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Nächstenliebe wider Zeitgeist

Scheidender Kreis-DRK-Präsident Johannes Fuchs hält Rückschau auf die vergangenen 40 Jahre

Den Menschen von heute treibt fast ausschließlich das persönliche Wohlbefinden um, findet der scheidende Rems-Murr-DRK-Präsident Johannes Fuchs. Eine beeindruckende Gegenbewegung zu diesem Zeitgeist formen all die im DRK Engagierten. Zu schaffen macht den Rotkreuzlern das landläufige egoistische Anspruchsdenken gleichwohl.

Johannes Fuchs blickt in die Gegenwart: „Wir leben in einer kritischen Zeit, in der die Angst vor Veränderungen grassiert.“ Foto: B. Büttner

© Benjamin Büttner

Johannes Fuchs blickt in die Gegenwart: „Wir leben in einer kritischen Zeit, in der die Angst vor Veränderungen grassiert.“ Foto: B. Büttner

Von Nils Graefe WAIBLINGEN. Auf das gesellschaftspolitisch brisante Thema zu sprechen kommen Johannes Fuchs und DRK-Kreisgeschäftsführer Sven Knödler erst unter ferner liefen des Pressegesprächs. Fuchs hielt Rückblick auf 40 Jahre DRK-Engagement, und da galt es, das Positive zu unterstreichen. Begonnen hatte Fuchs beim DRK anno 1978 als Ortsvereinsvorsitzender in Urbach. 2002 wurde der vom Schultes zum Landrat Aufgestiegene dann DRK-Kreisvorsitzender (ein Ehrenamt, dessen Titel 2014 in „Präsident“ umgewandelt worden ist). Am 19. Oktober wird Ex-Landrat Fuchs die Präsidentschaft des DRK-Kreisverbands an den amtierenden Landrat Richard Sigel übergeben, die Wahl Sigels gilt als sicher. In dieser Zeit ist das DRK im Kreis an seinen Aufgaben gewachsen. Einige Zahlen: 2002 hatte es 180 Hauptamtliche im Dienst, 2018 sind es 550, inklusive Verwaltung und Rettungsdienst/Krankentransport. Ehrenamtliche gab es 2002 insgesamt 1850, heute packen 2060 Menschen engagiert mit an. „Für uns war immer wichtig, das Ehrenamt zu unterstützen, so haben wir die Zahl der Hauptamtlichen von 44 (2002) auf heute 117 erhöht“, sagt Fuchs. Aber auch die Zahl der Einsätze ist signifikant gestiegen. „2002 hatten wir noch 44450 zu disponieren, 2017 waren es 150000.“ Das liege an einem vermehrten Anspruchsdenken, einer veränderten Bedarfslage und einer qualifizierteren Soforthilfe, sagt Fuchs. Mit Einsätzen sind vor allem die Notfallrettung, der Krankentransport und der Rettungsdienst gemeint. Beim Krankentransport gibt es Stoßzeiten: „Die meisten wollen zum Beispiel um 10 Uhr zur Dialyse, was dann natürlich zu Engpässen bei uns führt“, so Knödler. Und: Es gebe nicht wenige Menschen, die mittlerweile lieber den Notruf wählen, als selbst in die Notaufnahme zu gehen, weil sie dort lange Wartezeiten befürchten, bestätigt Fuchs. „Zum Teil rufen manche aber auch schon wegen eines Wespenstichs oder eines Zeckenbisses die 112.“ Hier wirken aber auch strukturelle Veränderungen. Knödler: „Früher war der Hausarzt auf dem Lande noch vor Ort, der konnte auch nachts kontaktiert werden. Heute rufen die Leute halt auch bei einem fiebrigen Infekt oder Schnupfen den Notarzt. Da muss man aber deutlich sagen, das ist nicht gut. Jemand mit Herzinfarkt braucht den Rettungsdienst, jemand mit Schnupfen nicht.“ Zudem brachten der Klinikneubau in Winnenden und die Schließungen in Backnang und Waiblingen tief greifende Veränderungen. „Wir haben darauf mit einer neuen Rettungswache in den Lerchenäckern in Backnang reagiert, um die Versorgungstiefe zu erhalten. Das war ein Invest von 1,7 Millionen Euro. Und die Rettungswache hat sich hervorragend entwickelt“, sagt Fuchs. Der ganze Nordosten des Kreises musste neu organisiert werden. Es gebe nun zusätzlich einen Notarzt in Althütte und einen am neuen Klinikum in Winnenden, und auch in der Rettungswache in Waiblingen ist ein Notarzt im Dienst. Auch dem Ehrenamt komme zur Bewältigung des strukturellen Wandels zunehmend Bedeutung zu. „Inzwischen engagieren sich 162 Helfer vor Ort, die 620-mal im Jahr 2017 bei lebensbedrohlichen Situationen gerufen wurden“, so Fuchs. „Unzählige Leben wurden gerettet“, ergänzte Knödler. 480 Mitglieder sind in 27 Jugendrotkreuzgruppen kreisweit organisiert. „Da entsteht Aufbruchsstimmung und wächst der Gedanke der Nächstenliebe, die Jugendlichen kultivieren in der Gemeinschaft ihre Sozialkompetenz“, so Fuchs. Das mache Hoffnung für die Zukunft in einer kritischen Zeit, in der die Angst vor Veränderungen grassiere. Die Politik lebe ohne Perspektiven und betreibe zu viel Tagesaktionismus je nach vermeintlicher öffentlicher Stimmungslage. Und die Gesellschaft fröne einer Selbstbedienungsmentalität. „Alles, was nicht mundgerecht gereicht wird, wird verächtlich gemacht“, so Fuchs. Stetig sei nur der Wandel, auch das DRK müsse sich stets weiterentwickeln. „Wir müssen weiter an den Hilfsfristen arbeiten und unsere Kapazitäten zur Unterstützung aller Engagierten ausbauen.“ 2002 hatte das DRK Rems-Murr eine Bilanzsumme von 7,1 Millionen Euro, 2018 werde man mit rund 15,9 Millionen Euro seinen Wirtschaftsplan abschließen. Das DRK wächst also auf allen Ebenen. Deshalb das Ziel: ein Neubau. „Wir hoffen da auf ein Grundstück auf städtischer Gemarkung in Waiblingen.“ 40 Jahre beim DRK: Fuchs’ Meilensteine Info Ein Ehrenamt oder Hauptamt beim DRK auszufüllen, ist Ausdruck einer bestimmten Haltung, die von Mitmenschlichkeit und Verantwortungsbewusstsein für andere gekennzeichnet sei. „Rotkreuzler tragen keinen Hass in sich und auch keine Vorurteile gegen Menschen anderer Herkunft oder Religion mit sich herum.“ Das DRK sei geprägt durch seinen föderalen Aufbau. Rotkreuzler sind auf allen Ebenen vertreten, mitten in der Gesellschaft. Im Gedächtnis bleiben werden ihm auch all die Leistungen von Rotkreuzlern in zivilgesellschaftlichen Grenzsituationen – begonnen mit dem dramatischen Elbhochwasser 2006, das auch besonders den Partnerlandkreis Meißen betraf und wo das Rems-Murr-DRK mit Leuten und Material große Hilfe leistete. „Ein besonders schwarzer Tag war der Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009, da kamen alle an die Grenze der Belastbarkeit, vor allem der mentalen. Das hat bis heute tiefe Spuren hinterlassen.“ Und dann 2001, das Rems- und Murrhochwasser und nicht zuletzt die Flüchtlingskrise von 2015. „Wir sind immer mehr den Gesetzen des Marktes unterworfen und stehen im Wettbewerb. Das verpflichtet uns zu Professionalität und Kostendisziplin. Wir sind gefordert, auch neue Angebotsfelder zu erschließen.“ Zwei Beispiele: Der Einstieg in die Tagespflege in diesem Jahr. Das DRK stellt hier in Waiblingen zehn Tagesplätze in zwei betreuten Wohnungen zur Verfügung. Angehörige bringen ihre pflegebedürftigen Angehörigen morgens und holen sie abends wieder ab. Zweitens: die Schulassistenz – im Rahmen der Inklusion stellt das DRK Schülern mit Behinderungen Betreuer zur Seite, damit sie im Schulalltag bestehen können. Seit 2002 als Kreisvorsitzender hätten ihn darüber hinaus die Frage der Einhaltung der Hilfsfristen, die Personalentwicklung, die Sicherstellung der finanziellen Stabilität und die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit des DRK beschäftigt. Zu schaffen mache dem DRK dabei eine atemberaubende Dynamik der Regulatorik („aktuell bringen uns zum Beispiel die neuen Datenschutzverordnungen an den Rand des Wahnsinns“). Positiv hingegen sei die Veränderung im Berufsbild.

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Erstellt:
9. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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