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Neuer Wind in Istanbul

Nach der Kommunalwahl erwartet die türkische Metropole „ein neues Zeitalter“

Das Endergebnis der Kommunalwahl steht zwar noch nicht fest, doch nach 25 Jahren scheint ein Ende der AKP-Herrschaft im Istanbuler Rathaus in Sicht. Eine Niederlage für Präsident Erdogan.

Istanbul Neuer Wind auf dem Taksim. Nach der Kommunalwahl erwartet Istanbul „ein neues Zeitalter“. Auf dem Taksim-Platz im Herzen von Istanbul gehen am Tag nach der Kommunalwahl die Bauarbeiten an der Prachtmoschee weiter, mit der die AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ihren Machtanspruch über die Metropole demonstrieren will. Doch trotz Panzerwagen, Wasserwerfern und Polizeigittern weht spürbar ein neuer Wind über den Platz – ein Hauch von Erleichterung, mit dem Passanten den greifbaren Wahlsieg der Opposition in ihrer Stadt begrüßen. „Das wurde ja höchste Zeit“, sagt ein Simit-Verkäufer, während er seine Sesam-Kringel austeilt. „Wir brauchen dringend Veränderung“, pflichtet ihm ein Student bei, der mit seinen 20 Jahren noch keine andere Partei im Rathaus seiner Stadt gesehen hat. „Jetzt beginnt ein neues Zeitalter.“

Am Wahlsieg des Oppositionskandidaten Ekrem Imamoglu wollen viele Menschen auf dem Taksim nicht zweifeln, obwohl sein Vorsprung vor dem AKP-Kandidaten Binali Yildirim hauchdünn ist und das Endergebnis noch nicht feststeht. „Dann sollen sie eben noch einmal wählen lassen, dann gewinnt wieder Imamoglu“, sagt eine Mittfünfzigerin, die mit Einkaufstüten beladen von dem Verkaufsstand kommt, an dem die Regierung subventioniertes Gemüse anbieten lässt. „Wir haben es einfach satt, von Erdogan aufeinander gehetzt zu werden“, fügt ihre Begleiterin hinzu. „Freundschaften, Familien, alles macht er kaputt durch seine Polarisierung.“ Seinetwegen habe sie sich sogar mit ihrer Schwester überworfen.

Ein Lichtblick nach langer Dunkelheit sei das Wahlergebnis für ihn, sagt ein Beamter des städtischen Ordnungsamtes, der den Gemüsestand beaufsichtigt. Seit Jahren müsse er täglich mit seiner Entlassung rechnen, weil er gewerkschaftlich organisiert ist – die meisten Kollegen aus der Gewerkschaft seien von der Kommune längst gefeuert worden und teilweise ins Ausland geflohen. Im Rathaus sei die Stimmung heute „wie in einem Beerdigungsinstitut“, berichtet der Beamte. Für die AKP sei die Wahlniederlage ein schwerer Schlag, denn nach 25 Jahren im Rathaus von Istanbul habe sich die Partei daran gewöhnt, auf Gelder, Personal und Pfründe der Millionenmetropole zugreifen zu können. Deshalb komme es nun darauf an, die Nachzählung der Stimmen mit Argusaugen zu überwachen, um Manipulationen und Schiebung zu verhindern.

Für die islamisch-konservative AKP und ihren Chef Erdogan kam die Niederlage in Istanbul unerwartet. Als die Teilergebnisse am Wahlabend den Sieg der Opposition in der Stadt anzudeuten begannen, stoppte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu plötzlich ihre Berichterstattung – und gab Yildirim die Gelegenheit, sich aufgrund des von Anadolu zuletzt noch gemeldeten Vorsprungs von wenigen Tausend Stimmen zum Gewinner auszurufen. Amateurhaft und verzweifelt wirkte der Versuch der Regierungsseite, sich gegen die Realität zu stemmen. Am Montagmorgen stellte Sadi Güven, der Leiter der Wahlbehörde YSK, unmissverständlich und offiziell klar, dass Oppositionskandidat Imamoglu mit fast 30 000 Stimmen in Führung liege.

Dabei war der Trend gegen die AKP in den türkischen Großstädten schon bei Wahlen in den vergangenen Jahren sichtbar. Drei von vier Türken leben heute in Städten, doch die Erdogan-Partei hat keine passenden Antworten auf die drängenden Fragen und Sorgen vieler Menschen dort. In Istanbul ärgern sich auch AKP-Anhänger darüber, dass das letzte Stückchen Grün noch zubetoniert wird. Zusammen mit der Wirtschaftskrise – die Arbeitslosigkeit ist auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren, während die Inflation und der Kursverfall der Lira die Ersparnisse vieler Menschen auffressen – führte diese Entwicklung zur Niederlage der AKP. Wahlverlierer Yildirim will sich am Tag danach trotzdem noch nicht ganz mit der Situation abfinden. Er spricht von mehr als 300 000 Stimmzetteln, die in Istanbul für ungültig erklärt worden seien. Er sei bereit, Imamoglu zu einem Sieg zu gratulieren, aber noch sei es nicht so weit.

Dass sich Yildirim an Strohhalme klammert, hat einen guten Grund. Mit der Macht in Istanbul, Ankara und anderswo hat die AKP in den wichtigsten Bevölkerungszentren die Möglichkeit verloren, ihren Anhängern gute Posten zuzuschustern und regierungsnahe Konzerne und Institutionen mit öffentlichen Geldern zu versorgen. Istanbul ist das Herz der türkischen Wirtschaft, hier gibt es für Politiker am meisten zu verteilen. Deshalb muss Imamoglu mit Widerständen rechnen. Türkische Kommunen hängen am finanziellen Gängelband von Erdogans Regierung in Ankara – „dann sollen sie mal regieren, wir werden ja sehen“, hatte der Staatschef schon am Wahlabend gesagt: Die Bemerkung kann als Drohung verstanden werden. Auch bleiben viele Istanbuler Stadtteilverwaltungen in der Hand der AKP; möglicherweise werden die Kommunalpolitiker dort dem neuen Oberbürgermeister das Leben schwer machen.

Zudem weckt Imamoglus Sieg Hoffnungen bei seinen Wählern. Viele hoffen auf ein grüneres Istanbul. Imamoglu hat versprochen, einen großen Park in der Stadt anlegen zu lassen – ausdrücklich auch im Andenken an die Opfer der Gezi-Proteste von 2013. Imamoglu wird sich auch bemühen müssen, das Klima der Angst zu beseitigen. Regelmäßige Polizeieinsätze gegen friedliche Kundgebungen gehören ebenso zum Alltag wie eine starke Präsenz der Sicherheitskräfte.

Auch am Tag nach der Wahl ist das so. Am Gezi-Park gegenüber der halb fertigen Moschee stehen Wasserwerfer und Mannschaftswagen bereit, schwer bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillieren. Die wenigsten Passanten wollen ihren Namen nennen, doch der Student Erhan Yilmaz hat keine Bedenken. Die AKP habe auch Gutes getan, sagt er, das solle man nicht in Abrede stellen: den öffentlichen Nahverkehr in Istanbul, die guten Straßen. „Aber dass sie Politik und Religion vermischt haben, das ist einfach nicht gut“, meint er. „Das wird unser neuer Oberbürgermeister Imamoglu jetzt ändern.“

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Erstellt:
3. April 2019, 14:20 Uhr

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