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Rettung für Bambis kommt aus der Luft

In Backnang hat sich aus 14 Tierfreunden und Technikbegeisterten der Verein „Flugmodus“ gegründet. Mit einer Drohne helfen sie Landwirten und Jägern während der Setzzeit, Rehkitze vor der Heumahd aus der Wiese zu holen. Damit retten sie deren Leben.

Die kritische Zeit für Rehkitze ist die sogenannte Setzzeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juni, in der die meisten Ricken ihre Jungen zur Welt bringen und im tiefen Gras ablegen. Fotos: Flugmodus

Die kritische Zeit für Rehkitze ist die sogenannte Setzzeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juni, in der die meisten Ricken ihre Jungen zur Welt bringen und im tiefen Gras ablegen. Fotos: Flugmodus

Von Ute Gruber

BACKNANG. Wenn frühmorgens um drei, halb vier der Wecker klingelt, zeigt sich der wahre Enthusiasmus. Denn dann heißt es für die drei ehrenamtlichen Rehkitzretter aufstehen, um rechtzeitig bei Sonnenaufgang auf dem Feld zu sein. Schnell wird die Drohne mit der Wärmebildkamera startklar gemacht und das Tablet auf das Stativ gestellt. Und während Andreas Metz mit der Fernsteuerung den Flug des Quadrokopters überwacht, starren Stefanie Schlotterbeck und Stefanie Stärk hoch konzentriert auf die Aufnahmen, die jetzt auf das Tablet gesendet werden. Alles grau in grau. Wiese eben. Plötzlich – ein heller Fleck: „Stopp!“ Der Pilot geht tiefer. Der Fleck wird rot: „Da liegt eins!“ Eine der beiden jungen Frauen geht los und wird mittels Wärmebild zum Fundort unter der Drohne gelotst. „Huch, fast wäre ich draufgetreten!“, so tief hat sich das filigrane Tier ins hohe Gras geduckt.

Zur Fixierung wird schnell ein großer Wäschekorb übergestülpt. Sofort geht die Suche weiter, denn wo ein Bambi ist, sind oft noch mehr – schließlich wirft eine Rehgeiß meistens Zwillinge. „Nur solange der Boden deutlich kälter ist als das Rehkitz, wird es mit dem Wärmebild gefunden. Um acht Uhr ist meist schon Schluss“, ist die Erfahrung der drei Kitzretter. Dann ist es spätestens Zeit, die gefundenen Tiere aus dem Gefahrenbereich zu tragen, bevor der Landwirt wie angekündigt mit dem Mähwerk anrückt.

Ganz wichtig: ohne direkten Körperkontakt! Denn riecht das Jungtier auch nur eine Spur nach Mensch, wird es von der scheuen Mutter abgelehnt, wenn sie dann üblicherweise am Nachmittag zum Säugen kommt. „Einweghandschuhe und ein großes Büschel Gras dazwischen“, empfiehlt der erfahrene Jäger Werner Stark. Kann der Jagdpächter nicht selbst dabei sein, so wird auf jeden Fall dessen Einverständnis für die Aktion eingeholt, so will es das Jagdgesetz. Alles andere wäre nämlich – trotz bester Absichten – bereits Wilderei.

Als zwei Kitze gefunden werden, schmilzt das Männerherz dahin.

Warum aber sind ausgerechnet junge Rehe vom Mähtod besonders bedroht? „Das liegt an deren Verhalten“, erklärt Hegeringleiter Uwe Birkendorff aus Sulzbach an der Murr. „Die Geiß setzt die Jungen außerhalb vom Wald ins tiefe Gras. Da sind sie vor dem Fuchs sicher, auch weil sie keine Witterung haben. Die ersten Wochen haben die auch keinen Fluchtinstinkt, stattdessen ducken die sich.“ Über Jahrtausende war dies eine erfolgreiche Überlebensstrategie: Nicht riechen und wegducken. Seit die Heuwiesen aber nicht mehr mit der Sense gemäht werden, werden sie eben doch gefunden: vom Mähwerk. „Das macht dann einen kurzen Rumpler und dann weißt du: Jetzt hat’s halt doch eins erwischt“, erzählt ein Landwirt mit einem Seufzer. Dann heißt es absteigen und die zerfetzten Reste an den Waldrand tragen, wo sich später der Fuchs darum kümmert. „Den Kadaver im Futter zu lassen, könnte wiederum für mein eigenes Vieh tödlich sein.“ Botulinustoxin, sprich Leichengift, lässt grüßen.

Auch die Besitzerin des Reitstalls, wo Stefanie Schlotterbeck und Stefanie Stärk ihre Pferde untergestellt haben, hatte vergangenen Sommer ein solch unerfreuliches Erlebnis. Die beiden Tierfreundinnen waren tief betroffen und wollten helfen, weiteres Blutvergießen zu verhindern. Vermessungsingenieurin Schlotterbeck wandte sich an ihren Arbeitskollegen, der bei der Firma auf Drohnenflugplanung spezialisiert ist. „Mich hat zuerst mal bloß das Technische gereizt“, gibt Vermessungsingenieur Andreas Metz zu. „Mit einer geliehenen Drohne mit schwacher Wärmebildkamera konnten wir nur in geringer Höhe fliegen – und das im Schwäbischen Wald.“ Jedem Obstbaum muss ausgewichen, jede Steigung berücksichtigt werden. Eine echte Herausforderung.

Als dann aber auf Anhieb gleich zwei Kitze gefunden werden, schmilzt auch das Männerherz dahin: „Diese großen, schwarzen Augen und die lustigen weißen Punkte!“ Man beschließt, im kommenden Frühjahr eine eigene Drohne anzuschaffen und ehrenamtlich Landwirte und Jäger bei der Rehkitzrettung zu unterstützen. Übers Jahr werden fleißig Spenden gesammelt und Kontakte geknüpft. Auch rechtliche Fragen werden geklärt. Seit Mitte Mai ist man nun mit eigener, gebraucht gekaufter Drohne (3500 Euro) im Einsatz und hat bei sechs Einsätzen schon sieben Rehkitze und drei kleine Feldhäschen gerettet.

Die Spendenbereitschaft im Bekanntenkreis explodiert, Kinder wollen gar ihr Taschengeld opfern für die Aktion. „Papa, lass mich da mal mit“, bettelt der neunjährige Filius eines Bekannten, „du brauchst mir diesen Monat auch kein Taschengeld bezahlen. Rehe sind doch meine Lieblingstiere!“

Unlängst haben die Tierfreunde einen gemeinnützigen Verein gegründet, sodass Spenden bald auch von der Steuer absetzbar sind. Andreas Metz hofft langfristig auf die Bildung mehrerer Teams mit leistungsfähigeren Drohnen: „Das Problem ist doch, dass wenn plötzlich gutes Wetter angesagt ist, alle Landwirte gleichzeitig mähen wollen – oder vielmehr müssen.“ Eine Drohne mit Kamera, die auch aus 80 Metern Höhe noch ein Kitz orten kann, wäre viel effizienter, kostet aber über 10000 Euro. „Aber vielleicht hat ja jemand schon so ein Teil und möchte es sinnvoll einsetzen – das hier wäre eine Gelegenheit.“ Auch offizielle Sponsoren wären willkommen.

Die neue Technik ist ein Segen: Statt mühselig und unzuverlässig mit abschreckenden Maßnahmen wie Plastikscheuchen, Radios oder Stinkelumpen die Rehmutter inklusive Kitze von der Fläche zu vergrämen oder im Frühtau mit einer Menschenkette die Wiese zu durchkämmen, wird gezielt und nachhaltig eingegriffen. Obligatorische Voraussetzung ist allerdings, dass der betreffende Landwirt seinen Jagdpächter rechtzeitig von seinen Mähplänen in Kenntnis setzt, wozu er übrigens von Gesetzes wegen verpflichtet ist. „Wenn ich am Vorabend der Mahd so um fünf Uhr Bescheid weiß, kann ich sogar die spezifische Flugplanung noch programmieren“, meint Drohnenpilot Andreas Metz. Mit einer leistungsfähigeren Drohne könne man sogar ohne Programmierung starten.

Stefanie Schlotterbeck deckt ein Kitz mit einem Wäschekorb ab, um es zu sichern. Ganz wichtig bei dieser Aktion: Kein direkter Körperkontakt.

Stefanie Schlotterbeck deckt ein Kitz mit einem Wäschekorb ab, um es zu sichern. Ganz wichtig bei dieser Aktion: Kein direkter Körperkontakt.

Die Suche per Drohne und Wärmebildkamera ist teurer, aber hoch effizient

Etwa 90000 bis 100000 Rehkitze fallen in Deutschland pro Jahr laut Schätzung des Bundeslandwirtschaftsministeriums dem Mähtod zum Opfer.

Die kritische Zeit für Rehkitze ist die sogenannte Setzzeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juni, in der die meisten Ricken ihre Jungen zur Welt bringen und im tiefen Gras ablegen. Egal was kommt, ducken sich die Neugeborenen an Ort und Stelle. Erst nach wenigen Wochen beginnen sie, bei Gefahr aufzuspringen und davonzulaufen.

Diese kritische Jahreszeit fällt fatalerweise sehr häufig mit der Heuernte zusammen. Während ein früher Wiesenschnitt zu Anwelksilage, also vergorenem Grünfutter, vor dem 10. Mai unproblematisch ist, muss mit dem Schnitt des Heugrases gewartet werden, bis sicher mindestens drei warme, trockene Tage am Stück zu erwarten sind, damit das Gras auch vollständig trocknen kann.

Gerade Grenzertragsflächen an Waldrändern und Steillagen werden häufig nur einmal und spät zur arbeitsaufwendigen Heugewinnung gemäht und bieten mit ihrem hüfthohen Gras der Rehmutter ein vermeintlich sicheres Versteck für ihr Kitz. Die Ricke hält sich dann überwiegend am Waldrand in der Nähe auf. Wird mit einem Grashalm das Kitzfiepen imitiert, zeigt sie sich häufig.

Der Landwirt hat in einem höheren Maß eine Pflicht zur aktiven Mitwirkung an der Verhinderung des Mähtods von Rehkitzen. Ihn trifft nicht nur die Hegeverpflichtung wie den Jäger, sondern er macht sich strafbar, wenn er zumutbare Maßnahmen unterlässt. Denn er nimmt so den Tod der Rehkitze billigend in Kauf, was mit mehreren Tausend Euro bis hin zu Freiheitsentzug bestraft werden kann.

Methoden der Vergrämung durch optische, akustische oder olfaktorische Methoden am Vorabend der Mahd sollen die Rehgeiß dazu veranlassen, ihr Kitz aus der offenbar gefährlichen Wiese zu führen. Die Suche per Drohne und Wärmebildkamera ist deutlich teurer, aber hoch effizient: 15 bis 100 Kitze pro Team wurden in Baden-Württemberg in dieser Saison teils mit mehreren Drohnen gerettet. Im September will der Landesjagdverband (LJV) zum ersten Mal einen Erfahrungsaustausch organisieren.

Zur Bestätigung, dass Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt wurden, gibt es einen Vordruck beim LJV unter www.landesjagdverband.de/projekte/kitzrettung. Hier findet sich auch eine Liste mit Drohnenteams.

Auf keinen Fall sollten gefundene Tiere angefasst werden, da sie dann verstoßen werden. Die Aufzucht mit der Flasche gelingt nur Spezialisten.

Kontakt zum neu gegründeten Verein Flugmodus per E-Mail: flug.modus@gmx.de

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Erstellt:
25. Juni 2020, 06:00 Uhr

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