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Mit Lebensmut gegen das Handicap

Hannelore Michel leidet seit jungen Jahren an Makuladegeneration – Hilfe vom Evangelischen Blinden- und Sehbehindertendienst

Der Gesichtssinn gilt gemeinhin als der wichtigste. „Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen sehe“, sagen viele. Aber was, wenn das Sehvermögen schwindet, wenn einen die Organe, durch die wir auf die Welt blicken, im Stich lassen? Anlässlich der Woche des Sehens weist der Evangelische Blinden- und Sehbehindertendienst in Württemberg (EBSW) auf die Situation Betroffener hin. Hannelore Michel ist eine von ihnen.

Hannelore Michel liest einen Bericht im Gemeindebrief an ihrem Lesegerät. Die Schrift erscheint stark vergrößert am Monitor. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Hannelore Michel liest einen Bericht im Gemeindebrief an ihrem Lesegerät. Die Schrift erscheint stark vergrößert am Monitor. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

BACKNANG. Die 88-jährige Hannelore Michel lebt in einem hübschen Eigenheim in Backnang. Wer der freundlichen älteren Frau mit den grauen Haaren begegnet, ahnt nicht, dass sie eine starke Sehbehinderung hat. Bewundernswert sicher bewegt sie sich durch den schönen kleinen Garten und im Haus von Zimmer zu Zimmer. Ab und zu begegnet man ihr auch draußen beim Spaziergang, wenn sie ihre altersbedingt etwas kürzer gewordene Runde dreht, und nur ein weißer Stock deutet darauf hin, dass die rüstige Seniorin kaum noch sieht.

Als Hannelore Michel 25 Jahre war, eine junge Frau in der Blüte ihres Lebens, fröhlich, unternehmungslustig, selbstbewusst, von Beruf kaufmännische Angestellte in einem Versandhandelsgeschäft, bekam sie die Diagnose: juvenile Makuladegeneration – eine Beeinträchtigung des Sehvermögens, die meist erst ältere Menschen betrifft, in seltenen Fällen aber auch jüngere, daher „juvenil“ – jugendlich. Dass etwas mit ihren Augen nicht stimmte, hatte sie lange nicht geahnt. Im Nachhinein aber wurde ihr bewusst, dass sie wohl deswegen schon in der Schule immer in der ersten Bank gesessen war. Und im Beruf war sie trotz des Handicaps gut zurechtgekommen, bis, ja, bis ihr Fehler unterliefen: Die langen Artikelnummern richtig zu erkennen, fiel ihr zunehmend schwerer, mal da, mal dort fiel eine Ziffer unter den Tisch.

Makuladegeneration betrifft

immer mehr Menschen

Bei der Makuladegeneration ist, wie EBSW-Geschäftsführerin Ingrid Haag erklärt, das Gesichtsfeld eingeschränkt. Stoffwechselprodukte haben sich an der Netzhautmitte, der Makula, und damit in der Zone des besten Sehens abgelagert. Betroffene sehen an den Rändern oftmals noch ganz gut und können sich im Raum orientieren, deshalb sind sie auch häufig dem Vorwurf ausgesetzt, sie würden bloß simulieren. Doch ein wachsender Bereich um die Mitte herum erscheint unscharf und verschwommen, Teile des Bilds sind auch verbogen oder verzerrt. Die Erkrankung tritt meist nach dem 60. Lebensjahr auf und kann zur völligen Erblindung führen. Wegen des demografischen Wandels ist ein wachsender Anteil der Bevölkerung davon betroffen.

Hannelore Michel hat sich von der Sehbehinderung jedoch nicht den Lebensmut nehmen lassen. Mit ihrem Ehemann verbrachte sie herrliche Wanderurlaube in den Alpen – und wenn der Weg im Gelände mal schwierig wurde, blieb er stehen und half ihr, das Hindernis zu überwinden.

Dass sie langsam, über viele Jahre hinweg, in das Handicap hineingewachsen ist, empfindet sie heute als Vorteil gegenüber allen, die der Ausfall des Augenlichts im Alter plötzlich trifft. „Ich habe von meinem Vater die Zuversicht fürs Leben geerbt, sodass ich immer das Gute sehe“, bilanziert die Seniorin und fügt hinzu: „Wenn man immer das Schlechte sieht, ist alles noch schlimmer.“ Durch ihre jüngere Schwester, die ebenfalls ein Augenleiden hatte, kam sie in Verbindung mit dem EBSW, dessen Geschäftsstelle sich in Backnang befindet; nach dem Tod ihres Manns engagierte sie sich dann sogar einige Jahre aktiv, was ihr inzwischen jedoch nicht mehr möglich ist. Nach wie vor aber besucht sie kirchliche Haus- und Frauenkreise.

Trotz ihres hohen Alters und der Einschränkungen macht sie im Haus noch so viel wie möglich selbst. „Bis jetzt ist alles gut gegangen, ich bin aber auch sehr vorsichtig“, erzählt sie. Beim Waschbecken steht ein Sessel, falls die Kräfte einmal unversehens schwinden, und bevor sie die Treppe heruntersteigt – rückwärts –, macht sie ihre Atemübungen. Sie steht regelmäßig am Herd, um ihre Mahlzeiten – „nur ganz einfache Gerichte“ – zuzubereiten. Bis vor wenigen Jahren hat sie auch noch gestrickt. „Ich hab aus allem was gemacht, weil ich in der armen Zeit groß geworden bin.“

Das Schreiben geht nach wie vor, wenn auch mühsam in Druckbuchstaben. Wäsche aufzuhängen traut sich Hannelore Michel allerdings nicht mehr, da springen ihr ebenso wie bei einigen anderen Verrichtungen helfende Hände von der Diakonie zur Seite. Besonders wichtig für das Zurechtkommen im Alltag ist aber, dass alles an seinem Platz sein muss, „damit ich es finde“. Hannelore Michel lacht: „Meine Enkel sagen, sie haben bei mir das Ordnunghalten gelernt.“

Fernsehen? Ja. Aber wenig, in erster Linie Informationssendungen. Spielfilme werden ihr zu hektisch: „Wenn ich nicht mitkomm, werd ich unwillig.“ Da helfen auch Audiodeskriptionen nicht – nicht alle Sehbehinderten mögen dieses Angebot der TV-Sender, wie Ingrid Haag weiß.

Auf Krimis mag Hannelore Michel trotzdem nicht verzichten: Die genießt sie als Hörbücher, besonders gern vertieft sie sich in die Romane von Donna Leon, die in Venedig spielen – mit der Lagunenstadt verbindet sie viele angenehme Erinnerungen. Und Lesen? Sicher doch: am Lesegerät. Da lässt sich die Vergrößerung stufenlos regulieren. Für Bücher ist das allerdings zu mühsam, denn der Monitor bildet immer nur Ausschnitte ab, sodass die Vorlage immer nachgeführt werden muss. Deshalb nimmt sich Hannelore Michel zum Lesen hauptsächlich den Gemeindebrief der Kirche vor, aber auch einzelne Artikel aus der Zeitung und das Fernsehprogramm.

Neubetroffene, so Ingrid Haag, empfinden die „Wahnsinnseinschränkungen“ für ihr Leben als Schock; Unsicherheit, wie es weitergeht, verbindet sich mit Sorgen und Angst vor Abhängigkeit. „Viele ziehen sich zurück“, schildert die Expertin vom EBSW die häufig zu beobachtenden Folgen – die auf entsprechende Reaktionen der Umgebung treffen: Man möchte nicht mit der Situation konfrontiert werden, weil man nicht weiß, wie man damit umgehen soll.

Das führt dann in einen Teufelskreis der Vereinsamung. Dabei gibt es vielfältige Hilfsmittel, um beispielsweise Barrieren zu Hause überwinden zu können. Das beginnt bei gutem, blendfreiem Licht und geht über sprechende Geräte – Uhr, Waage, Fieberthermometer – und Sockensortierringe, Markierungspunkte an Herd, Spülmaschine und Waschmaschine bis hin zu gelben Bademützen mit schwarzen Punkten beim Schwimmen. Nicht zu vergessen: der Schwerbehindertenausweis, der viele Vorteile bringt. Alles Nähere weiß Ingrid Haag vom EBSW.

Und was hilft noch? Vielleicht die Devise von Hannelore Michel: „Alles, was ich tue, kann ich eigentlich nicht. Aber ich will’s.“

Rat für Betroffene und Angehörige Info Die Woche des Sehens geht bis zum 15. Oktober und schließt weitere internationale Aktionstage mit ein, so den Welttag des Sehens, der immer am zweiten Donnerstag im Oktober stattfindet. Anlässlich der Woche des Sehens bietet der Evangelische Blinden- und Sehbehindertendienst Württemberg (EBSW) Beratung in seiner Geschäftsstelle in der Stuttgarter Straße 18 in Backnang auch am Samstag, 13. Oktober, 9 bis 12.30 Uhr an, damit berufstätige Angehörige gegebenenfalls ihre betroffenen Familienmitglieder begleiten können. Ansprechpartnerin: Ingrid Haag. Darüber hinaus bietet der EBSW auch an folgenden Tagen Beratung an: montags von 8 bis 18 Uhr sowie dienstags und mittwochs jeweils von 8 bis 16.30 Uhr. Um Wartezeiten zu vermeiden, wird eine vorherige Terminvereinbarung empfohlen. Sollte in den angegebenen Zeiten für Betroffene kein Termin möglich sein, kann ein individueller Termin vereinbart werden, gegebenenfalls auch zu Hause beim Betroffenen. Der EBSW ist ein kirchlich-diakonischer Dienst für blinde und sehbehinderte Menschen und deren Angehörige und Freunde. Er hat zu rund 2000 Menschen Kontakt, die selbst betroffen sind oder sich für die Arbeit des EBSW interessieren. Unterstützt wird der Dienst von über 80 ehrenamtlich tätigen Helfern. Er ist als eingetragener und gemeinnütziger Verein organisiert und arbeitet im Auftrag der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Zudem ist er Mitglied im diakonischen Werk der evangelischen Kirche in Württemberg. Die Teilnahme an Angeboten des EBSW ist unabhängig von einer Mitgliedschaft und der Zugehörigkeit zu einer Konfession. Weitere Informationen gibt es unter der Rufnummer 07191/60000, per E-Mail an haag@ebsw-online.de oder im Internet auf www.ebsw-online.de.
Fotosimulation des Dachverbands der evangelischen Blinden- und evangelischen Sehbehindertenseelsorge: So sehen Betroffene bei Makuladegeneration im Anfangsstadium.

Fotosimulation des Dachverbands der evangelischen Blinden- und evangelischen Sehbehindertenseelsorge: So sehen Betroffene bei Makuladegeneration im Anfangsstadium.

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Erstellt:
10. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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