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Liebe und Strenge

2009 nahm sich der Pharma-GroßindustrielleMerckle das Leben – sein Sohn Tobias will alsSozialunternehmer die Werte des Vaters weitertragen

Viele Familienunternehmer setzen ihr Herzblut und ihre Ressourcen für ungewöhnliche Zwecke ein. Warum? Tobias Merckle sieht sich in der Tradition seiner Eltern.

Blaubeuren/Leonberg Es gibt ein berührendes Foto vom Trauergottesdienst vor zehn Jahren: Die Mutter geht den Weg in der Blaubeurer Kirche am Arm von Sohn Tobias. In der schwersten Stunde der Familie, nach dem Freitod Adolf Merckles, sucht sie Halt bei ihrem Jüngsten.

„Gott hat uns nicht einen Geist der Ängstlichkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit.“ Ein Bibelzitat aus dem Paulusbrief an Timotheus hängt im Büro des Seehauses in Leonberg, wo jugendliche Straftäter im freien Vollzug leben. Tobias Merckle ist Gründer und Geschäftsführender Vorstand. Auch mit 48 Jahren hat er etwas Jungenhaftes an sich. In seiner Stimme dagegen klingen Entschiedenheit und Willensschärfe. Manchmal meint man, den Übervater herauszuhören.

Adolf Merckle machte aus einer kleinen Arzneimittelfabrik am Fuß der Schwäbischen Alb einen Konzern mit 100 000 Mitarbeitern und 35 Milliarden Euro Jahresumsatz. Er schuf ein schier undurchschaubares Unternehmensgeflecht mit zeitweilig 100 Firmenbeteiligungen. Zu Merckle gehörten der Pharmagroßhandel Phoenix, der Baustoffriese Heidelberg-Cement, Kässbohrer mit seinen Spezialfahrzeugen, die Sachsenwerk-Windkraftanlagen, die Metallwerke der Zollern GmbH, die Gruschwitz Textilwerke und der Skilift im Kleinwalsertal. Das Herzstück der schwäbischen Dynastie blieb stets die Firma Ratiopharm. Laut „Forbes“-Liste war Adolf Merckle 2006 nach Karl und Theo Albrecht (Aldi) der drittreichste Deutsche.

Tobias kommt 1970 zur Welt. Er besucht den Kindergarten, die Grundschule, das Gymnasium in Blaubeuren. „Ein Internat hätte nicht unserer Lebensweise entsprochen“, sagt er. Für ihn ist es selbstverständlich, als Jüngster die Sachen der beiden älteren Brüder aufzutragen – „ich hatte immer die unmodischsten Kleider“. Wenn die Familie Urlaub macht, fährt sie im Mittelklassewagen zum Wandern in die österreichischen Berge. Angst vor Entführung ist nie ein Thema, Leibwächter widersprechen Merckles Bodenständigkeit so sehr wie Erste-Klasse-Zugtickets oder eine Villa auf Mallorca. Was seine Firmen erwirtschaften, wird wieder investiert. Von Spenden an örtliche Vereine und soziale Einrichtungen macht er so wenig Aufhebens wie über sich selbst. Er meidet die Öffentlichkeit, für die Medien ist er der Rätselhafte. Die Abneigung, Persönliches und Familiäres nach außen zu kehren, vererbt er an seinen Sohn Tobias.

Sonntags geht die Familie in die Kirche, vor dem Essen wird gebetet, abends sprechen die Eltern mit den Kindern das Vaterunser am Bett. Tobias wird konfirmiert, geht in die Jungschar, später in den evangelischen Jugendkreis. Zu den christlichen Werten, die im Hause Merckle gelebt werden, zählen Fleiß, Ehrgeiz, Disziplin, Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Verantwortung – die ganz besonders. Um Verantwortung kreisen die Gespräche am Mittagstisch: Verantwortung für die Mitarbeiter, Verantwortung für die Firma, Verantwortung für die Gesellschaft.

Tobias wächst auf mit dem Selbstverständnis, dass er später in der Firma einsteigt. Er kann sich das zunächst auch gut vorstellen – bei seiner engen Bindung zur Ratiopharm-Fabrik unweit des Elternhauses, wo er schon als Achtjähriger mitschafft. Aber es kommt anders.

Nach dem Abitur machte er ein soziales Jahr in Amerika, arbeitet dort mit Drogenabhängigen. Sein Besuch in einem US-Knast wird zum Schlüsselerlebnis. „Ich habe begriffen, dass Gefängnis keine Lösung sein kann“, sagt Merckle. Seine Aufgabe ist, das weiß er jetzt, eine Alternative zum Strafvollzug zu finden. Dass ein Merckle Sozialpädagoge wird, lässt den Vater nicht gerade frohlocken. Aber er tröstet sich: Der Sohn kann ja dann mal in die Personalabteilung.

Nach dem Studium arbeitet Tobias Merckle für die christliche Organisation Prison Fellowship international und lernt Gefängnisse in 30 Ländern kennen. Ein Projekt in Brasilien verblüfft ihn: „Was ich mir vorstellte, das gab es dort schon.“ Der junge Mann, der ihm die Tür öffnet, muss eine Haftstrafe von 120 Jahren verbüßen und hat den Schlüssel für die Außenpforte!

Benin ist bedrückend. 300 Häftlinge, eingepfercht auf 80 Quadratmeter – beim Schlafen müssen sie sich abwechseln. Die hygienischen Zustände: katastrophal. Wer keine Familie hat, die ihm Lebensmittel in die Zelle bringt, verhungert. „Ich dachte beim Durchgehen: Das kann man nicht überleben, körperlich und seelisch“, sagt Merckle. Aber auch dort findet er Leute, von denen eine wundersame Gelassenheit ausgeht. Denen der Glaube eine innere Freiheit gibt. „Man denkt, man geht dahin, um den Menschen etwas Gutes zu tun. Und dann sind sie es, die einem Dinge lehren und Vorbild sind.“

Das berüchtigte Bellavista-Gefängnis im kolumbianischen Medellín. Für 1600 Insassen gebaut, tatsächlich belegt mit 6600. Alle Konfliktparteien vertreten: Guerilla, Drogenkartelle, Paramilitär. „Früher gab es dort 40 bis 60 Tote im Monat. Ein Leben war keinen Peso wert, Köpfe wurden abgeschnitten und als Fußbälle benutzt.“ Heute registriert man in Bellavista noch einen Mord pro Jahr. „Wir haben mit den Bandenchefs einen Pakt geschlossen, dass sie sich im Gefängnis nicht mehr bekriegen“, sagt Merckle. Als nächsten Schritt leisteten die Clans in den Dörfern gemeinnützige Arbeit. „Es ist faszinierend, dass vom Gefängnis eine Friedensinitiative ausgehen kann. Wenn die Leute sehen, dass sie Verantwortung haben, ändert sich was.“

Das ist auch Grundlage im LeonbergerSeehaus. Als Tobias Merckle (mit väterlicher Unterstützung) sein Projekt dem damaligen Justizminister Ulrich Goll vorstellt, läuft er in offene Arme. 2003 gehört das Seehaus zu den ersten freien Trägern in Deutschland, die Jugendstrafe vollziehen. Hier leben junge Täter in Wohngemeinschaften mit Hauseltern und deren Kindern. „Durch die Kinder werden die Jungs zu Vorbildern“, sagt Merckle. „Wenn sie ihren Vulgär-Slang pflegen und die Kinder das nachplappern, merken die Jungs: Das hat hier keinen Platz. Erst ändert sich die Sprache und dann das Denken.“

Der Tag beginnt um 5.45 Uhr mit Sport, „damit sie frisch werden“. Dann Frühstück, Putzdienst und der christliche Impuls für den Tag. Die jungen Männer können Bau-, Holz- und Metallberufe lernen. „Beim Richtfest sind sie oft zum ersten Mal im Leben auf etwas stolz, das sie geleistet haben.“

17.15 Uhr. Die Feedback-Runde. „Hier lernen sie, jemanden zu kritisieren, ohne ihn runterzumachen. Sich Kritik anzuhören, ohne gleich loszuschlagen. Bisher wurden vier Jugendliche wegen Gewalt zurück hinter Gitter geschickt – „das waren Taten, die in keinem Schulhof auffallen würden“. Im Seehaus herrscht Liebe und Strenge: „Wir drücken kein Auge zu“, sagt Merckle, der selbst kinderlos und unverheiratet ist.

Er hat die Hoffnungsträger-Stiftung gegründet. Wer Gutes tun will, kann sich aus einem weltumspannenden Angebot bedienen. Eines der Projekte im Seehaus-Netzwerk hilft Kindern von Gefangenen in Kambodscha, Sambia, Indien – den Schwächsten der Schwachen. In Ruanda und Kolumbien gibt es „Dörfer der Versöhnung“, wo Täter den Hinterbliebenen Rechenschaft darüber ablegen müssen, was genau geschah, wo Leichen verscharrt sind. Im Idealfall erhalten sie Vergebung, und man baut gemeinsam eine bessere Zukunft.

In den Hoffnungshäusern wohnen Deutsche und Flüchtlinge, weil Integration nur durch Kennenlernen funktioniert, wie Merckle sagt. „Egal, wie man das politisch sieht: Solange die Flüchtlinge hier sind, tragen wir Verantwortung. Sie gut auszubilden ist wichtig, wenn sie bleiben. Und noch wichtiger, wenn sie gehen. Dann können sie ihr Land aufbauen. Jeder Mensch ist wertvoll, doch die Gesellschaft gibt ihm diesen Wert oft nicht.“

Ende 2008 steht der Ruf von Adolf Merckle, bis dahin überhäuft mit gesellschaftlichen Ehren, auf der Kippe. Die Finanzkrise trifft ihn hart. Er hat Kapitalerhöhungen mit Aktien eigener Unternehmen abgesichert. Diese Sicherheiten sind jetzt nichts mehr wert. Er wird öffentlich als raffgieriger Börsenzocker dargestellt, ein Magazin nennt ihn den „Paten aus Blaubeuren“.

Nervöse Bankiers wollen Geld sehen, fordern den Verkauf von Firmen. Merckle will die Handlungshoheit über sein Lebenswerk nicht verlieren. Seine Bitte um eine Landesbürgschaft an Ministerpräsident Günther Oettinger, der ihm 2005 noch den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland Erster Klasse ans Revers steckte, wird abgewiesen. Welche Rolle spielt es da für einen Adolf Merckle, dass er in jedem Fall ein außerordentlich reicher Mann bleibt?

Am frühen Abend des 5. Januar 2009 schreibt er einen Abschiedsbrief und geht zu den Gleisen, wo er sich vom Regionalexpress Ulm–Sigmaringen erfassen lässt. Er wird 74. „Hätte er nicht zuvor einen Herzinfarkt erlitten, wäre es nie zu diesem Ende gekommen“, sagt sein Sohn. „Der Infarkt hat ihn seelisch geschwächt, dann ist er in eine depressive Phase reingerutscht.“

Tobias Merckle ist dankbar „für die Liebe und Wertschätzung“ der Eltern (Mutter Ruth starb 2018). Er will deren Werte und das Unternehmertum des Vaters weitertragen. „Unsere Arbeitsweise ist in vielen Punkten ähnlich. Mein Vater übernahm Firmen, die andere schon aufgegeben hatten. Er sah das Potenzial in ihnen und führte sie zum Erfolg.“

Heute leitet der älteste Sohn Ludwig das Merckle-Imperium. Nach dem Verkauf von Ratiopharm gelang es ihm, die Unternehmensgruppe wieder auf ein festes Fundament zu stellen. Sohn Philipp hat sich komplett vom Merckle-Geschäft abgewandt. Tochter Jutta war noch nie groß in der Firma engagiert. Und Tobias hat das meiste Vermögen in seine Stiftung getan. „Geld kann glücklich machen“, sagt er. „Wenn man es für andere einsetzt.“

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Erstellt:
29. April 2019, 03:16 Uhr

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