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Kirchberger Weg: Platz für jedes Talent

Wie der Traditionschor Gesangverein Frohsinn es geschafft hat, entgegen dem Trend mehr Sänger für sich zu begeistern

„Es ist fast wie ein Wunder“, begeistert sich Lothar Schatz – und er scheint es immer noch nicht fassen zu können. Seit über 100 Jahren besteht der Gesangverein Frohsinn in Kirchberg an der Murr. Neue Sänger sind aber nicht, wie bei anderen Chören, Mangelware. Die Kirchberger haben dazu einen ganz besonderen Weg beschritten.

Ein Gesangverein erneuert sich: Der Chor Colores unter dem Dach des Gesangvereins Frohsinn in Kirchberg an der Murr ist ein starkes Team. Fotos: J. Fiedler, S. Schneider-Seebeck

© Jörg Fiedler

Ein Gesangverein erneuert sich: Der Chor Colores unter dem Dach des Gesangvereins Frohsinn in Kirchberg an der Murr ist ein starkes Team. Fotos: J. Fiedler, S. Schneider-Seebeck

Von Simone Schneider-Seebeck

KIRCHBERG AN DER MURR. Nicht immer war es um die Chorgemeinschaft rosig bestellt. Im Jahr 2002 hatte sich die Abteilung Good News, der junge Chor, gegründet. Doch wie auch in anderen Vereinen hatte der Chor über die Jahre einen Mitgliederschwund hinnehmen müssen. Zeitweise waren die Proben entfallen, da zu wenige Sänger dabei waren. Und dabei hatte erst 2015 die neue Chorleiterin und Musikstudentin Maria Eiche neuen Wind gebracht. Lothar Schatz war damals Schatzmeister, Ursula Renz Chorsprecherin. Schatz fand, dass es so nicht weitergehen konnte. Ein neues Konzept musste her, etwas, das nicht nur die verbliebenen Chormitglieder begeistern, sondern auch neue Sänger neugierig auf das Singen machen würde.

Zunächst stießen die Pläne auf Skepsis. Auch deshalb, weil Schatz klipp und klar sagte, dass er auf Rücklagen des Gesangvereins zurückgreifen müsse, ohne garantieren zu können, dass sich dies auch rentieren würde. Doch unter anderem Anton Klotzbücher, langjähriger Vorstand, unterstützte die Initiative des rührigen Schatzmeisters voll. Es sollte eine komplette Neugestaltung geben.

Chorsprecherin Ursula Renz war ebenfalls mit dabei, und so wurde das Konzept „Lust am Singen“ geboren. Denn das sollte im Vordergrund stehen. Die Resonanz innerhalb des Chors war überwältigend. Während bei den vorigen Proben manchmal nur zehn Personen anwesend waren, füllte sich dieses Mal, im Herbst 2016, der Probenraum. Man machte sich gemeinsam Gedanken, wie eine neue Präsenz zu schaffen sei. Dazu gehörte die Umbenennung von Good News in Colores – demokratisch vom Chor so entschieden. Von Anfang an wurde die Beteiligung aller bei wichtigen Fragen eingefordert, bis heute ein grundlegendes Element, das den Zusammenhalt untereinander fördert. Dazu wurden ein passendes Farbkonzept entworfen, die Internetseite entsprechend neu gestaltet und auch die Konzerte anders geplant. Premiere war das Sommerkonzert „Sommercocktail“ 2017: Der Chor trat zum ersten Mal als Colores auf. Alle Sänger in dezentem Schwarz mit bunten Accessoires. Mittlerweile hatten Lothar Schatz und Ursula Renz zusammen mit Anton Klotzbücher den Vorstand übernommen.

Seither wird jedoch nicht nur Musik bei den Sommer- und Adventskonzerten geboten. Zwischendurch lockern Gedichte und Texte den musikalischen Vortrag auf. Ein übergreifendes Thema verbindet die Darbietungen miteinander, im Sommer 2018 etwa „Humor“, im vergangenen Jahr dann „Träume“. Doch nicht nur Colores, auch der gemischte Chor, der ältere Chor des Gesangvereins, findet hier seinen Platz. Als weitere Neuerung wird seitdem der Colores-Teller angeboten – ein Potpourri verschiedener Speisen passend zum Thema, auf einem Teller vereint. Nicht nur der Gesang, auch die Kreativität und der Einfallsreichtum des Essensteams haben sich übrigens seither stetig gesteigert.

Der Chor Colores hat jetzt über 40 Mitglieder

Der Sommercocktail erwies sich als sehr erfolgreich. Die neue Stimmung, die durch die Umgestaltung entstanden ist, hat auf alle eingewirkt. Mittlerweile zählt Colores über 40 Mitglieder. „Jeder, der kommt, ist ein Baustein, der integriert wird“, erklärt Schatz. „Und jeder bringt seine Talente ein, egal, wo diese liegen. Man steckt sich gegenseitig mit seiner Begeisterung an und so haben alle Erfolg.“ Auch Maria Eiche hat eine Menge dazu beigetragen. Viele neue Talente wurden entdeckt, und auf einmal traute sich auch der eine oder andere ein Solostück zu, so Eiche. Mit jedem Konzert sei es leichter geworden, zusätzliche Solisten zu gewinnen, vor allem auch männliche. Das kann nur in einer vertrauensvollen Atmosphäre funktionieren. Für die frühere Chorleiterin ist die Entwicklung des Chors schlicht „sensationell“, vor allem auch, wie sich die Männerstimmen erweitert haben. Die Themen für die Konzerte werden gemeinsam erarbeitet – Dirigentin Eiche war es wichtig, keine typischen Konzertthemen zu nehmen – und so war für sie auch die Auswahl der Stücke eine große Herausforderung. Zum Teil gab es dabei durchaus Diskussionen innerhalb des Chors, doch sie glaubt: „Vielleicht ist das auch ein Teil des Erfolgsrezepts gewesen – dass man als Zuhörer wie auch als Chorsänger mal um die Ecke denken muss im Konzert“ und spielt damit auf Stücke an, die zunächst gar nicht zum Motto zu passen scheinen.

Gerhard Imberger ist inzwischen 81 Jahre alt und schon so lange beim Gesangverein dabei, dass er sich kaum an eine Zeit ohne erinnern kann. „Wir waren ein Verein, der wirklich gut funktioniert hat“, sagt er über die früheren Jahre. Die Mitglieder des gemischten Chors haben immer viel Eigeninitiative gezeigt, denn ihnen war es neben dem Singen auch wichtig, sich ein Finanzpolster aufzubauen und zu bewahren. Von 1978 bis 2010 etwa fand man den Frohsinn auf jedem Kirchberger Bürgerfest. Nach Möglichkeit wurde alles selbst gemacht, man war sehr erfinderisch darin, die Ausgaben klein zu halten. Allerdings machte sich irgendwann dann doch das Alter der Sänger bemerkbar. „Normalerweise läuft es im Verein so, dass die Älteren irgendwann gehen und Jüngere nachkommen. Aber irgendwann kam niemand mehr nach.“ Man überlegte, was zu tun sei, und so erblickte wie gesagt 2002 der junge Chor Good News das Licht der Welt, mit einer jüngeren Zielgruppe und anderem Musikrepertoire. Das lief ganz gut, doch nun wurden zwei Dirigenten gebraucht. Zwangsläufig führte das zu erhöhten Ausgaben. Zudem hatten die Älteren eine bestimmte Erwartungshaltung an die jüngeren Sänger.

Anton Klotzbücher hält seit 37 Jahren einen Rekord. Er ist – mit nunmehr 64 Jahren – der jüngste Mann im gemischten Chor. Zudem singt er auch bei Good News beziehungsweise nun Colores. „Die Chöre sind mittlerweile zusammengewachsen“, ist seine Einschätzung. „Jetzt ist das entstanden, was wir immer gewollt haben“, ergänzt Imberger. Zwei unterschiedliche Generationen haben es geschafft, sich gegenseitig zu respektieren, ihre Besonderheiten zu akzeptieren, aber auch das Gemeinsame zu erkennen. Beide Chöre konnten und können sich auf ihre Weise entwickeln, und der Wandel wurde gemeinhin gutgeheißen. Nun ist es sogar so, dass der junge Chor den älteren bei Auftritten unterstützt. Mittlerweile konnte auch Anton Klotzbücher seinen Platz im Vorstand beruhigt abgeben, mit Anja Eickert als Nachfolgerin. Dennoch ist er weiterhin sehr aktiv dabei. Auf den Vorstandsnachwuchs ist er stolz und gibt unumwunden zu, dass diese gute Kooperation zwischen den beiden Chören und der reibungslose Vorstandswechsel auch durch ein „weises Zurückziehen“ der älteren Generation möglich war.

„Das Schöne ist, dass man etwas zurückbekommt“

Im Sommer 2019 mussten sowohl Maria Eiche als auch Frohsinn-Dirigentin Claudia Keefer aus beruflichen Gründen die Chorleitungen abgeben. Doch es war Eiche gelungen, Studienkollegin Johanna Gauß als Nachfolgerin zu gewinnen. Die 23-Jährige hat bereits zuvor einmal Eiche vertreten, sozusagen ein inoffizielles Bewerbungsdirigieren, und beide Seiten waren zufrieden gewesen. Von September 2019 bis Januar 2020 leitete sie beide Chöre, seit gut einem Monat hat Karine Bell die Leitung des gemischten Chors übernommen. „Das Schöne ist, dass man etwas zurückbekommt. Alle sind mit Herzblut dabei“, so Johanna Gauß, Studentin an der Musikhochschule Stuttgart. Die Kirchberger sind der erste Chor, den sie komplett in Eigenregie leitet. Knapp drei Monate nach ihrem Start in Kirchberg fand das Adventskonzert statt. „Es war bereits viel Substanz da und auch viel Offenheit für die neue Leitung“, erklärt sie. Ihre Vorgängerin hat da gute Arbeit geleistet. Dieses Mal war der Chor gleich zweimal aufgetreten, einmal vormittags, einmal am Spätnachmittag. Die Sitzplätze haben trotzdem nicht ausgereicht. Zwischen 230 und 250 Besucher haben das Konzert genossen – das meistbesuchte Konzert seit Bestehen von Colores. Bei so einer Erfolgsgeschichte kann das Thema für das nächste Sommerkonzert im Juli 2020 einfach nur „Glück“ sein, freuen sich Vorstände und Chorleiterin schon auf den nächsten Auftritt.

Johanna Gauß

Johanna Gauß

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Erstellt:
6. März 2020, 11:30 Uhr

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