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Schüler streiken für ihre Zukunft

Erste „Fridays for Future“-Demonstration in Backnang – Rund 50 Teilnehmer protestieren vor der Stadtbücherei im Biegel

Jetzt gehen sie auch in Backnang auf die Straße: Zum ersten Mal haben sich die jungen Menschen der Schülerstreikbewegung „Fridays for Future“ auch in der Murr-Metropole getroffen, um für den Umweltschutz und gegen die Untätigkeit der Politiker zu demonstrieren. Etwa 50 Teilnehmer waren zu den Protesten im Biegel gekommen.

Die Schilder, die die Jugendlichen in die Höhe halten, konnten sie direkt vor Ort malen. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Die Schilder, die die Jugendlichen in die Höhe halten, konnten sie direkt vor Ort malen. Foto: A. Becher

Von Silke Latzel

BACKNANG. „Jahrzehntelang hat uns die Politik um unsere Zukunft betrogen. Jetzt erheben wir unsere Stimme gegen dieses Unrecht.“ Beifall brandet auf, die Jugendlichen klatschen und jubeln dem 16-jährigen Augustin Renz zu, der bei der ersten Backnanger „Fridays for Future“-Demonstration zum Mikrofon greift und klare Worte findet. „Christian Lindner von der FDP sagt, wir sollen dieses Thema lieber den Profis überlassen. Aber ich frage euch: Wo sind denn die Profis? Und was haben sie bislang getan? Gar nichts!“ In Richtung von Bundeskanzlerin Angela Merkel ruft er: „Sie verlieren durch das Nichtstun nicht nur Zeit beim Klimaschutz, sondern auch eine ganze Generation an Wählern.“

Zu eben diesen Wählern gehören bald auch die etwa 50 Teilnehmer, die sich gestern um 12 Uhr vor der Stadtbücherei versammelt haben, um ihrem Unverständnis und ihre Wut gegenüber den Politikern Ausdruck zu verleihen. Sie wollen, dass sich in Sachen Klimaschutz endlich spürbar etwas bewegt.

„Hoch mit dem Klimaschutz,

runter mit der Kohle“

Zu Beginn scheint die Kundgebung leicht unorganisiert – klar, auch so etwas muss erst einmal gelernt werden. Zwar hat das Organisationsteam nach eigenen Angaben schon Demonstrationserfahrung – einige von ihnen waren bereits bei den weitaus größeren „Friday for Future“-Streiks in Stuttgart – aber so etwas selbst zu organisieren ist dann doch etwas anderes. „Nicht jeder, der streiken möchte, kann jeden Freitag nach Stuttgart fahren. Deshalb haben wir uns zusammengetan, um eine Demo hier in Backnang auf die Beine zu stellen“, sagt die 19-jährige Michelle vom Orga-Team. Sie trägt, wie ein paar der anderen auch, eine Warnweste, auf der „Ordner“ steht – nur eine der Auflagen für die Demonstration. Hunde, Glasflaschen und Alkohol sind verboten, die Transaprente dürfen nicht als Schutzbewaffnung benutzt, die Rettungswege frei gehalten und die Fußgänger nicht gestört werden. Das Orga-Team klärt die Demoteilnehmer gewissenhaft über die Vorschriften auf, hat zudem Mülleimer organisiert, damit der anfallende Müll nicht auf die Straße geworfen wird, „denn das wäre ja kontraproduktiv“ bei einer Demo, bei der es um Umweltschutz geht.

Die Organisatoren sind motiviert, sie wollen etwas bewegen und haben sich Gedanken gemacht, wie sie die Demonstranten beschäftigen können. Wer möchte, kann ein Schild malen oder am großen Transparent aus Stoff mitarbeiten, auf dem zum Ende der Demo „Klimawandel stoppen – jetzt!“ steht und das die Unterschriften der Teilnehmer trägt. Die Malutensilien liegen auf einer Plane, damit keine Farbe aufs Pflaster kommt. Aus den mitgebrachten Boxen schallt Musik, neben Liedern wie „Heal the world“ und dem „Earthsong“ von Michael Jackson läuft auch ein Lied von K.I.Z. ft. Henning May, das von den Streikenden mitgesungen wird: „Und wir singen im Atomschutzbunker: Hurra, diese Welt geht unter.“

Und was darf auf einer Demo auf keinen Fall fehlen? Na klar: Parolen skandieren. „What do we want?“, schreit der Anheizer in ein Megafon und die Menge antwortet: „Climate Justice!“ – „When do we want it?“, fragt er und die laute Antwort ist: Now!“ Auf Deutsch bedeutet das in etwa: „Was wollen wir? Klimagerechtigkeit. Wann wollen wir sie? Jetzt!“

Auch dem Hambacher Forst wird mit „Hambi, Hambi, Hambi – bleibt, bleibt, bleibt“ gedacht. Und weil es kalt ist, darf sich beim Skandieren auch ein bisschen bewegt werden, zu „Hopp, hopp, hopp – Kohlestopp“ wird gehüpft, bei „Hoch mit dem Klimaschutz, runter mit der Kohle“ zuerst die Schilder in die Höhe gereckt und dann in die Knie gegangen. Die Aufmerksamkeit der Passanten oder auch der Autofahrer, die hie und da sogar die Scheiben herunterkurbeln, um zu hören, was hier passiert, haben die Jugendlichen damit sicher.

„Wir kämpfen so lange für unsere Zukunft, bis sich etwas ändert“

Doch generell bleiben nur wenige Erwachsene stehen. Eine Handvoll hat sich am Rand der Kundgebung mit eigenen Schildern versammelt, manche unterhalten sich für ein paar Minuten mit den jungen Menschen – sonst bleibt die Schülergruppe unter sich. Nur die Polizei ist mit zwei Beamten vor Ort, hält sich aber vom Geschehen fern und sitzt am Ende sogar im Auto – auch ihnen ist kalt.

Viel Begeisterung löst zu Beginn der Demonstration die 70-jährige Ursula Schuster aus, die aus dem angrenzenden Seniorentreff kommt, ein grünes Tuch schwingt und mit den Jugendlichen tanzt. „Ich finde das hier eine wirklich gute Sache“, sagt sie. „Es ist wichtig, dass etwas passiert, ich habe selbst Kinder und Enkelkinder. Und wann soll denn etwas geschehen wenn nicht jetzt?“

Zum Ende der Kundgebung ergreift Natalia Grabke, Jugendvertreterin der Stadt Backnang, das Wort: „Wir stehen an der Wende zur unumkehrbaren Umweltzerstörung. Unsere Zukunft wird Tag für Tag vernichtet. Wir wollen und dürfen so nicht weitermachen und müssen endlich die Ursachen bekämpfen und nicht die Folgen. Unsere Welt wird von Geld gesteuert. Wie kann die Wirtschaft über dem Umweltschutz stehen?“ Sie fordert auch in Backnang den priorisierten Schutz der Natur, bessere Radwege, und bezahlbaren öffentlichen Nahverkehr. „Umweltschutz findet nicht nur auf Regierungsebene statt, sondern auch in der kommunalen Politik.“ Gemeinsam mit den Demonstranten fordert sie einen Plan von der Regierung, um die Klimaneutralität zu erreichen und einen schnellen Kohleausstieg zu realisieren. Sie verspricht: „Wir kämpfen so lange für unsere Zukunft, bis sich etwas ändert.“

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Erstellt:
6. April 2019, 06:00 Uhr

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