„Turbokrebs“: Wahr oder falsch

Können Impfungen Krebs auslösen?

Medizinische Ratschläge von Dummies: Impfgegner sind auch nach der Corona-Pandemie in sozialen Netzwerken unterwegs. Sie warnen vor angeblich schwersten Nebenwirkungen und sprechen von „Turbokrebs“. Wie belastbar sind diese Behauptungen?

Krebs durch mRNA-Impfungen, etwa gegen Corona? Im Netz kursieren solche Theorien über einen „Turbokrebs“, der durch Impfungen ausgelöst wird. Was ist dran?

© Imago/Bihlmayerfotografie

Krebs durch mRNA-Impfungen, etwa gegen Corona? Im Netz kursieren solche Theorien über einen „Turbokrebs“, der durch Impfungen ausgelöst wird. Was ist dran?

Von Markus Brauer/dpa

Das Internet ist die perfekte Plattform zur Verbreitung von Fake News, Gerüchten und Verschwörungstheorien. Am häufigsten nehmen Internetnutzer Desinformationen im Zusammenhang mit kontroversen Themen wie Einwanderung, Krieg, Klimakrise und Gesundheit wahr.

Die sozialen Medien sind dabei der Ort, an denen Befragte Desinformationen am häufigsten wahrnehmen, gefolgt von Blogs und Messenger-Diensten.

Können Impfstoffe schwere Erkrankungen hervorrufen?

Insbesondere seit Beginn der Corona-Pandemie kursieren Behauptungen, Impfstoffe könnten schwere Erkrankungen verursachen. In sozialen Netzwerken wird vor angeblichem „Turbokrebs“ gewarnt und aktuell eine Studie verbreitet, die einen Zusammenhang zwischen Covid-19-Impfungen und bestimmten Tumoren herstellen soll. Ein Faktencheck anlässlich des Weltkrebstages am Mittwoch (4. Februar).

Panikmache wegen „Turbokrebs“

„Turbokrebs!? Was ist das denn? Der niedersächsische Landtag schreibt dazu in der Drucksache 19/5943 vom 24. November 2024: „Der Begriff Turbo-Krebs‘ bezeichnet keine medizinische Diagnose, sondern wird für aggressive Formen unterschiedlicher Krebserkrankungen mit jeweils unterschiedlichen Ätiologie und Risikofaktoren.“ Erstmals verbreitet habe den Terminus ein schwedische Klinik-Oberärztin im Gefolge der Corona-Impfung in den Jahren 2023/2024.

Auf die Frage, ob Impfungen aktuell mit schweren Erkrankungen wie Krebs in Zusammenhang stehen, antwortet der Dortmunder Immunologe Carsten Watzl mit einem klaren „Nein“. Die Ursache der Behauptung – gerade bei Corona-Impfungen – gehe auf die Technologie der Vakzine zurück, erklärt er.

Weil diese auf der genetischen Information des Virus basieren, sei die Theorie aufgekommen, dass sich diese Erbinformation in das Genom menschlicher Zellen integrieren werde, erläutert Watzl. Das führt nach Ansicht der Impfgegner zu Mutationen, die diese Zellen angeblich zu Krebszellen machten. Obwohl es früh Erklärungsansätze gab, brauchte es dem Immunologen zufolge erst „gut gemachte epidemiologische Studien, die dies widerlegen“.

Krebs durch Corona-Impfung? Studie interpretiert falsch

Die in der Fachzeitschrift „Biomarker Research“ veröffentlichte Studie untersuchte Krebsdiagnosen an Prostata, Lunge oder Schilddrüse bei geimpften und ungeimpften Personen in Südkorea.

Die Studie zeigt eine statistische Verbindung zwischen Impfung und Krebsdiagnosen. Das bedeutet aber nicht, dass die Impfung die Ursache ist. Zudem wurde bereits im Herbst 2025 eine Warnung hinzugefügt, die Ergebnisse der Studie auf methodische Mängel hin zu überprüfen.

Mehr Diagnosen bei Älteren infolge von Corona

„Geimpfte Personen sind eher älter und haben Vorerkrankungen“, erläutert Immunologe Watzl. Damit gehe generell ein erhöhtes Krebsrisiko einher. Wenn es zu häufigeren Arztbesuchen und Vorsorgeuntersuchungen kommt, werden mögliche Erkrankungen wie Krebs früher entdeckt.

Das erklärt, warum in den Daten der Studie mehr Diagnosen bei geimpften Personen auftauchen. Diese wurden jedoch nicht durch die Impfung ausgelöst, sondern lediglich früher erkannt. Die Autoren der Studie erwähnen diesen Effekt selbst. Die südkoreanische Studie wurde von Fachleuten weltweit kritisch bewertet.

Watzl verweist auf eine andere Studie aus Frankreich, bei der geimpfte und ungeimpfte Personen besser vergleichbar waren. Das Resultat: Die krebsbedingten Todesfälle in der Gruppe der Geimpften waren nicht erhöht.

RKI: Impfgegner schüren gezielt Ängste vor Krebserkrankungen

Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin hat sich dieses strittigen Themas angenommen. In seinem „Faktensandwich zum Thema Impfsicherheit“ nimmt es Bezug auf die in „sozialen Medien oder anderswo“ verbreiteten Meldungen, Impfungen würden krebserregende Stoffe enthalten.

Dies könne verständlicher Weise zu Verunsicherung führen. „Es wäre fatal, wenn schädliche oder gar krebserregende Substanzen in einen Impfstoff gelangen würden. Um dies zu verhindern sind weltweit mehrere Sicherungssysteme in Kraft“, heißt es seitens der RKI-Experten.

Das Ansprechen von Ängsten vor einer Krebserkrankungen sei eine gezielte Strategie von Impfgegnern. Sie versuchten „mit erfundenen Begriffen wie „Turbokrebs“ eine Assoziation zwischen Impfungen und Krebs herzustellen“. Doch dieser vermeintliche Zusammenhang habe keinerlei wissenschaftliche Grundlage, stellt das RKI klar.

„Keine wissenschaftlichen Hinweise auf Turbokrebs“

Die Inhaltsstoffe von Impfungen würden weltweit von unabhängigen Wissenschaftlern „sehr genau überwacht, sodass es auffallen würde, wenn krebserregende Stoffe in Impfungen gelangen würden“. Zudem würden Krebsfälle international in Krebsregistern gesammelt. „Wir würden also bemerken, wenn sich Krebs-Fälle nach bestimmten Impfungen häufen würden.

Fazit des RKI-Faktenchecks: „Auch nach vielen Milliarden verabreichter Impfstoffdosen gibt es keine wissenschaftlichen Hinweise, dass Impfstoffe Krebs hervorrufen.“

Medizinische Fehlinformationen: Wer will was bezwecken?

Wer hinter solchen Behauptungen steckt und was die Verbreiter damit bezwecken wollen, beantwortet der Hamburger Rechtsanwalt Jan-Henning Steeneck in seiner Doktorarbeit „Medizinische Fehlinformationen in den sozialen Medien“ (2024) an der Friedrich-Alexander–Universität Erlangen-Nürnberg.

Gesundheits-Laien: Als Verfasser der Mythen identifiziert der Jurist überwiegend Gesundheits-Laien und Amateure, die Inhalte ohne medizinische Qualifikation und wissenschaftliche Standards erstellen. Steeneck bezeichnet sie als „neue Akteure der Wissenschaftskommunikation“. Sie organisieren sich in sozialen Netzwerken.

Ehemalige Experten: Als weitere Quellen kommen demnach ehemalige Experten und Ärzte infrage, die durch ihren formalen wissenschaftlichen Hintergrund den Mythen eine scheinbare Legitimität verliehen. Prominente und Politiker nutzten ihre Reichweite, um solche Narrative zu verstärken, erklärt Steeneck. Multiplikatoren teilten diese Inhalte im Netz und würden damit selbst zu Produzenten.

Private Chatgruppen: Der Autor sieht unterschiedliche Gründe dafür, warum solche Inhalte verbreitet werden. Nicht immer stehen böse Absichten dahinter. Ein erheblicher Teil wie etwa Eltern in privaten Chatgruppen würden die Informationen selbst für wahr halten und aus einer fehlgeleiteten Sorge oder dem Wunsch zu helfen handeln.

Geld-Interessen: Dazu kommen Steeneck zufolge Akteure, die mit der Verbreitung von Fehlinformationen Geld verdienen oder ideologische und politische Ziele verfolgen, um das Vertrauen in Regierungen, Behörden oder die Wissenschaft zu untergraben.

„Turbokrebs“-Mythos macht mal wieder die Runde

Um vor einem Zusammenhang zwischen Corona-Impfungen und einem angeblich stark erhöhten Krebsrisiko zu warnen, ist in sozialen Netzwerken immer wieder von „Turbokrebs“ die Rede. Seit Jahren in impfkritischen Kreisen verwendet, sollen aggressivere Tumorarten gemeint sein, die sich angeblich schneller ausbreiten sollen als bisher bekannt.

Das ist falsch! Der pseudowissenchaftliche Begriff “Turbokrebs“ ist medizinisch unhaltbar. Weder medizinische Fachgesellschaften noch staatlichen Institutionen verwenden ihn als Terminus technicus.

So hatte die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) bereits während der Corona-Pandemie keinen Anstieg von Tumorbefunden infolge der Impfung beobachten können. Auch Ende Januar 2026 finden sich auf der DGHO-Webseite keine Einträge zum Suchbegriff „Turbokrebs“.

Impfungen können gegen Krebs schützen

Einige Impfungen haben gar den gegenteiligen Effekt: Sie schützen laut RKI vor Infektionen, die Krebs verursachen können. So können die HPV-Impfungunter anderem die Entwicklung von Gebärmutterhalskrebs und die Hepatitis-B-Impfung das Entstehen von Leberkrebs verhindern.

„Es gibt wirksame Impfstoffe gegen das Hepatitis-B-Virus, das Leberkrebs verursacht, und gegen HPV, das mehrere Krebsarten verursachen kann“, betont auch der US-Onkologe Ahmedin Jemal. Zu den Krebsarten durch HPV zählt er Gebärmutterhalskrebs sowie Krebs der äußeren Genitalien und der Analregion sowie Mund- und Rachenkrebs.

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Erstellt:
29. Januar 2026, 12:54 Uhr
Aktualisiert:
29. Januar 2026, 14:56 Uhr

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