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„Neue Besen kehren gut“

Bürgermeisterwahl Burgstetten: Sonja Winter geht von Tür zu Tür – Die Kandidatin will sich vorstellen und bekannt machen

„Aufs richtige Pferd setzen“ überschreibt Bürgermeisterkandidatin Sonja Winter ihren Flyer. Die 55-Jährige leitet nämlich die Pony- und Reit-AGs für die Grundschule Burgstetten. Daher ist sie bei Eltern kleiner Kinder bekannt. Sonst kennt man die gelernte Kauffrau und Hausfrau nicht. Das ist ihr Problem. So zieht die Mutter von drei erwachsenen Kindern durch die Gemeinde, klingelt anHaustüren und stellt sich vor.

Wahlkampf an der Haustür: Sonja Winter (rechts) findet bei Petra Ergesi im Wohngebiet Steigle ein offenes Ohr und stellt sich ihr vor. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Wahlkampf an der Haustür: Sonja Winter (rechts) findet bei Petra Ergesi im Wohngebiet Steigle ein offenes Ohr und stellt sich ihr vor. Foto: A. Becher

Von Florian Muhl

BURGSTETTEN. Auf in den Kampf. In den Wahlkampf. Liselotte Fritz ist die Erste an diesem Tag, bei der Sonja Winter klingelt. Die Hausbewohnerin öffnet. „Guten Tag, ich hab mich aufstellen lassen zur Bürgermeisterwahl. Mein Problem ist: Ich muss den Leuten klar machen, dass ich das auch kann“, bekennt die Kandidatin. Die Besuchte ist 95 Jahre alt und fit wie ein Turnschuh. Geistig wie körperlich. Und auch nicht auf den Mund gefallen: „Das Fachliche, das fehlt Ihnen. Von Buchhaltung, von diesem und jenem... I weiß net.“ „Frau Fritz, ich hab nicht nur eine kaufmännische Ausbildung, ich hab auch noch andere Ausbildungen“, kontert Winter.

„Ein Budget verwalten, und das vor allem gut einsetzen, gut einkaufen und gut verkaufen, kann man oder kann man nicht. Und ich hab’s jahrelang gemacht.“ Dann überreicht sie der Seniorin ihren Flyer mit den Worten: „Hier mein schulischer und beruflicher Werdegang, damit Sie auch sehen, dass ich es auch drauf hab und dass ich auch von Buchhaltung Ahnung hab, auch von doppelter Buchführung, ich hab nämlich auch Wirtschaftsabitur.“ Ob Winter die 95-Jährige letztlich hat überzeugen können, bleibt offen. Fest steht aber: „Natürlich geh ich zur Wahl“, versichert Liselotte Fritz zum Schluss.

„Ein Frauen-Rathaus find ich grausam. Ich arbeite lieber mit Männern zusammen“

Auf dem Weg ins Wohngebiet Steigle in Burgstall erläutert Sonja Winter, wie sie auf die Idee gekommen ist, sich überhaupt zu bewerben. „Ich wurde mehrfach angesprochen: Sie können das doch.“ Mit ihr könne man jederzeit auf Augenhöhe sprechen. Und sie setze sich auch für die Beseitigung von Defiziten in der Gemeinde ein, die sie erkannt haben will.

Sie selbst sei sich für keine Tätigkeiten zu schade. So trage sie auch das Gemeindeblatt aus. Auf die Frage, ob sie sich die Arbeit in einem Frauen-Rathaus vorstellen könne, denn im Rathaus der Gemeinde arbeiten seit Jahren nur Frauen, sagt Winter ohne Zögern: „Nein, ich find’s grausam. Ich arbeite lieber mit Männern zusammen.“ Nächste Haustür. Petra Ergesi öffnet und hat ein offenes Ohr für die Kandidatin. Die beiden kennen sich, denn eines der fünf Kinder der alleinerziehenden Mutter geht zur Reitstunde von Sonja Winter. Aber dass diese sich jetzt für die Schulteswahl hat aufstellen lassen, findet Petra Ergesi „cool“. Winter erklärt zunächst, warum sie durch die Gemeinde tourt: „Ich muss bekannt werden, denn die Leute kennen mich ja nur von den Pony- und Reit-AGs, halt die Frau Winter mit den Pferden. Deswegen lauf ich jetzt von Tür zu Tür.“

Dann bekennt sie lachend: „Ich krieg schon einen richtigen Krampf, auch vom Reden. Ich hab mir das nie so anstrengend vorgestellt.“ Dann berichtet Winter: „Es kamen schon Wünsche, vor allem von Familien. Beispielsweise werden die Zustände auf den Spielplätzen beklagt oder der Schulweg da unten an der Ecke vom Blumenladen mit der Parkerei.“

Weitere Punkte, die in den Augen der Kandidatin im Argen liegen, kommen zur Sprache: „Der Sportplatz in Burgstall hinten, das Geländer war ja schon damals lebensgefährlich. Und scheinbar ist es irrelevant, dass die Hunde auf dem Sportplatz rumscheißen.“ Da könnten verschiedene Berufe gar nicht schaden, denn nicht jeder wisse offensichtlich, dass man die Würmer aus den Hundehaufen nicht nur bekomme, wenn man hineinlange oder -falle, „sondern die werden durch die Luft vernebelt und eingeatmet“, sagt Winter. Ihre Reitkinder würden bereits die Tretminen mit Stöckchen markieren. Weiter geht’s.

Ein Mann hängt im Garten Wäsche auf. Den spricht Winter an. Er will nicht in der Zeitung genannt werden. Auch ihm sagt Winter, dass sie Quereinsteigerin ist und nicht aus der Verwaltung kommt, dass sie Sportlerin sei und den Leuten jetzt klarmachen müsse, „dass ich nicht blöd bin. Ich muss den Leuten jetzt vermitteln, dass ich das kann“, sagt sie. Der Mann hört einige Minuten geduldig zu, pflichtet bei: „Es gibt sicher einige Punkte, die verbesserungswürdig sind“, und versichert auf die Frage, ob er wählen geht: „Ich gehe zu jeder Wahl.“

Auf dem Weg zur nächsten Haustür sagt Sonja Winter: „Ich habe gar nichts gegen Frau Wiedersatz. Im Gegenteil. Ich habe sie früher auch gewählt.“ Und nach einer kurzen Pause meint sie: „Manchmal bringt halt ein neuer Besen wieder einen frischen Wind rein. Neue Besen kehren gut.“ Sie sei der Meinung: Alles gehört mal abgelöst nach einer gewissen Zeit. Das gelte auch für die Politik. „Acht Jahre sind eine gute Zeit. Und acht Jahre reichen auch.“ Und mit welchem Ergebnis rechnet sie selbst? „Ein Wunschtraum wäre: im zweistelligen Bereich. Ab 11 Prozent wäre ich schon glücklich. Durch den Sport bin ich schon ein bisschen ehrgeizig.“

Und die 55-Jährige ergänzt: „Ich rechne mir wirklich wenig Chancen aus. Aber wenn in gewissen Bereichen endlich was passiert, dann war’s wenigstens nicht umsonst.“ Dann öffnet sich die nächste Haustür: „Guten Tag, ich hab mich aufstellen lassen zur Bürgermeisterwahl.“

Zur Person
Sonja Winter

7. Oktober 1963: im ehemaligen Backnanger Krankenhaus geboren

1970 bis 1975: berufsbedingt (Vater) musste die Familie für fünf Jahre nach Buenos Aires/Argentinien ausreisen

1975 bis 1980: ein Jahr Max-Born-Gymnasium, dann Max-Eyth-Realschule mit Realschulabschluss

1980 bis1982: kaufmännische Ausbildung beim Modehaus Breuninger in Stuttgart

1982 bis 1985: Wirtschaftsgymnasium Backnang mit Abschluss

1985 bis 1987: Lehramtsstudium (vier Semester) an der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg; parallel dazu Tierheilpraktiker-Wochenendstudium an der Paracelsus-Schule Stuttgart mit Abschluss

1987 bis1996: Anstellung bei der Vitramon GmbH in Waldrems (Einkauf), Ytron Dr. Karg GmbH in Affalterbach (alle Büroarbeiten), Kaelble-Gmeinder in Backnang (Export, Sekretärin des Vertriebsdirektors)

seit 1996: Hausfrau

Sonja Winter ist seit 1991 mit Joachim Winter verheiratet. Das Paar zog 1996 nach Burgstall und hat drei Kinder, Adina (23), Arik (21) und Aura (18).

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Erstellt:
11. September 2019, 11:30 Uhr

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