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Müllkippe im Hinterhof ist Geschichte

Stadt und Eigentümer wollen Probleme mit der Flüchtlingsunterkunft in der Backnanger Gartenstraße in den Griff bekommen

Vor fünf Jahren hat der Backnanger Arzt und Stadtrat Lutz-Dietrich Schweizer zusammen mit seiner Schwester ein altes Industriegebäude in der Gartenstraße gekauft, um dort Wohnraum für Flüchtlinge zu schaffen. Knapp 80 Menschen leben heute in dem Haus, allerdings gab es auch immer wieder Beschwerden. Nun kümmert sich eine Sozialarbeiterin vor Ort um die Probleme.

Das Gerüst ist schon weg, bald sollen die Bauarbeiten ganz abgeschlossen sein. Eigentümer Lutz-Dietrich Schweizer, Erster Bürgermeister Siegfried Janocha und Raphaela Dobler vom Ordnungsamt (von links) hoffen, dass dann in der Gartenstraße mehr Ruhe einkehrt. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Das Gerüst ist schon weg, bald sollen die Bauarbeiten ganz abgeschlossen sein. Eigentümer Lutz-Dietrich Schweizer, Erster Bürgermeister Siegfried Janocha und Raphaela Dobler vom Ordnungsamt (von links) hoffen, dass dann in der Gartenstraße mehr Ruhe einkehrt. Fotos: J. Fiedler

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Vor einer Woche war große Aufräumaktion in der Gartenstraße 67: Die Stadt Backnang hatte drei große Container, Arbeitshandschuhe und Putzuntensilien organisiert, dann ging es zusammen mit rund 20 Hausbewohnern an die Arbeit. Der Unrat, der sich über Monate vor allem im Hinterhof angesammelt hatte, wurde eingesammelt und entsorgt: Möbel, Fahrräder, Kühlschränke, Baumaterial, Hausmüll – insgesamt rund zwei Tonnen. „Dort hat es ausgesehen wie auf einer Müllkippe“, erinnert sich Erster Bürgermeister Siegfried Janocha.

Manche Bewohner hatten ihren Abfall offenbar einfach aus dem Fenster geworfen. Der Müll stammte aber wohl nicht nur von den Hausbewohnern: „Bei Kontrollen haben wir festgestellt, dass es in der Nachbarschaft Leute gibt, die keine eigenen Mülltonnen besitzen, sondern ihren Abfall dort entsorgt haben“, berichtet Raphaela Dobler, Sachgebietsleiterin im Ordnungsamt. Die Folge: Die Müllcontainer seien oft schon einen Tag nach der Leerung wieder randvoll gewesen.

Vorhängeschlösser und Hinweisschilder auf Deutsch und Englisch sollen verhindern, dass weiterhin Fremde ihren Müll in den Containern entsorgen.

© Jörg Fiedler

Vorhängeschlösser und Hinweisschilder auf Deutsch und Englisch sollen verhindern, dass weiterhin Fremde ihren Müll in den Containern entsorgen.

Inzwischen hat die Stadt Vorhängeschlösser an den Containern angebracht. Außerdem ist seit Juni regelmäßig eine Sozialarbeiterin vor Ort. Nachdem die Stadt in der Gemeinschaftsunterkunft in der Hohenheimer Straße gute Erfahrung mit dem sogenannten Integrationsmanagement gemacht hat, wurde dieses Angebot auf die Unterkünfte in der Gartenstraße und am Etzwiesenberg (ehemalige Volkshochschule) ausgeweitet. Zwei- bis dreimal pro Woche schaut Sozialarbeiterin Julia Häcker nun in der Gartenstraße vorbei, unterstützt die Bewohner und vermittelt bei Problemen.

Miete orientiert sich am Mietspiegel

Seitdem habe sich die Situation spürbar verbessert, berichtet Lutz-Dietrich Schweizer. Der Arzt, der für die Christliche Initiative Backnang (CIB) im Gemeinderat sitzt, hat das Gebäude, in dem sich einst das Lederlager der Gerberei Robert Schweizer befand, zusammen mit seiner Schwester zum Wohnhaus umgebaut. Zwei Stockwerke haben sie an die Stadt vermietet, die dort Flüchtlingsfamilien – insgesamt 45 Personen – untergebracht hat. Die Wohnungen auf den beiden anderen Stockwerken vermietet Schweizer privat, ebenfalls überwiegend an anerkannte Asylbewerber.

Erster Bürgermeister Siegfried Janocha ist froh, dass der Stadtrat das Haus für die Flüchtlingsunterbringung zur Verfügung gestellt hat, denn die städtische Unterkunft in der Hohenheimer Straße musste wegen der Erweiterung der Waldorfschule zum Teil geräumt werden. „Wir hätten die Leute sonst in Containern unterbringen müssen“, sagt er. Im Gegensatz zu anderen Hauseigentümern verlange Schweizer auch keine überzogene Miete. Diese orientiere sich am Backnanger Mietspiegel und liege „weit unter zehn Euro pro Quadratmeter“, erklärt Janocha. Der auf zwei Jahre befristete Mietvertrag zwischen Stadt und Stadtrat hat für den Bürgermeister deshalb kein „Gschmäckle“.

Lutz-Dietrich Schweizer räumt ein, dass er die Schwierigkeiten unterschätzt hat. Das Müllproblem etwa habe er bei den Mietern immer wieder angesprochen – ohne Erfolg. „Es war nie festzustellen, wer der Verursacher ist.“ Der Eigentümer berichtet auch über Konflikte unter den Bewohnern, die aus ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen kommen. Hinzu kamen noch Mängel am Gebäude: Weil die Baufirma das falsche Dämmmaterial verwendet hatte, musste die Fassade komplett erneuert werden. Dadurch war das Haus über Jahre eine Baustelle, was für die Sauberkeit auch nicht gerade förderlich war.

Doch auch hier ist jetzt Besserung in Sicht: Das Gerüst an der Vorderseite des Gebäudes ist bereits abgebaut worden, bis in zwei Wochen sollen die Bauarbeiten komplett abgeschlossen sein. Die Entscheidung, das Haus an Flüchtlinge zu vermieten, hat Schweizer trotz aller Schwierigkeiten nicht bereut: „Wir würden es wieder machen.“

Kommentar
Blauäugig

Von Kornelius Fritz

Es waren hehre Motive, die Lutz-Dietrich Schweizer vor fünf Jahren dazu bewogen haben, das Haus in der Gartenstraße zu kaufen, um daraus eine Flüchtlingsunterkunft zu machen. Dem Stadtrat und gläubigen Christen ging es dabei nicht primär um Mieteinnahmen und Rendite, er wollte Menschen in Not helfen. Dafür gebührt ihm Respekt.

Allerdings ist er das Projekt ein bisschen blauäugig angegangen. Wer in einem Haus fast 80 Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen einquartiert, kann nicht erwarten, dass es dort zugeht wie in einer schwäbischen Reihenhaussiedlung. Diese Menschen brauchen Unterstützung und einen Ansprechpartner vor Ort, sonst sind Probleme vorprogrammiert. Der Vermieter war damit verständlicherweise überfordert. Immerhin hatte Schweizer bis vor Kurzem noch eine eigene Arztpraxis, ist Vater von vier Kindern und sitzt nebenbei auch noch im Gemeinderat.

Da wäre die Stadt Backnang gefragt gewesen. In ihrer eigenen Flüchtlingsunterkunft in der Hohenheimer Straße beschäftigt sie schon seit fast zwei Jahren hauptamtliche Integrationsmanager, in der Gartenstraße hat sie den Hauseigentümer mit den Problemen hingegen lange allein gelassen. Jetzt endlich wurde dieser Fehler korrigiert.

k.fritz@bkz.de

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Erstellt:
10. August 2019, 06:00 Uhr

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