Nicht alle Wespen sind aggressiv

Noch schwirren sie – doch bald ist die Zeit der Wespen in unseren Breitengraden vorbei. Ab Mitte Oktober ziehen sich die Königinnen ins Winterquartier zurück. In diesem Jahr gibt es relativ viele Wespen, zumindest viele Anrufe bei den Wespenberatern.

Im Normalfall bauen die Wespen jedes Jahr ein neues Nest. Allerdings kann es vorkommen, dass in der Nähe des alten Nestes ein neues entsteht, vor allem, wenn es sich um eine geschützte Stelle handelt. Foto: Stock-Adobe/Sonoya

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Im Normalfall bauen die Wespen jedes Jahr ein neues Nest. Allerdings kann es vorkommen, dass in der Nähe des alten Nestes ein neues entsteht, vor allem, wenn es sich um eine geschützte Stelle handelt. Foto: Stock-Adobe/Sonoya

Von Simone Schneider-Seebeck

BACKNANG. Es war bisher ein gutes Jahr für die Wespen, schätzt Wespenexperte Volker Mauss vom Zentrum für Wespenkunde in Michelfeld. Schätzen deshalb, weil es schlichtweg nicht möglich ist, das genau zu erfassen. Jedoch gebe es einige Marker, die darauf hindeuten, dass die Wespen in diesem Jahr zahlreicher aufgetreten sind. Dazu zählen etwa Anrufe bei Wespenberatern mit der Frage, was im Falle eines Wespennests am Haus getan werden kann. Und die waren in den vergangenen Monaten ziemlich häufig, erklärt der Biologe.

Nicht alle Arten dieser gelb-schwarz gestreiften Hautflügler sind aggressiv. So kann die Hausfeldwespe etwa guten Gewissens als vollkommen harmlos bezeichnet werden. Mit ihren langen Beinen und orangefarbenen Fühlern ist sie sehr auffällig. Aufgrund der Klimaerwärmung ist ihre Population in den letzten Jahren angewachsen. Ihre Nester sind leicht zu übersehen, da sie nicht wie ihre Verwandten große auffällige Gebilde, sondern nur eine Wabe an einem geschützten und oft versteckten Ort bauen. Das kann dann zum Beispiel in einem hohlen Geländer sein. Rüttelt man daran, könnte es tatsächlich passieren, dass man gestochen wird, doch im Normalfall ist der fliegende Mitbewohner ziemlich relaxt.

Mehr als 95 Prozent der Königinnen überstehen den Winter nicht.

Anders sieht es da bei der Gemeinen und der Deutschen Wespe aus. Diese sind bei Nest- und Futterplatz äußerst verteidigungsbereit. Und so kommt es gern zum unliebsamen Besuch auf Terrasse oder Balkon, zum Teil mit schmerzhaften Folgen. Ab Frühsommer ist das der Fall, wenn die ersten Arbeiterinnen in den Nestern zu schlüpfen beginnen. Jedes Nest ist zuvor von einer einzigen Königin, ihrer Mutter, im Frühjahr gegründet worden. Von da an sind die Tierchen damit beschäftigt, ihre Larven zu ernähren. Und da diese proteinhaltige Nahrung benötigen, machen die Arbeiterinnen vorrangig Jagd auf Insekten, fressen aber auch Aas und stürzen sich deshalb auch mit Begeisterung auf rohes Grillfleisch beim Barbecue. Außerdem brauchen sie Kohlenhydrate als Energieträger, zum Beispiel zum Fliegen oder um ihr Nest mit den Brustmuskeln zu heizen. Deshalb sammeln sie sehr gerne zuckerhaltige Säfte, wie Nektar, Honigtau, aber auch Limonade.

Bis Mitte August wächst die Kolonie auf diese Weise stark an, dann ist es Zeit, Geschlechtstiere zu erzeugen, also Männchen und junge Königinnen. Schon bald schlüpfen keine Arbeiterinnen mehr, deren Lebensdauer außerdem nur sehr kurz ist. Zurzeit schlüpfen die ersten jungen Königinnen, die sich ihren „Winterspeck“ anfressen müssen und das vorzugsweise mit allem, das Zucker enthält.

Vielleicht fällt dem ein oder anderen Beobachter auf, dass an Hecken oder Bäumen vermehrt Wespen anzutreffen sind. Das sind die Männchen, die nur zu dem Zweck da sind, die jungen Königinnen zu begatten, damit im nächsten Jahr ein neues Volk entstehen kann. Doch auch ihr Leben ist nur von kurzer Dauer, während die Königinnen sich schließlich an einen geschützten Ort zurückziehen, um zu überwintern. Untersuchungen aus England haben gezeigt, dass mehr als 95 Prozent der Wespenköniginnen den Winter nicht überstehen.

Die alten Nester werden gewöhnlich nicht mehr weiterbenutzt.

Für gewöhnlich werden die alten Nester nicht mehr weitergenutzt, wenn das Volk es verlassen hat. Daher kann Volker Mauss beruhigen: „Die Kurzkopfwespen, zu denen die Deutsche und die Gemeine Wespe gehören, bauen ihre Nester immer neu. Es kann jedoch manchmal vorkommen, dass in der Nähe des alten Nests ein neues entsteht, beispielsweise an einer geschützten Stelle wie im Rollladenkasten.“ Während diese Wespenarten ursprünglich im Boden genistet haben, finden sich ihre Bauten mittlerweile auch gern in Dachverschalungen und sonstigen Bereichen an Häusern, die für den Menschen schlecht zu erreichen sind. Anders sieht es bei den Langkopfwespen aus. Ihre kleinen birnenförmigen Nester schmiegen sich etwa in Hecken häufig aber auch in Schuppen und Dachböden. Diese Arten, zu denen die Sächsische und Mittlere Wespe gehört, sind eher unaufgeregter Natur und stechen kaum. Selbst die reich gedeckte Kaffeetafel lässt sie kalt.

In manchen Fällen mag die Furcht vor den geflügelten Insekten berechtigt sein. Nämlich, wenn es sich um Wespengift-Allergiker handelt. Normalerweise ist die erste allergische Reaktion auf Wespengift nicht so heftig, dass es gleich zu einem allergischen Schock kommt. Um sich davor zu schützen, ist eine Immunisierungstherapie sehr wirkungsvoll. Zudem sollte man sich von einem Facharzt ein Notfallset verschreiben lassen und dies stets bei sich tragen. Wespenexperte Mauss: „Das Gift an sich ist nicht tödlich, das gilt auch für Hornissen. Die Honigbiene ist von der Giftwirkung her viel gefährlicher. Allerdings ist der Stich selbst, besonders bei der Hornisse, sehr schmerzhaft.“

Und was kann man tun, um Wespen fernzuhalten? Eine Patentlösung dafür gibt es nicht. „Es gibt keine wirklich wissenschaftlich überprüften Systeme dazu, bis auf eines. Das ist ein teerhaltiges Badeöl, das sehr kräftig riecht. Und das ist sehr ungeeignet, um es am Tisch einzusetzen.“ Mancherlei Hausrezepte kursieren, doch ist bei diesen die Wirksamkeit schlecht belegt.

Denkbar wäre eine mechanische Vorrichtung, etwa in Form eines Insektennetzes, doch das wiederum ist sicher auch nicht die attraktivste Lösung für ungetrübten Outdoor-Kuchengenuss. Dazu kommt, dass Wespen gern dahin kommen, wo sich bereits andere aufhalten. Gute Futterplätze finden sie über Optik und Geruchssinn. Daher rät Volker Mauss dazu, Nahrungsmittel nicht zu lange draußen stehen zu lassen und Säfte oder Vergorenes abzudecken, damit die Tiere nicht durch den Geruch angelockt werden.

Erste Hilfe bei Insektenstichen

Einstichstelle kühlen, etwa mit Eiswürfeln, Kühlpacks, feuchtem Waschlappen. Betäubt die Haut und reduziert Schwellungen. Achtung – nicht zu lange auf der Haut lassen, damit es nicht zu Erfrierungen kommt.

Zwiebel halbieren, gitterförmig einschneiden und so viel Zwiebelsaft wie möglich auf die Wunde drücken oder mit der Zwiebel die Einstichstelle einreiben. Wirkt desinfizierend, entzündungshemmend und kühlend.

Eine Scheibe Zitrone auf die Einstichstelle legen, wirkt desinfizierend und kühlend.

Aloe-Vera-Gel auf die Einstichstelle streichen, beruhigt und wirkt entzündungshemmend.

Einstichstelle mit Apfelessig betupfen oder Wattebausch mit Apfelessig durch ein Pflaster auf der Einstichstelle fixieren, wirkt kühlend und lindert Juckreiz.

Wichtig: Die Einstichstelle sauber halten und nicht aufkratzen, da sonst Bakterien in die Wunde gelangen können und so eine Infektion entstehen kann.

Hält die Schwellung über mehrere Tage an oder wird über zehn Zentimeter groß – gehen Sie zum Arzt.

Bei Stichen im Mund- und Rachenraum muss sofort der Notarzt gerufen werden, da durch die Schwellungen Atemnot oder Tod durch Ersticken drohen können.

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Erstellt:
21. September 2020, 11:30 Uhr

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