Organisierte Kriminalität
Mafia-Prozesse in Stuttgart – auch Polizist unter Verdacht
Pizza, Käse, Kokain: Die ‚Ndrangheta mischt in Stuttgart mit – und sogar Polizisten stehen unter Verdacht. Wie tief reichen die Mafia-Verbindungen im Südwesten wirklich?
© dpa/Marijan Murat
Vor dem Landgericht Stuttgart beginnen zeitgleich drei Prozesse gegen Männer, die die italienische Mafia unterstützt haben sollen. (Symbolbild)
Von red/dpa/lsw
Mafia. Viele denken da nur an Pasta, Patenfilme und Klischees wie zerstörte Autowracks oder abgedeckte Leichen. Doch gibt es das tatsächlich mitten in Baden-Württemberg – sogar innerhalb der Polizei?
Es klingt unwahrscheinlich, passiert aber: Vor dem Landgericht Stuttgart beginnen zeitgleich drei Prozesse gegen Männer, die die italienische Mafia unterstützt haben sollen. Die Verfahren drehen sich um große Mengen Käse, Olivenöl und Tomatenkonserven, um schweren Betrug und verletzte Ehre - und einer der Angeklagten ist Polizist. Gegen ihn läuft zudem parallel ein weiterer Prozess.
Polizist im Visier: Geheimnisverrat und Mafia-Kontakte
Besonders aufmerksam verfolgt wird nun der Auftakt des zweiten Verfahrens (09.00) gegen den 47-jährigen Polizeihauptmeister vom Polizeipräsidium Aalen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem Geheimnisverrat vor.
Im Januar 2022 soll der Mann in Polizeisystemen zweimal Informationen abgerufen und an einen anderen Mann weitergegeben, der auch die Mafia unterstütze. Dabei sei es um ein Autokennzeichen und Personendaten gegangen. Konkret prüfte er, ob nach einem Angriff auf ein italienisches Restaurant Mitglieder der kalabrischen ’Ndrangheta gesucht würden. Laut Anklage wollten die Täter die Gastwirte so zum Kauf von Lebensmitteln drängen, also eine klassische Erpressung.
Betrug mit Phantomfirmen
Zeitgleich startet ein weiteres Verfahren gegen einen mutmaßlichen Mafioso. Er ist unter anderem angeklagt wegen Steuerhinterziehung. Laut Anklage gab er sich zwischen April 2020 und Mitte 2021 mit Komplizen gegenüber ausländischen Firmen als Verantwortliche deutscher Unternehmen aus der Lebensmittelbranche aus. Sie bestellten große Mengen Produkte sowie Maschinen zur Pizzaherstellung.
Die Firmen vertrauten auf den guten Ruf und lieferten die Waren in ein angebliches Lager einer nicht existierenden Firma in Fellbach. Insgesamt flossen in 35 Fällen Waren im Wert von mehr als 330.000 Euro an Stuttgarter Gastronomen weiter. Diese wussten demnach um die Mafia-Herkunft und kauften aus Angst ein.
„Operation Boreas“ und der zweite Prozess
Die Beschuldigten, einschließlich des Polizisten, wurden bei der deutsch-italienischen „Operation Boreas“ gefasst – einem koordinierten Einsatz gegen Mafia und organisierte Kriminalität. Damals wurden 34 Haftbefehle ausgestellt, hauptsächlich gegen italienischstämmige Verdächtige.
Aalens Polizeipräsident Reiner Möller betonte, es habe langjährige Beziehungen des angeklagten Beamten zum Mafiamilieu gegeben. Und so ist es für den Polizisten auch nicht das einzige Verfahren: In einem separaten Prozess hat er bereits eingeräumt, bei einem italienischen Freund eine „Abreibung“ für seinen verhassten Vorgesetzten in Auftrag gegeben zu haben – versuchte Anstiftung zum Totschlag, meint die Staatsanwaltschaft. Die Tat blieb aus. Ein psychiatrischer Gutachter vermutet aber eine manische Phase des Mannes - das könnte bedeuten, dass er schuldunfähig war.
Die ’Ndrangheta: Weltweit aktiv, auch hier
Die kalabrische ’Ndrangheta ist eine der mächtigsten italienischen Verbrecherbanden – gefährlicher als Cosa Nostra oder Camorra. Sie dominiert den europäischen Kokainmarkt und agiert weltweit, auch in Deutschland.
Experten wundern sich nicht über Kontakte in Behörden. „Die Mafia versucht natürlich, Amtsträger zu korrumpieren, um an Informationen zu gelangen“, sagt LKA-Präsident Andreas Stenger. Mafia-Experte Sandro Mattioli spricht von „Kontaktnetzwerken“. Ziel sei es, Ermittlungen zu erschweren. „Wir unterschätzen die Mafia in Deutschland dramatisch“, warnt der Journalist. „Sie ist hier tief verankert.“
Baden-Württemberg als Hochburg
Nach Schätzung des LKA zählt Baden-Württemberg zu den Schwerpunkten der ’Ndrangheta in Deutschland. Rund ein Viertel der landesweit bekannten Mitglieder lebt hier, vor allem im Großraum Stuttgart und am Bodensee. Das dürfte an der Nähe zu Italien liegen und an der starken Wirtschaft. Das LKA schätzt rund 170 Aktive – bei hoher Dunkelziffer. Ihr Spektrum reicht von Betrug über Drogenhandel und Waffendelikte bis zur Geldwäsche.
