Polizei kontrolliert die Fahrtüchtigkeit

Im Rahmen der bundesweiten Aktion „sicher.mobil.leben“ für mehr Verkehrssicherheit sind gestern auch Polizeibeamtinnen und -beamte im Kreis im Einsatz. Auf dem Autobahnzubringer in Aspach nehmen sie Lkw und Transporter sowie deren Fahrerinnen und Fahrer unter die Lupe.

Einsatzleiter Sebastian Wolf kontrolliert Reifen, Felgen sowie auch Achsen und Rahmenteile auf Beschädigungen. Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

Einsatzleiter Sebastian Wolf kontrolliert Reifen, Felgen sowie auch Achsen und Rahmenteile auf Beschädigungen. Fotos: Alexander Becher

Von Florian Muhl

Aspach. „Halt – Polizei“ steht auf dem Schild, das Sebastian Wolf mit dem rechten Arm hoch in die Luft hält. Der Polizeihauptkommissar mit der leuchtend gelben Hose steht auf einer Fahrspur der Landesstraße1115, während er einem aus Richtung Backnang kommenden Lkw-Fahrer deutlich signalisiert, auf den Parkplatz Karlshof einzufahren. Eine allgemeine Verkehrskontrolle ist angesagt. Neun Polizeibeamtinnen und -beamte haben sich dafür gegen 16 Uhr auf dem Parkplatz eingerichtet. Bis gegen 22 Uhr wollen sie insbesondere Lastwagen und Transporter sowie deren Fahrerinnen und Fahrer überprüfen.

Während eine seiner Kolleginnen den Fahrer des soeben herausgewunkenen Lkw nach den Papieren fragt und sich den Fahrzeug- und den Führerschein sowie die Frachtpapiere, die Beförderungslizenz und auch die Fahrerkarte zeigen lässt, greift Sebastian Wolf zu seiner Taschenlampe und kontrolliert Rahmen und Achsen sowie Reifen und sonstige Teile des Zugfahrzeugs und dessen Anhängers. Er macht das mit einem routinierten Blick, denn der 42-Jährige, der auch Einsatzleiter der Aktion in Aspach ist, macht den Job schon seit vielen Jahren und kennt seine Pappenheimer. „Was immer wieder mal vorkommt sind Risse am Rahmen oder Heckaufbau“, sagt der Hauptkommissar, der bei der Verkehrsdienst-Außenstelle Backnang arbeitet.

Sein Bauchgefühl entscheidet darüber, welchen Lkw der Beamte kontrolliert

„Das ist Bauchgefühl“, sagt Wolf auf die Frage, welchen Lkw er herauswinkt und welchen nicht. Mittlerweile habe er ein Auge dafür und viel Erfahrung. Er schaut beispielsweise auf den Zustand eines Lkw. „Ist das ein gepflegtes Fahrzeug oder kommt hier ein Seelenverkäufer ums Eck“, sagt er schmunzelnd. Das kann eine gebrochene Sonnenblende sein oder ein geklebter Außenspiegel, warum er sich so oder so entscheidet. An diesem Tag hat er ein gutes Bauchgefühl. Schon seit einer knappen Stunde stehen ein Transporter und ein Tieflader am Rand des Parkplatzes, deren Fahrer davor, warten, und machen einen leicht genervten Eindruck.

Da stimmt doch was nicht, oder? Wolf fragt bei seinen Kollegen nach. Tatsächlich. Zwar ist beim Tieflader, der einen Baustellenbagger abholen will, alles in Ordnung. Auch bei dessen Fahrer. Aber die Beamten finden heraus, dass andere, bislang unbekannte Fahrer das Fahrzeug, das mit AA-Kennzeichen unterwegs und im Ostalbkreis zugelassen ist, bewegt haben. Herausgefunden haben sie das mit der sogenannten Fahrerkarte. Das ist ein Tachograf, ein Tachometer mit angeschlossenem Messschreiber, der Lenk- und Ruhezeiten, Lenkzeitunterbrechungen, zusätzlich gefahrene Kilometer und die gefahrene Geschwindigkeit aufzeichnet. Den Polizeibeamten gibt er Auskunft über die vergangenen 28 Tage plus dem aktuellen Tag. Das heißt auch, dass sie Verstöße entdecken, die bereits bis zu vier Wochen zurückliegen. In diesem Fall haben die Polizisten entdeckt, dass der Lkw an einem Tag 447 Kilometer in 8,5 Stunden bewegt wurde, ohne dass der Fahrer zu ermitteln ist. Der hatte bei der Fahrt auch schon mal Tempo 100 überschritten. Direkt vor Ort nehmen die Beamten Kontakt mit dem betreffenden Unternehmen auf. Der Fahrer konnte mit dem Tieflader dann auch weiterfahren.

Eine Anzeige wartet auf den Fahrer eines Paketdienstleisters. Zwar müssen Fahrzeuge unter 3,5 Tonnen keinen Fahrtenschreiber an Bord haben, aber in Deutschland müssen die Fahrer Tageskontrollblätter handschriftlich ausfüllen, auf denen sie Fahrten und Ruhezeiten und so weiter auflisten. Und die haben offensichtlich in diesem Fall gefehlt.

Andreas Brieden kennt den Zeitdruck, unter dem alle Lkw- und Transporterfahrer stehen, besonders die von Paketdienstleistern. „Das Gewerbe hat sich total geändert“, sagt der 60-jährige Polizeihauptkommissar, der ebenfalls bei der Verkehrsdienst-Außenstelle Backnang beschäftigt ist. Seit 42 Jahren ist er bei der Polizei, seit 37 Jahren bei der Verkehrspolizei. „Als ich eingestiegen bin, waren die Fahrer Typen wie die aus der Marlboro-Fernsehwerbung, die die Freiheit lieben. Heute zählt nur noch just in time, Zeitdruck, wehe, Du kommst zu spät.“

Freundlich, aber bestimmt, treten sie gegenüber den Fahrern auf. „Bei uns geht’s auch lustig zu. Wir lassen die Kirche im Dorf und behandeln die Fahrer so, wie auch wir behandelt werden wollen“, sagt Brieden, der Ende November in seinen wohl verdienten Ruhestand gehen wird.

Natürlich gibt es Spitzbuben. Es gibt auch Unternehmen, die die Tachografen manipulieren. Mittels Fernbedienung wird dann ein Bypass geschaltet. Am Ende zeichnet das Gerät Ruhezeiten auf, obwohl in Wirklichkeit das Fahrzeug gefahren wurde. Aber auch denen kommt die Polizei auf die Schliche. Zum Glück, das sagen Wolf und Brieden übereinstimmend, ist bei den meisten Fahrern alles in Ordnung.

Bei Transportern sind für die Polizei die Tageskontrollblätter der Fahrer von Interesse.

© Alexander Becher

Bei Transportern sind für die Polizei die Tageskontrollblätter der Fahrer von Interesse.

31 getötete Menschen bei Alkohol- und Drogenunfällen

Taktik Die Kontrollaktion für mehr Verkehrssicherheit, die gestern bundesweit stattfand, war der Start der landesweiten Präventionskampagne „Klare Sache, klarer Kopf – immer die beste Taktik“. Mit dabei sind die Bundesligavereine VfB Stuttgart und SC Freiburg sowie die Herren und- Frauenmannschaft der TSG 1899 Hoffenheim.

Einsatz Gestern am Kontrolltag waren allein in Baden-Württemberg mehr als 1700 Polizeibeamtinnen und -beamten an rund 330 Kontrollstellen im Einsatz.

Fahrtüchtigkeit Dass die Schwerpunktsetzung aktueller denn je ist, verdeutlicht ein Blick in die Statistik: Bundesweit kam es im Jahr 2021 zu rund 20400 Unfällen mit Personenschaden aufgrund mangelnder Fahrtüchtigkeit. In Baden-Württemberg waren es etwa 2500 Unfälle mit verletzten Personen, bei denen mangelnde Fahrtüchtigkeit unfallursächlich war. Die Dunkelziffer dürfte allerdings gerade in diesem Bereich nicht unerheblich sein. Mangelnde Fahrtüchtigkeit ist dabei zumeist auf den übermäßigen Konsum von Alkohol sowie die Einnahme anderer berauschender Mittel zurückzuführen.

Verkehrstote 2021 sind in Baden-Württemberg bei Alkohol- und Drogenunfällen 31 getötete Menschen zu beklagen, was eine Verdopplung zum Vorjahr darstellt. Jeder siebte Verkehrstote ist auf mangelnde Fahrtüchtigkeit zurückzuführen.

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Erstellt:
6. Mai 2022, 06:00 Uhr

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