Ein Kurs bereitet in Backnang auf die MPU vor

Interview Anna Haffa bereitet Menschen aus dem Rems-Murr-Kreis auf ihre medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) vor. Zu ihr kommen die, die mit Drogen oder zu viel Alkohol am Steuer erwischt wurden. In einer Gruppe reflektieren die Kursteilnehmer ihr Verhalten.

Bei einer ersten Trunkenheitsfahrt wird ab 1,6 Promille Blutalkoholkonzentration eine MPU verordnet, in Einzelfällen schon bei geringerer Konzentration. Symbolfoto: stock.adobe.com/gopixa

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Bei einer ersten Trunkenheitsfahrt wird ab 1,6 Promille Blutalkoholkonzentration eine MPU verordnet, in Einzelfällen schon bei geringerer Konzentration. Symbolfoto: stock.adobe.com/gopixa

Backnang. Vor einer Woche hat bei der Suchtberatungsstelle in Backnang wieder ein Kurs begonnen, der auf eine medizinisch-psychologische Untersuchung vorbereitet (MPU). Der Kurs richtet sich an Menschen, die unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln oder von übermäßigem Alkoholkonsum am Steuer erwischt wurden. Wer die Untersuchung besteht und ein positives MPU-Gutachten erhält, der kann damit seinen Führerschein zurückerlangen. Anna Haffa hat viele Jahre in der Prävention und Suchthilfe gearbeitet. Seit 2017 leitet sie die MPU-Vorbereitungskurse in Backnang. Sie und die Teamleiterin der Caritas-Suchtberatungsstelle, Helena Hogg, erklären, was es mit dem Kurs auf sich hat.

Wobei soll der MPU-Vorbereitungskurs den Teilnehmern helfen?

Haffa: Es gibt zwei Dinge, die sehr wichtig sind: Dass die Teilnehmer ein positives Ergebnis bei der MPU kriegen und dass sie sich damit auseinandersetzen, warum sie die MPU machen mussten und ihr Verhalten verändern – beziehungsweise ihr Verhalten an den Punkten verändern, die dazu geführt haben, dass sie mit Alkohol oder mit Drogen gefahren sind.

Das heißt, der Kurs geht auch in Richtung Suchtberatung?

Haffa: Suchtberatung würde den Kurs sprengen. Wir besprechen aber das Konsumverhalten. Also: Wann habe ich angefangen Alkohol zu trinken? Wie habe ich getrunken? Gab es Pausen? Das Gleiche gilt auch für die Drogen. Und parallel dazu: Wie ist es mir ergangen? Was war mein Motiv? Habe ich ein Problem mit Alkohol oder Drogen? Wichtig ist immer zu gucken: Was war wohl der Grund, weshalb ich getrunken oder weshalb ich Drogen genommen habe, und was muss ich ändern, damit der Grund wegfällt?

Der Kurs bereitet vor allem auf die psychologische Untersuchung vor, einen Teil der MPU, an dem viele Teilnehmer scheitern. Wie kann ich mir diese Untersuchung vorstellen?

Haffa: Es ist immer ein Zweiergespräch. Meistens schreibt der Psychologe oder die Psychologin am Laptop mit und stellt einfach Fragen: Wie haben Sie konsumiert? Was war der Grund? Warum haben Sie aufgehört? Es wird immer gefragt: Wie gefährdet fühlen Sie sich, rückfällig zu werden? Wie schätzen Sie ihren Konsum ein, etwa als problematischen oder abhängigen Konsum? Die Dauer des psychologischen Gesprächs variiert, kann bis zu einer Stunde dauern.

Können die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sich da nicht die richtigen Antworten antrainieren und den Psychologen austricksen?

Haffa: Erstens, die Psychologen haben das sehr gut drauf, weil das sehr erfahrene Psychologen sind. Zweitens kann ich Ihnen sagen, ich habe wirklich sehr lange mit Drogen- und Alkoholabhängen gearbeitet. Und manche können einem tatsächlich was vom Pferd erzählen. Aber es geht nicht nur darum, dass sie ein positives MPU-Gutachten bekommen, sondern auch darum, dass sie ihren Führerschein behalten. Es gibt eine Statistik, die sagt, dass etwa 35 Prozent später wieder ihren Führerschein abgeben müssen. Auf der einen Seite geht es um den Führerschein, auf der anderen Seite sagen die Teilnehmer immer wieder: Jetzt, wo ich nicht mehr konsumiere, gehts mir besser.

Gibt es viele, die nicht unbedingt Suchtprobleme, sondern einfach mal über die Stränge geschlagen haben?

Haffa: Es gibt beides. Es gibt die, die eine Abhängigkeit entwickelt haben. Bei den 20- bis 35-Jährigen gibt es häufig welche mit problematischem Drogenkonsum. Es gibt aber auch immer wieder welche, die mit 16, 17 mit Cannabis erwischt worden sind und die nach altem Recht noch gar keinen Führerschein machen dürfen ohne MPU. Die haben halt mal experimentiert, in der Pubertät mal über die Stränge geschlagen.

Wie läuft der Kurs ab?

Haffa: Wir sind maximal acht Teilnehmer und es ist ein Gruppengespräch. Es gibt eine Schweigepflicht, das muss auch jeder unterschreiben, sodass man offen über die Dinge sprechen kann, die einen eigentlich bewegen. Ich frag immer am Ende des Kurses: Was hat euch gefallen, was hat euch nicht gefallen? Sehr häufig hat es den Teilnehmern einfach gut getan, so offen über die Dinge zu reden mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben.

Wem eine MPU wegen Alkohol oder Drogen bevorsteht, der findet bei Anna Haffa (links) und Helena Hogg in Backnang Hilfe. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Wem eine MPU wegen Alkohol oder Drogen bevorsteht, der findet bei Anna Haffa (links) und Helena Hogg in Backnang Hilfe. Foto: Alexander Becher

Was sind das so für Teilnehmer?

Haffa: Querbeet. Der Jüngste, den ich im Kurs hatte, war 22 Jahre alt, aber ich hatte auch schon einen über 65. Und auch von den Berufen, es gibt welche, die im Management arbeiten, es gibt Landschaftsgärtner, Handwerker, Pflegeberufe. 90 Prozent sind Männer.

Wenn man eine MPU machen will, ab wann empfehlen Sie auch einen Vorbereitungskurs?

Hogg: Immer. Ich hatte eine Weiterbildung und der MPU-Gutachter hat gemeint, das kommt immer gut an. Also alles, was man sich bescheinigen lassen kann, jeder Aufwand, den man dafür betrieben hat, sei es ein Beratungsgespräch zu besuchen, einen Vorbereitungskurs zu machen, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, in einen neuen Verein einzutreten. Jede Art der Veränderungsmotivation ist gut, um die MPU zu bestehen. Wenn jemand mit null Vorbereitung kommt, hat er automatisch eine schlechtere Ausgangsposition. Heißt nicht, dass der das nicht schaffen kann, aber es ist natürlich ein schlechterer Start.

Wie gehe ich am besten vor, wenn mir eine MPU bevorsteht und ich mich informieren möchte?

Hogg: Es immer ratsam, in eine Suchtberatungsstelle zu kommen. Das Erstgespräch in einer Beratungsstelle kostet nichts. Man darf einfach vorbeikommen, man darf sich informieren und ist dann auch nicht gezwungen, irgendwas zu machen oder am Kurs teilzunehmen. In der Regel empfehle ich das jedem, weil man erst mal selber einschätzen muss: Muss ich eine MPU machen? Wie lange muss ich abstinent sein? Was kommt da alles auf mich zu? Viele wissen das eben leider nicht. So kommt es oft vor, dass Leute, die schon mal eine MPU gemacht haben oder sich woanders vorbereitet haben, hier herkommen und sagen: „Hätte ich das früher mal gewusst.“

Im Internet findet man auch viele private Anbieter für MPU-Vorbereitungskurse. Kann das jeder anbieten?

Hogg: Das ist kein geschützter Begriff, das darf erst mal jeder machen. Deswegen empfehle ich auch jedem Klienten, wenn er einen Vorbereitungskurs macht, egal ob bei uns oder woanders: Es sollte jemand sein, der Erfahrung hat. Das heißt, wenn man eine Vorbereitung macht, immer darauf achten, ob diese Person schon mal vorbereitet hat, Erfahrung hat, sich mit dem Thema auskennt.

Eine MPU an sich ist schon kostspielig. Wie tief müssen die Teilnehmer für die Kurse in die Tasche greifen?

Haffa: Bei uns kostet ein Kurs 450 Euro. Da sind 12 bis 15 Stunden in der Gruppe und zwei Einzelgespräche inkludiert.

Hogg: Bei anderen Anbietern ist man da zwischen 1000 und 3000 Euro. Die Leute, die das privat anbieten, müssen davon leben. Das heißt, die Kosten sind in der Regel höher als in der Suchtberatungsstelle.

Das Gespräch führte Anja La Roche.

Die MPU besteht nicht nur aus einem psychologischen Test

Weitere MPU-Bestandteile Neben dem psychologischen Test müssen die Teilnehmer am Tag der MPU nüchtern sein, teilweise zudem einen Abstinenznachweis vorzeigen. Außerdem wird die geistige und körperliche Fahrtüchtigkeit aus medizinischer Sicht untersucht. Zudem wird die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit getestet.

Andere Ursachen Eine MPU kann auch aus anderen Gründen angeordnet werden, zum Beispiel wenn ein Autofahrer oder eine Autofahrerin zu viele Punkte in Flensburg gesammelt hat oder straffällig geworden ist. Für diese Personen sind die Suchtberatungsstellen allerdings nicht die richtige Adresse, um adäquat auf ihre MPU vorbereitet zu werden.

Kurse Viermal pro Jahr starten MPU-Vorbereitungskurse bei den Suchtberatungsstellen im Rems-Murr-Kreis, zwei davon in Backnang im Caritas-Zentrum (Albertstraße 8), die anderen beim Kreisdiakonieverband in Waiblingen oder Schorndorf. Der nächste Kurs startet am 6. Juni in Waiblingen; im Oktober startet wieder einer Backnang.

Kontakt An den Vorbereitungskursen Interessierte können sich bei ihrer Suchtberatungsstelle vor Ort informieren. In Backnang ist das unter 07191/91156-10 oder per E-Mail an psb-bk@caritas-ludwigsburg-waiblingen-enz.de.

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Erstellt:
16. April 2024, 06:00 Uhr

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