Überproportionales Geschlechtsorgan
Kommt es beim Mann doch auf die Größe an?
Macht die Penisgröße einen Mann für Frauen attraktiver? Forschern sind dieser Frage nachgegangen und kommen zu dem überraschenden Ergebnis: Ja, es kommt auf die Größe an. Doch andere Experten widersprechen: Sie warnen vor einem wiederaufflammenden „Peniskult“.
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Ist die Größe bei der Partnersuche von Bedeutung? Glaubt man einer Studie: Ja. Aber das Ergebnis stößt bei anderen Experten auf Widerspruch.
Von Markus Brauer/dpa
Keine Frage: Es ist ein Rätsel der Evolution. Und zudem eines, dass bei beiden Geschlechtern des Homo sapiens auf Interesse stößt: Unter allen Primaten ist der Penis der männlichen Menschen ein Ausreißer.
Im Verhältnis zur durchschnittlichen Körpergröße ist er außergewöhnlich voluminös und groß. Aber warum? Es könnte sich um eine evolutive Selektion handel. Sie verschaffte unseren frühen männlichen Vorfahren Vorteile, wenn sie einen größeren Penis besaßen. Anders als heute, waren die Genitalien einst nicht durch Kleidung verdeckt.
Waren Männer oder Frauen die Triebkraft?
„Bei männlichen Tieren gibt es zwei Hauptmechanismen für eine sexuelle Selektion“, erklären Upama Aich von der University of Western Australia und ihre Kollegen im Fachjournal „PLOS Biology“. „Zum einen kann die Partnerwahl der Weibchen dazu führen, dass bestimmte, als attraktiv geltende Merkmale der Männchen auffälliger werden.“ Zum anderen kann ein Merkmal aber auch verstärkt werden, wenn es der Abschreckung von männlichen Rivalen dient.
Wie kann man eine solche Thesen verifizieren? Durch ein Experiment, dass die Forscher mit 600 Männern und 200 Frauen durchführt. Testpersonen wurden jeweils 56 computergenerierte, lebensgroße maskuline Figuren gezeigt, die in drei Merkmalen differierten:
- Köpergröße
- Größe des Penis im Ruhezustand
- Körperstatur – von breitschultrig und schmalhüftig bis zu eher birnenförmigen Körperformen
Symmetrie, Kindchenschema, Proportionen
Die weiblichen Probanden solten auf einer siebenstufigen Skala angeben, wie sexuell attraktiv sie den jeweiligen Mann fanden. Die männlichen Teilnehmer wurden gefragt, ob sie eifersüchtig wären, wenn dieser Mann mit ihrer Partnerin spräche? Die zweite Frage lautete: „Wie bedroht würdest du dich fühlen, wenn dieser Mann auf einen Kampf mit dir aus wäre?“
Studie: Frauen bevorzugen Größe – bis zu einem bestimmten Punkt
Laut Analyse bevorzugen Frauen Männer mit größerem Penis – allerdings nicht unter allen Umständen. „Die lineare Selektion war am stärksten für die männliche Körperstatur, gefolgt von schwächeren, aber noch immer signifikanten Vorlieben für Größe und Penisgröße“, berichten die Wissenschaftler.
War ein Mann demnach klein und körperlich offensichtlich nicht fit, brachte ihm auch ein größeres Genital keine sonderlichen Vorteile in puncto Attraktivität und Paarungsverhalten.
Allerdings hat die weibliche Vorliebe für große, fitte Männer mit großem Genital klare Grenzen: Größer bedeutet nicht automatisch besser. Ab einer bestimmten Größe brachten im Experiment weder ein größeres Genital noch breitere Schultern mehr Attraktivitätspunkte.
Größe des Genitals als Anzeiger für Stärke
Bei den männlichen Probanden verhielt es sich dagegen gant anders: Sie stuften auch übertriebene Merkmale wie einen extremen, durchtrainierten V-Rücken oder einen unrealistisch großen Penis als Vorteil bei Frauen ein, wie die Eifersucht-Frage zeigte. „Das legt nahe, dass Männer dazu neigen, die Bedeutung dieser Merkmale für die weibliche Partnerwahl zu überschätzen“, konstatieren Aich und ihr Team. „Dies verzerrt ihre Wahrnehmung der Konkurrenz durch attraktive Rivalen.“
Zudem korreliert die Penisgröße mit der empfundenen Bedrohung durch andere Männer. „Das unserer Ansicht nach wichtigste Resultat der Studie ist, dass die Penisgröße beeinflusst, wie Männer die Kampfstärke eines Rivalen einschätzen“, schreiben die Forscher. „Männer fühlten sich stärker bedroht, wenn ein potenzieller Gegner einen großen Penis hatte.“
Wie die Evolution am Werk ist
Den Experten zufolge könnte das überproportional große Glied des Homo sapiens durch zwei reziproke Selektionsmechanismen entstanden sein. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass sowohl weibliche Vorlieben als auch die Konkurrenz mit anderen Männern den Größenzuwachs des Genitals gefördert haben.“ Der gleiche Selektionsdruck könnte auch größeren Männern mit breiten Schultern Vorteile verschafft haben.
Einschränkend fügen die Autoren hinzu, dass die menschliche Partnerwahl stark durch kulturelle Normen und die Umwelt beeinflusst werde. „Es ist durchaus denkbar, dass auch die Wirkung der Gliedgröße auf die sexuelle Stimulation eine Rolle gespielt hat“, erklären Aich und ihr Team.
„Größe des Penis so unerheblich wie Größe der Füße“
Der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger sieht in der Studie ein weiteres Anzeichen dafür, dass uralte, längst widerlegte Thesen wieder Aufschwung erhalten, weil sie zum Zeitgeist passen.
„Männer sollen wieder Kerle sein und Stärke ausstrahlen, Frauen fühlen sich als Hausfrau glücklich.“ Im Zuge dieser Entwicklung flackere auch der Peniskult wieder auf, Symbol der jahrhundertelangen gesellschaftlichen Vorzugsstellung des Mannes.
Eine Auswirkung dieses Trends sei, dass sich in seiner Praxis vermehrt wieder Männer mit dem zwanghaften Gefühl meldeten, ihr Penis sei zu klein, betont Krüger. Dabei seien zahlreichen Studien zufolge nur sehr wenige Penisse zu klein oder zu groß, um Einfluss auf die sexuelle Zufriedenheit von Frauen zu haben, von der Partnerwahl ganz zu schweigen. „Dafür ist die Größe des Penis so unerheblich wie die Größe der Füße.“
Andere Faktoren sind für eine Bezehung wichtiger
Körperliche Merkmale spielten zwar eine große Rolle dafür, wie anziehend ein Mensch optisch eingeschätzt werde, erläutert die Sexualmedizinerin Aglaja Stirn von der Universität Kiel.
Für eine Beziehung, für Partnerschaft und Bindung seien aber andere Faktoren wie Loyalität, Zuverlässigkeit und Humor weit bedeutsamer. „Warum Paare zusammenbleiben und sich lieben, ist ein komplexes Zusammenspiel aus vielen Merkmalen.“
Zurück zum Recht des Stärkeren?
Frühere Studien würden zudem der Annahme widersprechen, dass Frauen größere Penisse bevorzugen, resümiert Aglaja Stirn. Beim Online-Dating zum Beispiel schrecke es Frauen auch ab, wenn Männer explizite auf ihre Penisgröße fixiert seien.
In männerdominierten Gesellschaften sei der Penis über Jahrhunderte als äußeres Zeichen für die Privilegierung des Mannes gewertet worden, erläutert Buchautor Krüger. Inzwischen werde gerade über soziale Medien wieder viel zu viel Aufhebens um das Körperteil gemacht.
Das Streben nach Gleichberechtigung werde wieder infrage gestellt, und es werde stärker in den Kategorien von männlich und weiblich gedacht. „Es ist ein unguter Zeitgeist, der sich da widerspiegelt.“
Politik werde zunehmend vom Recht des Stärkeren, von radikalem Durchsetzen geprägt, so Krüger. Parallel dazu laufe der Trend zu vermeintlichen biologischen Erklärungen, über die der Machismus Eingang auch in die Wissenschaft finde.
