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Mehr als einfach nur ein geografischer Riss im Land

Provokante Thesen von Erik Flügge – Autor und SPD-Mitglied geht beim Roten Stuhl in Weissach mit seiner Partei hart ins Gericht

Erik Flügge arbeitet als politischer Stratege und ist erfolgreicher Wahlkampfplaner, beispielsweise für den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Erik Flügge arbeitet als politischer Stratege und ist erfolgreicher Wahlkampfplaner, beispielsweise für den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil. Foto: J. Fiedler

Von Carmen Warstat

WEISSACH IM TAL.„Deutschland, du bist mir fremd geworden“ heißt das gerade erschienene Buch, das Flügge auf dem Roten Stuhl der SPD Weissacher Tal vorstellte. Der Autor arbeitet als politischer Stratege und ist erfolgreicher Wahlkampfplaner, etwa für Stephan Weil in Niedersachsen. 1986 in Backnang geboren und in Allmersbach im Tal aufgewachsen, war es dem inzwischen in Köln lebenden ehemaligen Bize-Schüler ein Bedürfnis, „bei dem Buch ganz am Anfang in meiner Heimat“ etwas zu machen.

Ein Bühnenbild im Foyer der Gemeindehalle Unterweissach zeigt die gegenwärtige Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft anhand zweier Plakate – eines pro, ein anderes kontra AfD: „Ihr seid vielleicht völkisch, aber ihr seid nicht das Volk.“ Davor befand sich die einen deutschen Fußballfan darstellende lebensgroße Puppe in voller Montur – Schwarz-Rot-Gold von Kopf bis Fuß also.

Es sei der erste Rote Stuhl „mit einer Einheit zwischen Datum und Thema“ befand der SPD-Ortsvorsitzende Jürgen Hestler auf den Nationalfeiertag anspielend. Man wolle „vielleicht heute klären, wer wir sind, das deutsche Volk“.

Westdeutsche haben ausgeprägtes Desinteresse an den neuen Ländern

Dass Erik Flügge seine Lesung dann mit Ausführungen über die Situation der Ostdeutschen begann, schien viele Besucher zu irritieren, zumal der Autor, den Politikexperten Stefan Münzner zitierend, sich mit den Menschen in den neuen Bundesländern solidarisierte. Vielfach war empörtes Wispern zu hören. Im Kapitel „Da wohnen die Nazis“ schildert Flügge die Abwesenheit Ostdeutschlands in den überregionalen Medien – Ausnahme: „...nur wenn die wütend sind...“ und bescheinigt den Westdeutschen ihr bis heute andauerndes ausgeprägtes Desinteresse am kleineren und jüngeren Teil Gesamtdeutschlands. „Nicht die Ostdeutschen sind dran!“ Die seien in die alten Bundesländer gereist und so weiter, nur „wir sind noch immer nicht interessiert“.

Allerdings machte Erik Flügge auch klar, dass der gesellschaftliche Riss nicht einfach ein geografischer ist. Am Beispiel einer Kneipenbegegnung in der ostfriesischen Kleinstadt Lehr zeigt er im Kapitel „Die Unbekannten“ stille Menschen in entwerteten Berufen, „alles Leute, die sich irgendwie durchschlagen mit dem Geld, das sie verdienen“.

Bereits mit 1615 Euro netto gehöre man in Westdeutschland zur reicheren Hälfte der Bevölkerung, den viel zitierten Besserverdienenden, im Osten liege der Grenzwert noch deutlich darunter. Tatsache sei, dass 40 Prozent der Deutschen in wirtschaftlich prekären Verhältnissen leben, und zwar ohne die Chance auf einen Aufstieg. „Diese Menschen kommen nicht vor in Internet, Fernsehen, Zeitung.“ Anschaulich schilderte Flügge, der auch Milieuforscher ist und sich bestens auskennt, wie Unterprivilegierte die Darstellung von Wohlstand und Intellektualität in den Medien wahrnehmen und warnte: „Wenn eine Gesellschaft für fast die Hälfte der Bevölkerung keine Aufstiegschancen bietet, wird rebelliert.“

Hart ging er mit der Politikersprache, auch der SPD, ins Gericht, indem er sich Begriffe wie „Interoperabilität“ und „subsidiär Schutzberechtigte“ vornahm. Leidenschaftlich diskutierte der Bestsellerautor mit seinen etwa 120 Zuhörern die Minderheitenpolitik dieser Tage. Die SPD müsse wieder Politik für die unterprivilegierte Masse machen und sich personell endlich erneuern: „Wir brauchen einen Austausch der aktuellen politischen Generation.“ Das bedeute nicht, dass die Neuen jung sein müssten, nur dürften sie nicht verbrannt sein von Gerhard Schröders Hartz-IV-Agenda.

Breiten Raum in der Diskussion nahm in diesem Zusammenhang auch die Beurteilung des Aufstiegs der Rechten ein. Es gehe einem alten SPDler „an die Nieren“, wenn seine Partei für deren Erfolg verantwortlich gemacht werde, hieß es, und dass die gegenwärtige Situation in unserem Land an die Zeit der Weimarer Republik erinnere. Erik Flügge beschwichtigte, man solle nicht überdramatisieren. Er glaube nicht, „dass wir am Fuße eines neuen Dritten Reichs stehen“.

SPD muss sich trauen, „mit eigener Hartz-IV-Perversion zu brechen“

Sein zum Abschluss gelesenes Kapitel ging noch einmal auf die vielen Fehler der Sozialdemokratie ein. Auch hier heißt es, die Partei müsse sich trauen, „mit ihrer eigenen Hartz-IV-Perversion zu brechen“. Korrektheit sei die Achillesferse der politischen Linken in Deutschland. „Unfassbar detailversessene Klugscheißer“ seien in der SPD unterwegs, und das „Maaßen-Ding“ sei insofern bodenlos , als unter anderem Andrea Nahles nicht checkte, dass die Beförderung eklatant gegen das Gerechtigkeitsgefühl der ganz breiten Masse des Volkes verstoßen würde. Von „Zombiesprache der SPD“ war die Rede und davon, dass man Politik nicht für die Leute, sondern mit den Leuten zu machen habe, wenn man nicht paternalistisch enden wolle.

Alles in allem ein denkwürdiger Abend. Nur selten wird bei politischen Veranstaltungen in diesem Maße Klartext geredet, selbstkritisch wohlgemerkt.

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Erstellt:
5. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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