Schumis Erben im Gaudi-Rausch

Sommerreportage: Auf der Backnanger Indy-Cart-Bahn haben Groß und Klein und alle Schichten der Bevölkerung einen Heidenspaß. Die Erfahrung lehrt: Auf der Strecke kommen die wahren Charaktere der Besucher zum Vorschein.

Countdown in der Boxengasse. Die Aufregung steigt unmittelbar vor dem Start. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Countdown in der Boxengasse. Die Aufregung steigt unmittelbar vor dem Start. Fotos: A. Becher

Von Matthias Nothstein

Backnang. Spätestens nach der zweiten Runde auf der Backnanger Indy-Cart-Bahn hat das Adrenalin die Herrschaft in den Blutbahnen übernommen. Die acht Kartfahrer auf der Strecke brettern mit Vollgas in die Kurven, bremsen spärlich, driften prächtig, beschleunigen, was die 6-PS-Boliden hergeben, streifen die Reifenstapel entlang und kämpfen um Sekundenbruchteile. Und jeder, der auch nur ein bisschen Benzin in den Adern hat, lässt sich gerne vom Formel-1-Feeling im Kleinformat anstecken.

Zu sagen, die Fahrer und das Publikum auf der Rennstrecke im Backnanger Industriegebiet-Süd sind bunt gemischt, ist noch maßlos untertrieben. Jede Schicht und jedes Alter ist vertreten. Michele Ciuffreda, gelernter Industriefachwirt und seit 1997 Besitzer der Kartbahn, berichtet von Kleinkindern und Senioren, „der älteste war 82 Jahre alt“, von sportlichen Männern und fidelen Hausfrauen, von Ärzteteams aus der Charité und Junggesellenabschieden, von einmaligen Besuchern und Stammgästen. Eines aber eint seiner Erfahrung nach alle Besucher: „Auf der Bahn kommen ihre wahren Charaktere zum Vorschein.“ Heißt: Da wird manch einer zur Pistensau, der sonst immer mit Anzug und Krawatte am Schreibtisch sitzt und von dem man es niemals erwartet hätte, da gibt Mutti Gummi, da kennen Freunde keine Freunde, da heißt es nur, dem ewigen Idol Schumi nachzueifern, der, wie jedermann weiß, auf der Kartbahn seine Karriere begann. Ohnehin ist Michael Schumacher, der gefühlt noch heutige Formel-1-Weltmeister, in der Kartbahn allgegenwärtig. Sei es als großer Pappkamerad am Streckenrand, als Schriftzug oder in der Fotovitrine. Selbst die Zeitrechnung geht auf ihn zurück. So antwortet Ciuffreda auf die Frage nach den Anfängen seines Unternehmens in Backnang, er habe es vor 25 Jahren eröffnet, „damals fuhr Schumi noch für Benetton“. Stimmt zwar nicht ganz, damals war der Anzug des Kerpeners schon ein Jahr rot. Aber der Irrtum hängt wohl damit zusammen, dass der Vollblutkartfan sich auch schon in den Jahren vor der Gründung seiner Firma mit dem Thema befasst hat, und da holte Schumi in der Tat zwei WM-Titel für das französische Team.

Die Stimmung auf der Kartbahn und beim Publikum ist prächtig. Am vergangenen Samstag haben gleich zwei Junggesellenabschiede die Bahn als guten Programmpunkt auserkoren. Als die „jungen Männer“ nach 30 Minuten mehr oder weniger elegant aus den Kisten klettern, sind sie völlig verschwitzt und strahlen über das ganze Gesicht. Einer davon ist der baldige Bräutigam – logisch. Auf dem Asphalt hat es an diesem Tag nur für den dritten Platz gereicht. Doch David Adryan nimmt’s mit Humor: „Eigentlich müsste ich der Erste sein, aber Hauptsache ich habe in zwei Wochen bei meiner Hochzeit den Spitzenplatz.“

Der Nachwuchs hat nach der Herrenrunde die Kartbahn für sich allein

Nach der Herrenrunde dürfen sich zwei Buben auf der Strecke messen. Der Nachwuchs fährt immer separat und ist in speziellen Karts unterwegs, die Matteo Ciuffreda, der Bruder des Geschäftsführers und vor Ort quasi der Chefmechaniker, individuell drosseln kann. Oder eben aufdrehen, je nach dem Leistungsstand von Schumis Erben. Als die Jungs nach etlichen Runden wieder aussteigen, laufen sie ganz glücklich zu den Eltern, „das hat Spaß gemacht“.

Schon ist die nächste Gruppe am Start, zwei Familien. Die eine Rasselbande gilt als Wiederholungstäter. Vor fünf Wochen haben die Söhne schon einmal mit zwei Freunden die flotten Kisten über den Asphalt gejagt. Jetzt sind sie aus Kirchheim am Neckar erneut angereist, dieses Mal mit einer befreundeten Familie. Und dieses Mal lassen es sich die Väter nicht nehmen, mit den Teenagern mitzufahren. Nur eine Mutter passt. Sie steht am Streckenrand und versucht scharfe Fotos hinzukriegen. Was bei dem Tempo nicht ganz einfach ist.

Auch wenn Ciuffreda bestens gelaunt ist, die zurückliegenden Coronamonate waren nicht einfach für den Geschäftsmann. Insgesamt elf Monate blieben die Motoren kalt. Derzeit läuft der Betrieb leidlich. Das heißt, jeder, der fahren möchte, muss sich anmelden, mit der Luca-App oder herkömmlich registrieren und einen 3-G-Status nachweisen. Die Sicherheitseinweisung vor dem Start ist dagegen ein Klacks. Ciuffreda erklärt die Fahnen, die geschwenkt werden können. Viele kennen sie von den Formel-1-TV-Sendungen. Gelb heißt runter vom Gas, Schrittgeschwindigkeit und nicht überholen, da gibt es irgendwo auf der Strecke ein Problem. Meistens steht dann ein Kart frontal vor einem Reifenstapel. Und da es keinen Rückwärtsgang gibt, muss ein Helfer auf die Strecke und das Fahrzeug wieder in die richtige Richtung drehen. Ganz deutlich betont Ciuffreda: „Wer ein Problem hat: Sitzen bleiben! Im Kart seid Ihr sicher, außerhalb nicht.“ Gleiches gilt auch am Ende in der Boxengasse. Sitzen bleiben, bis alle Motoren aus sind. Dank dieser Regelung hat der Unternehmer auch keinen schweren Unfall im vergangenen Vierteljahrhundert zu vermelden. Der Rest ist schnell erklärt: Blaue Fahne bedeutet „überholen lassen“. Der Experte gibt noch den Tipp, wo das für beide Beteiligte am besten geht. Und schwarz-weiß kariert heißt Rennende. Dann werden noch die Helme und Schutzhauben verteilt, und schon geht’s los. Und schon nach wenigen Runden sind alle im Gaudi-Rausch.

Apropos Rausch. Ein Standbein des Hausherrn ist das Bistro Boxenstopp, über dem ein großes „Ferrari“-Schild prangt. Dort können alle Akteure die verlorene Flüssigkeit wiederauffüllen oder eine Kleinigkeit essen. Das wurde vor Corona gerne angenommen, auch von Gästen, die nur Kiebitze waren. Aber der Wirt ist eisern: Vor dem Start gibt es keinen Tropfen Alkohol. In den Blutbahnen duldet Ciuffreda höchsten eine fette Dosis Adrenalin. Und dafür sorgt die Bahn von alleine.

Kontakt Nähere Informationen gibt es unter Telefon 07191/953044 oder im Internet unter www.indy-cart.de.
Rechts Gas, links Bremse. Mehr braucht’s nicht für eine Prise Formel-1-Feeling.

© Alexander Becher

Rechts Gas, links Bremse. Mehr braucht’s nicht für eine Prise Formel-1-Feeling.

Seit 1997 steht für Kartfans die Ampel im Backnanger Industriegebiet-Süd auf grün.

© Alexander Becher

Seit 1997 steht für Kartfans die Ampel im Backnanger Industriegebiet-Süd auf grün.

250 Meter in 15 Sekunden

Die Bahn Die Länge der Strecke beträgt 250 Meter. Der Rundenrekord liegt bei 15 Sekunden. Die Strecke ist mit einem Flexogripbelag ausgestattet, der beim Fahren leicht nachgibt. „Ein großer Vorteil gegenüber extrem griffigen Belägen, die wesentlich kompromissloser bei Brems- und Lenkmanövern sind.“

Die Karts Die Karts für Erwachsene haben 6-PS-Motoren und können bis zu 50 Stundenkilometer schnell werden.

Adresse Die Indy-Cart-Bahn liegt im Backnanger Industriegebiet-Süd, Beim Erlenwäldchen 14.

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Erstellt:
9. September 2021, 06:00 Uhr

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