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Löst Osttangente die Verkehrsprobleme?

BfB fordert neue Umfahrung im Osten der Stadt – Mehrere Stadträte sprechen sich für Entlastung der Backnanger Innenstadt aus

Eine Osttangente, die den Verkehr von der Weissacher Straße in den Backnanger Norden führt, könnte nach Ansicht einiger Stadträte die Verkehrsprobleme in der Innenstadt lösen. Die Blechkolonne müsste sich dann nicht mehr durch die Innenstadt zwängen. Im Flächennutzungsplan ist die Idee aus den 1960er-Jahren vorgemerkt. Angesichts des steigenden Verkehrs und der hohen Stickoxidwerte hat das Bürgerforum diese Idee nun wiederaufgegriffen.

Die Eingriffe in die Umwelt wie etwa bei der Querung der Weißach sind laut Planungsamt hohe Hürden für das Projekt, sollte es je kommen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Die Eingriffe in die Umwelt wie etwa bei der Querung der Weißach sind laut Planungsamt hohe Hürden für das Projekt, sollte es je kommen. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Das Projekt einer Osttangente darf getrost historisch genannt werden, schließlich haben sich schon mehrere Generationen von Stadträten damit beschäftigt, wenngleich nie mit wirklichem Eifer. Vermutlich deshalb, weil die Realisierung extrem unwahrscheinlich schien. Nun fordert das Bürgerforum Backnang (BfB), die Vor- und Nachteile sowie die Kosten des Projekts zu untersuchen.

Einer der eifrigsten Befürworter einer solch neuen Straße ist Jörg Bauer. Der BfB-Stadtrat macht sich unmissverständlich für eine Ostumfahrung von Backnang stark. Nur so würden sich die Verkehrsprobleme lösen lassen, nur so ließe sich „der Durchgangsverkehr aus der Innenstadt nachhaltig reduzieren“. Bauer hat zum Teil Verständnis, dass die bisherigen Pläne nicht weiterverfolgt wurden, da sie nicht richtig durchdacht gewesen seien. So kritisiert er etwa, dass die Straße laut den Plänen der Altvorderen viel zu nahe an der Wohnbebauung des Backnanger Ostens vorbeiführen würde. Seine Variante hingegen würde mehrere Hundert Meter weiter östlich verlaufen. Dazu noch auf der Anhöhe. Wenn nun die Trasse vier Meter in die Erde verlegt werden würde, so würde keiner den Verkehr sehen oder hören, so Bauers Überlegung.

Jörg Bauer: „Die Trasse über die Weißach ist technisch machbar“

Kurz vor der Bahn würde Bauers Trasse nach Norden schwenken, mittels einer Brücke die Weißach queren und bis zum Beginn der Kreisstraße nach Zell weiterführen. Dieser Tage ist Bauer die Strecke extra abgelaufen und nun davon überzeugt: „Die Trasse ist technisch ohne weiteres machbar.“

Die Stadtverwaltung betont die politische Dimension des Projekts und nimmt nur knapp Stellung zu der Vision. So schreibt Planungsamtsleiter Tobias Großmann, dass für eine vertiefende planerische Bewertung erst folgende Fragen zu klären sind: „Genaue Führung der Osttangente über oder unter und entlang der Bahnlinie und die damit verbundenen Kosten für Brücken und Tunnelbauwerke. Die Bewertung der Machbarkeit aus naturschutzfachlichen Aspekten.“ Ferner verweist er darauf, dass die Hauptentlastung der Innenstadt mit der Bündelung und Umfahrung der vierspurig ausgebauten B14 und der digitalisierten Verkehrssteuerung erreicht werden soll.

Ein Aspekt, dem Bauer völlig widerspricht. Er vermutet, dass die fertiggestellte B14 so viel Verkehr von der Autobahn anzieht, „dass wir dringend eine Entlastung für die Innenstadt brauchen“. Bauer glaubt ferner: „Wenn die Ostumfahrung die Innenstadt entlastet, können wir auf das intelligente Verkehrsleitsystem verzichten. Dieses würde die Stadt 3,8 Millionen Euro kosten. Dafür könnten schon die ersten Brücken gebaut werden.“

Fraktionskollegin Charlotte Klinghoffer ist ohnehin überzeugt davon, dass sich auch der Bund an den Kosten beteiligen müsste. Denn der habe es versäumt, eine Trasse neben der künftigen Bundesstraße zu bauen. Eine Trasse für jene Fahrzeuge, die künftig nicht mehr auf der autobahnähnlichen Kraftstraße fahren dürfen wie Traktoren oder Mofas. Klinghoffer: „Eine solche Parallelspur gibt es bis Nellmersbach. Ab dort wurde gespart auf unsere Kosten. Deshalb müssen wir jetzt Verhandlungen mit Bund, Land und Kreis führen, wie dieses Versäumnis korrigiert werden kann.“ Laut Klinghoffer würde auch der Einzelhandel davon profitieren, wenn die Verkehrsprobleme wieder geringer werden. „Die Leute haben wegen der Staus keinen Bock mehr, in die Innenstadt zu fahren. Mit der Entlastung könnten wir gezielt wieder Kundschaft in die City reinholen. Unsere Trasse ist nicht der Königsweg. Aber wir müssen etwas machen gegen den Kollaps der Innenstadt.“

Ferner erinnert Bauer an die ungeahnten Möglichkeiten, wie sich Sachsenweiler und Steinbach weiterentwickeln könnten. „Sachsenweiler liegt seit den 1970er-Jahren in einem Dornröschenschlaf. Dabei gibt es dort schöne sonnige Lagen, die beste Wohnbaugebiete abgeben würden.“

Genau das möchte das Stadtplanungsamt nicht. Großmann: „Der Schwerpunkt der mittelfristigen Siedlungsentwicklung liegt in der Herausforderung der Entwicklung im Backnanger Westen.“ Das heißt: Die Erweiterung der Stadt in östlicher Richtung ist derzeit nicht angestrebt.

Siglinde Lohrmann: „Umweltschutz ist wichtig, Entlastung aber auch“

Die BfB-Stadträte sind bei ihrem Vorstoß nicht ganz alleine. So erinnert Siglinde Lohrmann (SPD) daran, „dass die Stadt deutlich gewachsen ist und mit ihr der Verkehr“. Nun müssten die Bürger entlastet werden, schließlich würde „der Verkehr in der Innenstadt zuweilen kollabieren“. Aus diesem Grund will sie den Plan nicht rundweg ablehnen. Mit Blick auf die erwähnten Probleme meint sie: „Man muss nicht an der ursprünglichen Planung festhalten, sondern sollte auch andere Trassen prüfen.“ Lohrmann: „Umweltschutz ist zwar wichtig, aber wir müssen das große Ganze sehen. Und wenn es immer mehr Fahrzeuge werden, dann muss man sich fragen, wo ist eine Entlastung am wenigsten schädlich.“

Fraktionskollege Heinz Franke wägt Nutzen und Kosten gegeneinander ab und kommt zum Ergebnis: „Der Preis ist zu hoch.“ Er vergleicht die Osttangente mit dem Schmidener Feld. „Wir lösen Verkehrsprobleme nicht mit mehr Straßen.“ Der bekennende SUV-Fahrer kann sich zwar vorstellen, dass eine solche Tangente den Verkehr in der Innenstadt etwas entlasten würde, gleichzeitig verweist er aber auf das intakte Naherholungsgebiet, das mit einem Neubau zerschnitten würde, und auf die schwierige Topografie, die mehrere Tunnel oder Brücken bedingen würde. „Der Bau wäre extrem aufwendig“, so Franke. Um einen möglichen Nutzen wirklich abschätzen zu können, pocht er seit Langem darauf, dass die Stadtverwaltung offenlegt, welche Entlastung der B-14-Anschluss Backnang-Mitte gebracht hat. Franke: „Wir fordern ständig Ergebnisse, bekommen aber keine.“

Seitens der CDU-Fraktion verweist Gerhard Ketterer darauf, dass sich täglich Staus rund um die Chelmsforder Brücke bilden. „Dies liegt daran, dass es weit und breit keine andere Straße gibt, auf der der motorisierte Verkehrsteilnehmer in Backnang von Nord nach Süd fahren kann.“ Ketterer listet auf, dass im Westen nur die ebenfalls stauanfällige B14 und im Osten gar keine zumutbare Strecke zur Verfügung steht. Und der Schleichweg über die Hasenhälde könne allenfalls nur als Notlösung bei Vollsperrungen dienen. Der Verkehr müsse sich tagtäglich durch das Nadelöhr quälen. Selbst die naturschutzrechtlichen Bedenken sind für Ketterer kein Totschlagargument, „mit entsprechenden Ausgleichsmaßnahmen werden dazu immer wieder Lösungen gefunden“. Nur wenig Hoffnung setzt er auf die neue B14, diese werde kaum eine Alternative sein, um innerstädtische Staus zu umfahren. „Auch der Anschluss Backnang-Mitte hat nach meiner Beobachtung keine Entlastung der Innenstadt gebracht.“

Für die Stadträte der Grünen ist die Osttangente überhaupt kein Thema. Willy Härtner erwähnt die intakte Landschaft, besonders das schützenswerte Biotop an der unteren Weißach, und die Tatsache, dass neue Straßen immer auch neuen Verkehr anziehen. Insofern sei die Osttangente keine Lösung für die Verkehrsprobleme der Innenstadt.

PRO Sinnvolle Alternative

Von Matthias Nothstein

Das Auto ist das liebste Kind der Deutschen, daran ändern auch der Klimawandel und mögliche Fahrverbote nichts. Warum sonst steigen die Zulassungszahlen Jahr für Jahr weiter an? Von einer Trendwende ist nichts zu spüren. Selbst wenn der Umstieg auf E-Mobilität gelingt, brauchen auch diese Fahrzeuge Straßen. Bliebe noch der ÖPNV als Alternative. Aber auch der ist nicht für alle wirklich geeignet. Und die Topografie der Murr-Metropole ist selbst für viele eigentlich motivierte Radfahrer eine zu hohe Hürde.

Also müssen wir uns der Tatsache stellen, dass der Verkehr weiter zunehmen wird. Dabei ist er heute schon am Anschlag. Deshalb ist die Entlastung der Innenstadt das Gebot der Stunde. Für jedes Argument, das die Gegner der Umfahrung ins Feld führen, gibt es auch eine Lösung, wenn das Projekt nur gewollt ist. Die Kosten werden zwar hoch sein, aber das sollte den Verantwortlichen das Wohl ihrer Bürger wert sein. Für viele Verkehrsteilnehmer, die eigentlich gar nicht in die Innenstadt wollen, es aber mangels Alternativen müssen, wäre die Osttangente eine sinnvolle Alternative. Und für die angrenzenden Kommunen und Stadtteile eine große Chance, sich positiv zu entwickeln.

m.nothstein@bkz.de

KONTRA Aus der Mottenkiste

Von Kornelius Fritz

Mehr Straßen für mehr Autos – das war die Maxime der Verkehrspolitik in den 1970er-Jahren. Die autogerechte Stadt war damals das Ideal der Planer, ein möglichst ungehinderter Verkehrsfluss das oberste Ziel. Ohne Rücksicht auf Verluste wurden vierspurige Stadtautobahnen gebaut und Schneisen durch historische Innenstädte geschlagen. Die fatalen Auswirkungen auf das Stadtbild kann man noch heute in vielen Städten besichtigen.

Im Jahr 2020 haben solche Konzepte zum Glück ausgedient: Moderne Verkehrspolitik hat nicht mehr das Ziel, die Städte für Autos attraktiv zu machen, sondern diese aus den Zentren rauszuhalten. Nicht dem motorisierten Individualverkehr gehört die Zukunft, sondern dem öffentlichen Nahverkehr, modernen Sharing-Modellen, Fußgängern, Radfahrern und neuen umweltschonenden Verkehrsmitteln, zum Beispiel E-Scootern.

Die mehr als 50 Jahre alte Idee einer Osttangente, die das Bürgerforum jetzt wieder aus dem Hut zaubert, stammt aus der planerischen Mottenkiste. Der Nutzen eines solchen Straßenneubaus stünde in keiner Relation zu den horrenden Kosten. Investitionen in den Verkehr sind nötig, aber bitte in zeitgemäße Lösungen.

k.fritz@bkz.de

Wie genau die Trasse verlaufen könnte, ist noch völlig offen. Klar ist nur: Einfach wird es nicht.

© OneVision Solvero

Wie genau die Trasse verlaufen könnte, ist noch völlig offen. Klar ist nur: Einfach wird es nicht.

Pro und Kontra
Braucht es eine Stadtumfahrung?
Sinnvolle Alternative

Von Matthias Nothstein

Das Auto ist das liebste Kind der Deutschen, daran ändern auch der Klimawandel und mögliche Fahrverbote nichts. Warum sonst steigen die Zulassungszahlen Jahr für Jahr weiter an? Von einer Trendwende ist nichts zu spüren. Selbst wenn der Umstieg auf E-Mobilität gelingt, brauchen auch diese Fahrzeuge Straßen. Bliebe noch der ÖPNV als Alternative. Aber auch der ist nicht für alle wirklich geeignet. Und die Topografie der Murr-Metropole ist selbst für viele eigentlich motivierte Radfahrer eine zu hohe Hürde.

Also müssen wir uns der Tatsache stellen, dass der Verkehr weiter zunehmen wird. Dabei ist er heute schon am Anschlag. Deshalb ist die Entlastung der Innenstadt das Gebot der Stunde. Für jedes Argument, das die Gegner der Umfahrung ins Feld führen, gibt es auch eine Lösung, wenn das Projekt nur gewollt ist. Die Kosten werden zwar hoch sein, aber das sollte den Verantwortlichen das Wohl ihrer Bürger wert sein. Für viele Verkehrsteilnehmer, die eigentlich gar nicht in die Innenstadt wollen, es aber mangels Alternativen müssen, wäre die Osttangente eine sinnvolle Alternative. Und für die angrenzenden Kommunen und Stadtteile eine große Chance, sich positiv zu entwickeln.

m.nothstein@bkz.de

Aus der Mottenkiste

Von Kornelius Fritz

Mehr Straßen für mehr Autos – das war die Maxime der Verkehrspolitik in den 1970er-Jahren. Die autogerechte Stadt war damals das Ideal der Planer, ein möglichst ungehinderter Verkehrsfluss das oberste Ziel. Ohne Rücksicht auf Verluste wurden vierspurige Stadtautobahnen gebaut und Schneisen durch historische Innenstädte geschlagen. Die fatalen Auswirkungen auf das Stadtbild kann man noch heute in vielen Städten besichtigen.

Im Jahr 2020 haben solche Konzepte zum Glück ausgedient: Moderne Verkehrspolitik hat nicht mehr das Ziel, die Städte für Autos attraktiv zu machen, sondern diese aus den Zentren rauszuhalten. Nicht dem motorisierten Individualverkehr gehört die Zukunft, sondern dem öffentlichen Nahverkehr, modernen Sharing-Modellen, Fußgängern, Radfahrern und neuen umweltschonenden Verkehrsmitteln, zum Beispiel E-Scootern.

Die mehr als 50 Jahre alte Idee einer Osttangente, die das Bürgerforum jetzt wieder aus dem Hut zaubert, stammt aus der planerischen Mottenkiste. Der Nutzen eines solchen Straßenneubaus stünde in keiner Relation zu den horrenden Kosten. Investitionen in den Verkehr sind nötig, aber bitte in zeitgemäße Lösungen.

k.fritz@bkz.de

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Erstellt:
20. Februar 2020, 06:00 Uhr

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