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Schläge, Würgen und beständige Todesangst

Entführte Pflegekraft aus Polen berichtet vor dem Landgericht Stuttgart fünf Stunden lang über ihr Martyrium.

Die beiden Angeklagten beim Prozessauftakt. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Die beiden Angeklagten beim Prozessauftakt. Foto: A. Becher

Von Hans-Christoph Werner

ASPACH/STUTTGART. Der fünfte Verhandlungstag in dem Aspacher Entführungsfall (wir berichteten) am heutigen Montag ist nahezu ganz der Vernehmung der 48-jährigen Entführten gewidmet. Über fünf Stunden zieht sich die Befragung der Polin hin. Im Vorfeld der Vernehmung hat die Nebenklägerin, die Rechtsanwältin der Pflegekraft, beantragt, den Hauptangeklagten Maciej I., auszuschließen. Die 48-Jährige will ihrem Peiniger nicht erneut begegnen.

Um den Angeklagten aber dennoch teilhaben zu lassen, wird er in einen anderen Raum gebracht. Dort kann er über eine Videoschaltung die Vernehmung mitverfolgen. Die Berufsrichterin der Großen Strafkammer kann auf einem kleinen Bildschirm im Gerichtssaal die Reaktionen des Angeklagten mitverfolgen. Als zu Beginn der Vernehmung ein kurzer Test gemacht wird, ob sich die Parteien gegenseitig verstehen, hält sich die Pflegekraft die Ohren zu. Selbst die Stimme ihres Peinigers ist ihr unangenehm.

Etwas zu gutgläubig stieg sie in das Wohnmobil ihres Ex-Partners.

Sehr stockend beginnt die Geschädigte zu erzählen. Immer wieder hört man sie schniefen. Mitunter kommen ihr auch Tränen, die Stimme verändert sich hörbar. Die Erinnerung an das Erlebte ist schmerzlich. Vielleicht etwas zu gutgläubig stieg sie in das Wohnmobil ihres Ex-Partners. Doch schon bald schlägt die belanglose Unterhaltung um. Sie wird zu Boden gezogen, geschlagen, gefesselt. Ihr Peiniger brüllt sie immer wieder an. Er greift sich ihre Handtasche, leert diese aus und bemächtigt sich des Handys. „Gib die Pin heraus, du Hure, sonst steche ich dich tot“, schreit er seine Ex-Partnerin an. Später zieht er ihr eine Plastiktüte über den Kopf, würgt sie.

Als das Trio schließlich in Frankreich im Wald strandet und alle drei das Wohnmobil verlassen, hebt Maciej I. eine Grube aus. Die 48-Jährige denkt, dass ihr letztes Stündchen geschlagen hat. Dann wiederum tritt er seiner Ex-Partnerin mit Wucht in den Rücken, drückt ihr Gesicht in den Waldboden und würgt sie erneut. Heftig reden beide Entführer ihrem Opfer ein, dass sie ein schlechter Mensch sei.

Ein andermal unterhalten sich Maciej I. und Krzystof T. vor den Ohren ihres Opfers und bedauern, dass sie nicht schon in Aspach umgebracht haben. Selbst ihre Notdurft durfte das Opfer nicht unbewacht verrichten. Ständig wurde sie kontrolliert. Nach Aussagen der Angeklagten am dritten Verhandlungstag hätten sie die 48-Jährige einige Mal allein im Wald zurückgelassen, um Besorgungen zu machen. Daraus ergibt sich nun die Frage, warum die Gepeinigte nicht geflohen war. Sie sagt, dass sie vor Angst wie gelähmt gewesen sei.

Immer wieder stellt der Vorsitzende Richter auch Fragen an die Zeugin. Er greift Aussagen auf, die die Angeklagten machten. Meist Aussagen, die das Geschehen in einem harmloseren Licht erscheinen ließen. Die Antwort der Zeugin häufig „absolut nie nie“. Zu Deutsch: Absolut nein. Auch Auskünfte zur Vorgeschichte der 25-jährigen Beziehung der Pflegekraft mit Maciej I. holt der Richter ein. Wenn es um Geld oder um die Affären, Seitensprünge und Szenen des Paares in der Öffentlichkeit geht, wird die 48-Jährige plötzlich sehr ausführlich. Der Richter muss sie dann geradezu bremsen und zum eigentlichen Geschehen zurücklenken.

Noch immer gehen die Erlebnisse der neuntägigen Gefangenschaft der Pflegekraft nach. Eine posttraumatische Belastungsstörung wurde diagnostiziert. Ihr deutscher Freund, der Sohn der Pflegefamilie, ein 58-jähriger Service-Ingenieur, berichtet im Zeugenstand, dass er sie schon nachts wimmernd vor ihrem Bett vorfand. Sie hätte, so gab sie ihm gegenüber an, von dem Geschehen im Juni 2019 geträumt. Angstzustände und Konzentrationsstörungen kommen hinzu.

Immer wieder gibt es während der Vernehmung der Pflegerin technische Pannen im Gerichtssaal. Mal tun die Kopfhörer nicht, über die die Angeklagten die Dolmetscherin hört. Die Akkus sind offenbar nicht auf solche Marathonsitzungen ausgelegt. Ein anderes Mal ist es das Mikrofon der Dolmetscherin. Und wenn solches eintritt, muss die Protokollantin erst den Techniker des Hauses telefonisch herbeizitieren. Und das dauert.

Aber auch die Kammer selbst leistet ihren Beitrag dazu, dass sich der Verhandlungstag in die Länge zieht. Nach keiner der angesagten Pausen wird die Verhandlung wieder pünktlich aufgenommen.

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Erstellt:
13. Juli 2020, 21:10 Uhr

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