S-Bahn bis Murrhardt auf dem Prüfstand

Verband Region Stuttgart gibt Machbarkeitsstudie in Auftrag. Die mögliche Erweiterung soll den ÖPNV stärken und den Klimaschutz fördern. Die Kommunen entlang der Strecke begrüßen den Vorstoß, warnen aber vor Verschlechterungen beim Busverkehr oder beim Halb-Stunden-Takt.

Bislang endet die S-Bahn in Backnang. Nun wird jedoch geprüft, unter welchen Voraussetzungen es Sinn ergibt, die S-Bahn-Linie bis Murrhardt zu verlängern.Foto: Edgar Layher

© Edgar Layher

Bislang endet die S-Bahn in Backnang. Nun wird jedoch geprüft, unter welchen Voraussetzungen es Sinn ergibt, die S-Bahn-Linie bis Murrhardt zu verlängern.Foto: Edgar Layher

Von Matthias Nothstein

Backnang/Murrhardt. Die Verlängerung der S-Bahn-Linien über die bisherigen Endpunkte hinaus schien in der Vergangenheit in erster Linie Wunschdenken zu sein. Nun jedoch haben sich die politischen Rahmenbedingungen geändert. Klimaschutz und ÖPNV-Förderung rücken immer mehr in den Vordergrund. Und plötzlich erscheint es möglich, dass die S3 künftig bis nach Murrhardt fährt. Der Verband Region Stuttgart will mögliche Erweiterungen des S-Bahn-Netzes mittels einer Machbarkeitsstudie prüfen. Der Verkehrsausschuss des Verbands hat beschlossen, erneut in die Prüfung einzusteigen, ob und wie S-Bahn-Linien in Ergänzung der Metropolexpressverkehre über die vorhandenen Endpunkte hinaus verlängert werden können. Geplant ist, im Herbst diesen Jahres mit einer einjährigen Machbarkeitsstudie zu beginnen.

Untersuchung soll den Mehrwert ermitteln

Ziel der Untersuchung ist es, den Bedarf bei den Fahrgästen und somit den Mehrwert, der sich mit einer Verlängerung für sie bietet, zu ermitteln. Ebenso soll geprüft werden, wie viel CO2 im Individualverkehr durch die verlängerten Strecken eingespart werden kann. Mithilfe der Studie wird zusätzlich die Höhe der Kosten und der Bedarf an Fahrzeugen ermittelt. Ein besonders Augenmerk liegt außerdem darauf, das Netz stabil zu halten und Möglichkeiten aufzuzeigen, vorhandene Abläufe an den betroffenen Bahnhöfen zu optimieren.

Die Bürgermeister der Kommunen entlang der S-3-Strecke begrüßen grundsätzlich jede Verbesserung des ÖPNV. Trotzdem merken sie einige Punkte kritisch an. So betont etwa Dieter Zahn, der Rathauschef von Sulzbach an der Murr, dass auch der Busverkehr ÖPNV sei und daher auf keinen Fall unter der Erweiterung der S-Bahn-Strecken leiden dürfe. Auch wenn sich der S-Bahn-Anschluss deutlich verbessert, dürfe keine Buslinie „eingestampft“ werden. Zahn verlangt, dass sich alle Aufgabenträger an einen Tisch setzen und beraten müssten, „nicht nur der Verband der Region Stuttgart“. Denn für viele Bürger sei eine gute Busverbindung wichtiger als die S-Bahn-Erweiterung, vor allem für jene, die in größerer Entfernung von den Bahnhöfen wohnen würden.

Zudem monierte Zahn, dass die Region erst auf das Ergebnis der Studie warten möchte, bevor Änderungen erfolgen. Heute schon wäre es möglich, „einen gescheiten Übergang“ von der Murrbahn auf die S4 in Backnang zu schaffen. Momentan müssen die Fahrgäste Wartezeiten von 28 Minuten in Kauf nehmen. Mit einer Verschiebung der Zug- oder S-Bahn-Verbindungen um 15 Minuten könnte die Wartezeit deutlich reduziert werden, „da gibt es Vorschläge“.

Für das Murrhardter Stadtoberhaupt Armin Mößner ist es besonders wichtig, dass sich am Konzept des Metropolexpresses (Mex) nichts ändert, sondern dass die Verlängerung der S-Bahn höchstens ergänzend erfolgt. Die Verlängerung der S4 bis Murrhardt würde zwar die Verbindung nach Ludwigsburg verbessern und das Manko des Umsteigens samt der Wartezeiten in Backnang erledigen. Aber Mößner betont: „Über allem steht die Forderung, dass wir den Halb-Stunden-Takt der Murrbahn behalten möchten. Das ist für uns die schnellere und bessere Verbindung nach Stuttgart, um die wir lange gekämpft haben.“ Die S-Bahn hält laut Mößner 15- oder gar fast 20-mal, bevor der Stuttgarter Hauptbahnhof erreicht ist. Zudem erinnert er daran, dass für Murrhardt die Verbindung in die andere Richtung nach Schwäbisch Hall auch sehr wichtig ist. Und mit einem Lachen ergänzt er: „Aber es hätte schon Charme, wenn die S-Bahnen künftig vorne drauf hätten: ‚Murrhardt‘ und nicht mehr: ‚Backnang‘.“ Aus Sicht der Stadt Backnang sei es sehr zu befürworten, das Verkehrsangebot auf der Murrbahn weiter zu verbessern, so Oberbürgermeister Maximilian Friedrich. Er schränkt ein: „Sofern damit keine Angebotsverschlechterung im Regional- und Fernverkehr in Backnang einhergeht.“ Dies solle die Studie klären.

Einig sind sich alle Bürgermeister, dass die Verlängerung der S-Bahn nur mit dem zweigleisigen Ausbau der Strecke funktioniert. Mößner glaubt, dass zumindest „Begegnungsinseln zwischen Murrhardt und Sulzbach nötig sind“. Langfristiges Ziel müsse jedoch der durchgängige Ausbau sein. Dieser sei schließlich nicht ohne Grund weiterhin Teil des Bundesverkehrswegeplans. Mößner erinnert daran, dass die Murrbahn die schnellste und kürzeste Verbindung zwischen Stuttgart und Nürnberg sei. Oppenweilers Bürgermeister Bernhard Bühler sieht die Erweiterung positiv: „Wenn der ÖPNV ausgebaut wird, steigt immer auch die Attraktivität einer Gemeinde.“ Ganz generell fügt er an: „Wir stehen dem Ausbau des ÖPNV positiv gegenüber. Es ist alles gut, was die Straßen entlastet.“ Der Bau des Hochwasserrückhaltebeckens Oppenweiler würde den zweigleisigen Ausbau übrigens nicht behindern, das zweite Gleis würde – wenn es kommt – östlich des bisherigen verlaufen. Bühler: „Es gibt freigehaltene Flächen, die für den Ausbau ausreichen würden.“ Sollte die S-Bahn-Verlängerung kommen, so müsse laut Bühler auch die restliche Infrastruktur ausgebaut werden, etwa der Bahnhof Oppenweiler: „Wir haben keinen barrierefreien Übergang von einem aufs andere Gleis.“ Landrat Richard Sigel betont, dass sich der Rems-Murr-Kreis ehrgeizige Ziele im Klima- und Umweltschutz gesetzt hat: „Wir unterstützen das Ziel der Landesregierung, die Fahrgastzahlen im ÖPNV bis 2030 zu verdoppeln. Zu prüfen, die S-Bahn bis Murrhardt und Plüderhausen zu verlängern, begrüße ich, denn ohne Maßnahmen bleibt das Ziel, die Fahrgastzahlen zu verdoppeln ein Wunsch.“

Fünf Linien könnten verlängert werden

Verlängerungen Die Region Stuttgart prüft die Verlängerungen mehrerer S-Bahn-Linien. Für den Raum Backnang besonders interessant ist eine Verlängerung der S3 bis Murrhardt. So könnte die S3 den Metropolexpress ergänzen und/oder mit der S4 eine direkte Verbindung von und nach Ludwigsburg ermöglichen. Bei der S2 wird eine maximale Verlängerung bis Plüderhausen geprüft. Für die S5 bieten sich zwei Möglichkeiten: Zum einen könnte die Linie in Richtung Vaihingen/Enz und zum anderen bis nach Kirchheim (Neckar) verlängert werden. Auch eine Aufspaltung der Linien nach dem Vorbild der S1 wäre denkbar, um beide Richtungen zu ermöglichen. Die S1 könnte in der einen Richtung bis Bondorf, in der anderen bis Geislingen (Steige) erweitert werden und so das Filstal an das S-Bahn-Netz anbinden.

Metropolexpress Durch den ÖPNV-Pakt 2025 haben die meisten potenziellen Haltepunkte bereits heute durch die Metropolexpressverkehre eine Anbindung zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Die Untersuchung soll auf dem bestehenden Mex-Konzept des Landes aufsetzen, ohne dieses zu verändern. Das heißt, die S-Bahn könnte diese Fahrten ergänzen und das Angebot auf einen 15-Minuten-Takt verdichten.

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Erstellt:
10. Mai 2022, 06:00 Uhr

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