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Nein zu einer Badestelle an der Murr

Aus dem Badespaß in der Murr wird nichts. Nach einem Ortstermin an der Stelle, die der Backnanger Stadtrat Karl Scheib als möglichen Zugang zum Fluss vorgeschlagen hat, winkt der Erste Bürgermeister Siegfried Janocha ab: Geht nicht.

Backnangs Erster Bürgermeister Siegfried Janocha macht vor Ort klar: Eine Badestelle an der Murr lässt sich an dieser Stelle hinterm Freibad nicht ermöglichen. Das Gelände fällt steil ab, ein besserer Zugang kann aus Gründen des Naturschutzes aber nicht geschaffen werden. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Backnangs Erster Bürgermeister Siegfried Janocha macht vor Ort klar: Eine Badestelle an der Murr lässt sich an dieser Stelle hinterm Freibad nicht ermöglichen. Das Gelände fällt steil ab, ein besserer Zugang kann aus Gründen des Naturschutzes aber nicht geschaffen werden. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

BACKNANG. Mit großem Schwung hatte Karl Scheib sich für eine Badestelle an der Murr starkgemacht. Die besonderen Umstände in Zeiten der Coronapandemie erforderten auch besondere Angebote, argumentiert der Stadtrat des Bürgerforums. Viele Familien müssten die Ferien zu Hause verbringen, statt den geplanten Urlaub am Meer antreten zu können, die Freibadnutzung aber sei wegen der Covid-19-Bestimmungen stark eingeschränkt. Deshalb solle die Stadt eine andere Möglichkeit finden, um Kindern das Planschen und Spielen im erfrischenden Nass der Murr zu ermöglichen.

Scheib erinnerte sich früherer Zeiten, als in der Murr gebadet wurde und auch viele im Fluss das Schwimmen erlernten. Daran anknüpfend schlug er vor, an einer Wiese hinterm Freibad – am gegenüberliegenden Ufer der Murr – eine Badestelle zu schaffen. Es handelt sich genau um das Gelände, auf dem einst Joe Cocker ein Konzert gab, an das viele Backnanger bis heute denken. Dort führt von der Freibadseite aus – beim äußersten hinteren Eck der eingezäunten Liegewiese – eine Brücke über den Fluss. An der Stelle herrscht ohnedies ein reger Spaziergänger- und Radfahrerverkehr, denn auf der anderen Seite führt ein Pfad durch die Wiese aufwärts Richtung Steinbach. In der Gegenrichtung nutzen den Weg viele Steinbacher als Abkürzung zum Freibad.

Bei genauerem Hinsehen zeigte sich jedoch, dass der Gedanke zwar verführerisch wäre. So bekennt Janocha: „Das hätte schon Charme.“ Doch steht der Umsetzung einiges im Wege. Zum einen hapert es schon mit dem leichten Zugang an sich: Von der Wiese fällt das Gelände steil zur Murr ab, folglich müsste die Böschung abgeflacht oder auf andere Art ein Einstieg ermöglicht werden. Außerdem ist der Uferbereich dicht mit Bäumen und Sträuchern bewachsen, die den Weg versperren. Eine ziemlich ausgetretene Uferstelle befindet sich neben der Brücke, offenkundig steigen dort öfter Leute über das Wurzelwerk hinab zur Murr, um ihren Hund ins Wasser zu lassen. Zum Schwimmen aber taugt dieser Abschnitt ohnedies nicht: Kaum einen halben Meter tief sei das Wasser, schätzt der Erste Bürgermeister.

Noch schwerer wiegt aber nach seinen Worten, dass sich ein nach europäischen Regeln streng geschütztes Gebiet an der Murr entlang in Richtung Oppenweiler zieht. Dieses Flora-Fauna-Habitat-Gelände beginnt schon auf Höhe des Freibadeingangs. Janocha erinnert daran, dass es deswegen schon beim Bau des Wonnemar größter Mühe bedurfte, einen Pfeiler des Verbindungsstegs zwischen Frei- und Hallenbad in das FFH-Gebiet setzen zu dürfen. In dem Schutzgebiet geht es um die Schonzeiten für Fische und um die Brutzeiten von Vögeln, darunter der Eisvogel. Auch die Ufergehölze und die gesamte Vegetation unterliegen einem besonderen Schutzstatus. Janocha: „Bauliche Eingriffe wären nicht genehmigungsfähig.“ Keine Schutzgebiete gäbe es freilich im städtischen Bereich, fügt Janocha hinzu. Am ehesten denkbar wäre eine Badestelle nach seinen Worten an der Bleichwiese. Weil dort aber erst in den letzten Jahren eine Neugestaltung im Rahmen der städtebaulichen Sanierung erfolgt ist, sei eine Veränderung in diesem Bereich nicht zu empfehlen, sagt Janocha mit Blick auf die Fördergelder, die für die Erneuerung geflossen sind.

Flüsse führen Belastungen aus Kläranlagenabwasser mit sich.

Darüber hinaus verweist Janocha auf Aussagen des Landesgesundheitsamts und des Sozialministeriums, wonach Fließgewässer nicht zum Baden geeignet seien. Gewarnt wird insbesondere vor Belastungen, die aus dem Abwasser von Kläranlagen herrühren. Dazu liegt eine Stellungnahme der Gesundheitsbehörde von Anfang Juli vor, in der es heißt: „Nahezu alle Kommunen in Baden-Württemberg entwässern in nahe gelegene Flüsse, die sogenannten Vorfluter. Dabei nehmen die Fließgewässer alle nur erdenklichen anthropogenen Einflüsse auf. Zwar sind die Kläranlagen immer wieder aufgerüstet worden und befinden sich derzeit im Land auf einem technisch hohen Niveau, sie wurden jedoch zu keiner Zeit für die Einhaltung der mikrobiologischen Anforderungen an Badegewässer oder Ähnliches konzipiert. Sie dienen in erster Linie der Nährstoffreduzierung der kommunalen Abwässer.“ Gleichzeitig weist das Gesundheitsamt darauf hin, dass die Flüsse neben den Schmutzfrachten aus Abwässern auch die Stoßbelastungen bei starken Regengüssen aus Regenüberlaufbecken, Mischkanalisationen und Straßenabläufen mit sich tragen, ebenso Abschwemmungen aus ufernahen landwirtschaftlich genutzten Flächen: „Dies führt im Allgemeinen dazu, dass die Belastungen der Flüsse sehr starken Schwankungen unterliegen und die Flüsse dadurch zum Teil sehr hohe Konzentrationen an mikrobiologischen Verunreinigungen durch Krankheitserreger aufweisen.“

Aufgrund dieser Aussagen kommt Janocha zu dem Fazit: „Die Stadt sollte der Empfehlung des Landesgesundheitsamts folgend von der Anlegung einer Badestelle an der Murr absehen. Dies sowohl aus gesundheitlichen Gründen als auch aus naturschutzrechtlichen Gründen.“ Was allerdings nichts daran ändert, dass laut Landratsamt grundsätzlich der Gemeingebrauch gilt: Jeder darf im Fluss baden – allerdings auf eigene Gefahr.

Karl Scheib hingegen kommentiert derweil spitz: „Man sieht Probleme und will’s nicht haben – und so kriegt man auch die Finger nicht rein.“ Im Hintergrund gehe es wohl auch um Bedenken, dass die Leute – wenn sie eine Badewiese gratis haben können – nicht mehr ins Freibad gehen. Gleichzeitig verweist er auf den Nabu, der verkündet: Sommervergnügen auf eigene Gefahr – Flussbaden wird immer beliebter. Folgende Regeln seien beim Sprung in den Fluss zu beachten: Erstens: Auf eigene Gefahr. Zweitens: Nicht nach starkem Regen. Drittens: Nicht dort, wo starke Strömung herrscht. Viertens: Erkundigen, ob sich flussaufwärts ein Klärwerk befindet. Fünftens: Im Internet oder beim örtlichen Gesundheits- oder Umweltamt informieren, ob es Messwerte gibt.

Weil aber Wasser grundsätzlich ein gefährliches Element darstellt, macht sich Scheib auch dafür stark, Kinder wassertauglich zu machen. Das sei gerade jetzt, nachdem in den letzten Monaten auch der Schwimmunterricht coronabedingt ausgefallen ist, besonders wichtig. Sein Appell richtet sich an Vereine wie die TSG oder die DLRG: Sie fänden derzeit im Hallenbad ideale Bedingungen vor und sollten dies nutzen, um vermehrt Schwimmkurse anzubieten.

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Erstellt:
23. Juli 2020, 06:00 Uhr

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