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Marsch,marsch!

Der Rückzug der USA aus Syrien wird den Angriff Erdogans auf die syrischen Kurden zur Folge haben

„Motor an, Kette rechts, marsch, marsch!“ – es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan seinen türkischen Truppen im Westen Syriens­ den Angriff in den Osten des Landes befiehlt. Der Feind: syrische Kurden – jene Frauen und Männer, die sich den Terroristen des Islamischen Staates als Einzige bereits aufopferungsvoll entgegenstemmten, als im Westen noch Sonntagsreden gehalten und Schwadronierzirkel darüber einberufen wurden, wie und ob denn nun der Kampf gegen die Schlächter um Abu Bakr al Baghdadi zu führen sei.

Den wahren Angriffsbefehl auf die Kurden aber gibt US-Präsident Donald Trump – indem er seinen etwa 2000 Soldaten den Rückzug aus der Levante und damit den Rückzug von ihren kurdischen Verbündeten befiehlt. Damit macht Trump den Weg für Erdogan frei, um seinen aus deutschen Bundeswehrbeständen stammenden Leopard-Panzerverbänden das Kommando zur Attacke geben zu können.

Das hätte verheerende Folgen. Neue Flüchtlingstrecks werden dann durch den Mittleren Osten – womöglich über diesen hinaus – ziehen, ein Krieg gegen die syrischen Kurden wird sich brutal vor allem in der Türkei fortsetzen, wo mehr als die Hälfte der Kurden dieser Region leben. Das ist der Preis, den Trump dafür zu zahlen bereit ist, jenen Menschen in den Rücken zu fallen, denen er noch vor Wochen attestiert hatte, ein „großartiges Volk“ mit „großartigen Kämpfern“ zu sein: „Sie haben mit uns gekämpft, sie sind mit uns gestorben!“

Zwei Gründe hat Trump für das hinterhältige Vorgehen. Der erste ist: Er verscherbelt den Türken für umgerechnet 3,5 Milliarden Euro das Flugabwehrsystem Patriot und verhindert damit, dass Erdogan seine schrottreife Luftabwehr mit dem wohl besten russischen System S-400 bestückt. Der zweite: Die USA – und mit ihnen die Nato – sichern sich das Wohlwollen der Türkei für den Fall, dass sie der Ukraine militärisch gegen Russland zur Seite springen wollen. Wer der Ukraine – und sei es nur symbolisch – beistehen will, muss militärische Stärke ins Schwarze Meer projizieren können und dazu die Meerenge am Bosporus frei durchfahren können.

Es ist an der Nato jetzt zu beweisen, dass sie wirklich die Wertegemeinschaft ist, für die sie sich seit Jahrzehnten ausgibt. Sollten Erdogans Truppen aus dem völkerrechtswidrig besetzten nordsyrischen Afrin zur Offensive antreten, muss die Allianz alle türkischen Offiziere bis auf Weiteres aus den Stäben des Bündnisses verbannen.

Und Deutschland? Als Erdogan in diesem Frühjahr in Afrin einmarschierte, brannten in Deutschland türkische Moscheen und Geschäfte. Hier wird stellvertretend der Krieg, den Ankara in Syrien gegen die Kurden führen wird, ausgefochten. Längst hat der türkische Präsident hierzulande mit Schlägerbanden und Lobbyvereinen den tiefen Staat geschaffen, den er braucht, um sie auf Knopfdruck auf Kurden zu hetzen. Die Bundesregierung hat die Machenschaften und Netzwerke rund um die Osmanen Germania nicht einmal gegenüber der Türkei thematisiert – dafür das Thema seit fast drei Jahren ignoriert.

Deshalb darf es nicht einmal mehr die Diskussion um deutsche Rüstungsexporte und -lizenzen für die Türkei geben. Im Gegenteil: Sollte Erdogan in Nordsyrien angreifen, muss die Bundesregierung ein Sanktionssystem gegen die Türkei entwickeln und – allein oder zusammen mit Partnern – realisieren. Sonst heißt es mit deutschem Einverständnis und Willen: „Motor an, Kette rechts, marsch, marsch!“

franz.feyder@stuttgarter-nachrichten.de

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Erstellt:
21. Dezember 2018, 11:42 Uhr

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