Nicht mehr unter den Besten

Die Winterspiele zeigen, dass der deutsche Sport viele Chancen nicht nutzt. Hilft eine Olympia-Bewerbung?

Von Eidos Import

Es ist schon erstaunlich, welch ein Zerrbild durch den Blick auf den Medaillenspiegel entstehen kann. Die kritische Öffentlichkeit wertet das Abschneiden der deutschen Mannschaft  bei den Olympischen Winterspielen 2026 wahlweise als Enttäuschung, Anhäufung von Pleiten, Pech und Pannen oder gleich als Debakel. Die Funktionäre des Team D sehen es völlig anders. Sie sprechen mit „Stolz und Respekt“ über die Leistung ihrer Athletinnen und Athleten. Und davon, dass 14 vierte Plätze zwar schmerzen, zugleich aber ein Beleg für „Weltklasse“ wären.

Die Wahrheit? Liegt irgendwo dazwischen.

Das selbst gesetzte Ziel, zu den besten drei Nationen zu gehören, hat Deutschland jedenfalls klar verpasst. Diesmal waren sogar die Niederländer besser, die Franzosen lagen im Duell um Platz fünf nahezu gleichauf. Es wurden 26 Medaillen gewonnen (nur eine weniger als 2022 in Peking), was durchaus respektabel ist. Allerdings gab es allein 19 (!) Podestplätze im Eiskanal – und andernorts viel zu viele Ausrutscher, vorneweg im Biathlon und in der Kombination, einst zwei Garanten für Medaillen. Insgesamt setzte sich der Abwärtstrend fort, seit Pyeongchang 2018 hat sich die Zahl der Goldmedaillen fast halbiert. Und, das ist die schlechte Nachricht, es könnte noch schlimmer kommen.

Allgemein fehlt es dem deutschen Sport, vom Fußball abgesehen, am Nachwuchs. Dazu kommen schwierige Rahmenbedingungen. Fast jede Kommune hat Hallen, in die es hineinregnet, Duschen in Umkleidekabinen, aus denen nur kaltes Wasser kommt, kaputte Spielfelder. 31 Milliarden Euro wären nötig, um alle Sportstätten zu sanieren. Eine absurd hohe Summe. Zudem mangelt es den Vereinen an der Basis nicht nur an qualifizierten Trainern, sondern auch an Ehrenamtlichen. Es sind Probleme, die den Spitzensport, dem Talente zugeliefert werden müssen, mehr und mehr tangieren – dabei hat er genügend eigene Sorgen.

Nachdem es 2024 in Paris nur noch zu Platz zehn in der Nationenwertung  gereicht hatte, beschlossen Bund und organisierter Sport, dass es nun wirklich zu einer Reform des Systems kommen müsse, damit sich das viele Geld, das der Staat investiert, auch auszahlt – in Medaillen. Wenn es gut läuft, wird 2026 das erste Sportfördergesetz verabschiedet, dessen zentraler Baustein die Einrichtung einer Spitzensportagentur ist, die künftig für eine schnelle und unbürokratische Verteilung der Fördergelder verantwortlich sein soll. Voll arbeitsfähig könnte sie 2031 sein. Über dieses Tempo lacht die Konkurrenz. Auch deshalb klingt eine andere Idee viel verlockender.

Deutschland will sich um die Ausrichtung Olympischer Sommerspiele bewerben – und somit den Ruck erzeugen, den nicht nur der Spitzensport so dringend benötigt. Positive Beispiele (Frankreich, Italien) gibt es, allerdings auch hier die typisch deutsche Vorgehensweise. Bisher hat man sich noch nicht mal auf eine Stadt oder Region, die sich bewirbt, einigen können. Selbst auf eine Jahreszahl will man sich nicht festlegen – sogar 2036, ein Jahrhundert nach den Nazi-Spielen von Berlin, wird nicht ausgeschlossen. Und an charismatischen Führungspersönlichkeiten fehlt es zudem noch. Der Vorschlag, jemanden wie den ausgewiesenen Olympia-Fan und Ex-Fahnenträger Dirk Nowitzki zum Gesicht der Bewerbung zu machen, stieß bisher auf keinerlei Resonanz.

Es käme folglich überraschend, würde der deutsche Sport die Chance, die eine Olympia-Bewerbung bietet, konsequent nutzen. Und, auch das gehört zur Wahrheit, bis erste Auswirkungen spürbar wären, würde es Jahre dauern. Der Blick auf den Medaillenspiegel könnte also weiter zu unterschiedlichen Bewertungen führen. Je nach Perspektive.

Zum Artikel

Erstellt:
22. Februar 2026, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
22. Februar 2026, 23:59 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen