. Die 57-Jährige hat den Verein SOS Martosdogs mit aufgebaut. Er betreibt ein Tierheim in der andalusischen Kleinstadt Martos, rund 100 Kilometer nördlich von Granada. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vereins retten Hunde und Katzen von der Straße, lassen sie tierärztlich versorgen, päppeln sie auf und überführen sie nach Deutschland, sobald sich ein neuer Besitzer oder eine neue Besitzerin findet.

Balou hieß der erste Kinohund der Familie Eppler, ein Labrador.
Er kam 2006 nach Backnang.

Das alles sei jedoch mit hohen Ausgaben verbunden, sagt Nicole Kienzle: Geld kosten nicht nur Futter und Tierarztbehandlungen, sondern auch Hundepensionen, in denen manche der Tiere in Deutschland vorübergehend untergebracht werden. Doch das Geld ist knapp. „Wir sind ein extrem kleiner Verein, gegenüber den großen Tierschutzorganisationen gehen wir unter“, erklärt Nicole Kienzle. Sie ist froh, dass sie dem Verein über das Kino zu mehr Sichtbarkeit verhelfen kann. Am 28. April veranstaltet das Kino Universum einen Tierschutz-Spendentag (siehe Infotext) mit Hundemarkt und speziellem Hundepopcorn, „Pupcorn“ („pup“ bedeutet auf Englisch Welpe oder junger Hund). Dadurch sollen einige Spenden zusammenkommen. Nicole Kienzle hofft außerdem darauf, dass sich vielleicht einige dazu entscheiden, den Verein längerfristig zu unterstützen oder ein Tier bei sich aufzunehmen – sei es dauerhaft oder nur zeitweilig als Pflegehund.

„Wir betreuen die Tiere auch nach der Vermittlung sehr engmaschig“, sagt Nicole Kienzle. „Zum Teil haben wir noch Kontakt zu Leuten, die vor 10, 15 Jahren ein Tier von uns adoptiert haben.“ Zu wissen, dass es den Hunden und Katzen bei ihren neuen Familien gut gehe, das sei der größte Lohn für die Vereinsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. „Wenn unsere Leute in Spanien mitbekommen, dass es Leonardo, Paulo und Nacho hier im Kino so schön haben, ist das für die einfach toll.“

Nacho sei ursprünglich als Pflegehund zu ihr gekommen, sagt Julia Eppler. „Aber eigentlich war mir schon, als ich sein Foto gesehen habe, klar, dass er bleiben würde“, erzählt die 30-Jährige und lacht. Verrückt nach Hunden sei sie schon immer gewesen, berichtet sie. „Als ich zwölf war, hat meine Mutter einmal den Fehler begangen und meinen Vater und mich alleine gelassen. Da habe ich ihn dazu überredet, einen Hund zu holen.“ Balou hieß der erste Kinohund der Familie Eppler, ein Labrador. Er kam 2006 nach Backnang. Den Weg dorthin ebnete ihm Antax, der Hund der langjährigen Kinomitarbeiterin Brigitte Waggoner, die mittlerweile in Rente ist. „Es gibt eine lange Reihe an Kinohunden – insgesamt wahrscheinlich elf oder zwölf“, sagt Julia Eppler.

Die Besucherinnen und Besucher freuen sich über die tierischen Mitarbeiter

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Leonardo, Paulo und Nacho bereichern das Team ungemein, da sind sie und Nicole Kienzle sich einig. „Immer wieder gehen wir zu den Hunden, kuscheln fünf oder zehn Minuten, dann geht’s weiter.“ Auch bei den Besucherinnen und Besuchern kommen die Tiere sehr gut an. „Ein kleiner Junge wollte vor Kurzem fast nicht mehr in den Film, sondern lieber weiterstreicheln“, berichtet Nicole Kienzle. „Und manche Stammkunden beschweren sich schon, wenn die Hunde einmal nicht dabei sind.“

Beschwerden über ihre Anwesenheit habe es dagegen bisher noch nicht gegeben. „Da der Kassenbereich abgetrennt ist und die Hunde nicht einfach frei herumlaufen, ist das eigentlich kein Problem“, sagt Julia Eppler. „Viele bemerken auch gar nicht, dass hinter der Kasse Hunde liegen.“ Eine Mitarbeiterin habe früher panische Angst vor Hunden gehabt. Doch das habe sich durch Leonardo, Paulo und Nacho erledigt. „Mittlerweile begrüßt sie erst die Hunde, dann uns“, scherzt Julia Eppler.

Im „Pupcorn“ sind neben Mais nur reines Rapsöl und
ein wenig Rosmarin enthalten

Manche Besucherinnen und Besucher bringen auch ihre eigenen Hunde mit in die Vorstellungen. Das ist erlaubt im Kino Universum – „solange Mensch und Tier nicht darunter leiden“, betont Julia Eppler. Die Hundebesitzerinnen und -besitzer seien in der Regel aber selbst sehr umsichtig. „Sie setzen sich meistens schon von sich aus nach hinten an den Rand, damit sie im Fall der Fälle schnell wieder draußen wären, falls es dem Hund zu laut werden sollte.“ In einen Actionfilm würde aber kaum jemand seinen Hund mitnehmen, „normalerweise sind es eher ruhigere Vorstellungen“. Auch Allergiker hätten nichts zu befürchten: Durch die neue Lüftungsanlage sei die Luft im Saal stets frisch, zudem würde nach jeder Vorstellung sauber gemacht, so Eppler.

Popcorn zum Film gab es bisher nur für die Menschen. Zwar trägt das „Team Staubsauger“ seinen Namen nicht ohne Grund: Sobald die Besucherinnen und Besucher im Saal sind und einmal grob durch das Foyer gefegt wurde, dürfen Leonardo, Paulo und Nacho die letzten Krümel suchen und auffressen. „Hunde lieben Popcorn“, sagt Julia Eppler. „Auch alle, die hier zur Tür reinkommen, ziehen sofort an der Leine und wollen zum Popcorn.“ Doch in großen Mengen bekommen ihnen Zusätze wie Salz, Zucker und Zimt nicht.

Für den Tierschutz-Spendentag hat Julia Eppler nun eine Rezeptur erarbeitet, die von Hunden als Snack gut vertragen wird. „Für Nacho wollte ich das sowieso mal ausprobieren, weil er so drauf abfährt“, sagt sie. In ihrem „Pupcorn“ sind neben Mais nur reines Rapsöl und ein wenig Rosmarin enthalten. „Für uns Menschen wäre das zu langweilig, aber für die Hunde ist es toll.“ Sollte es gut ankommen, kann Julia Eppler sich vorstellen, es dauerhaft ins Angebot zu nehmen. „Da es relativ kalorienarm ist, eignet es sich auch gut fürs Hundetraining.“

Aktionstag Am Sonntag, 28. April, veranstaltet das Kino Universum einen Tierschutz-Spendentag. Im Kinofoyer findet von 14.30 bis 18 Uhr ein Hundemarkt statt.
Angeboten werden beispielsweise Hundespielzeug, Leinen und Leckerlis. Zehn Prozent aller Einnahmen werden an den Tierschutzverein SOS Martosdogs gespendet. Außerdem geht bei dem Film „Arthur der Große“ ein Euro pro Ticket an den Verein. Darin schließt Mark Wahlberg als Profisportler Michael Light Freundschaft mit dem Straßenhund Arthur. Nicht zuletzt wird an dem Tag selbst gemachtes Hundepopcorn („Pupcorn“) angeboten. 40 Prozent des Erlöses werden gespendet. Der Verein SOS Martosdogs wird ebenfalls vor Ort sein, um seine Arbeit und die zu vermittelnden Tiere vorstellen zu können.

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Erstellt:
6. April 2024, 06:00 Uhr

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