Tänzer-Choreograf Johannes Blattner

Sex oder Aggression? Zwei Tanzduette hinterfragen das Bild von Männlichkeit

Johannes Blattner ist im Mai mit zwei Tanzstücken in Stuttgart zu erleben, die sich mit Männlichkeit jenseits von Stärke und Kontrolle beschäftigen.

Zwei Tanzstücke erkunden unser Bild von Männlichkeit: Szenen aus „Let's hear it for the boy“ (links) und „Bound“, an beiden ist Johannes Blattner als Tänzer oder Choreograf beteiligt.

© Südufer/Doradzillo, Frank Dölling

Zwei Tanzstücke erkunden unser Bild von Männlichkeit: Szenen aus „Let's hear it for the boy“ (links) und „Bound“, an beiden ist Johannes Blattner als Tänzer oder Choreograf beteiligt.

Von Andrea Kachelrieß

  Wer den Stuttgarter Tänzer und Choreografen Johannes Blattner besser kennenlernen will, hat im Mai dazu Gelegenheit. Aktuell ist der Akteur der freien Szene mit der Freiburger Produktion „Let’s hear it for the boy“ auf Mini-Tour durchs Ländle. Nach einem Stopp im Fitz ist das von Emi Miyoshi choreografierte Duett nochmals am 10. Mai im Roxy in Ulm zu sehen.

Im Theaterhaus ist Johannes Blattner am 13. und 14. Mai mit seiner eigenen Produktion „Bound“ zu Gast, die er mit den beiden ausführenden Tänzern Elias Bäckebjörk und Paco Ladrón de Guevara entwickelt hat. Spannend ist das zeitlich etwas verzögerte Aufeinandertreffen dieser beiden Stücke auch deshalb, weil sie ein ähnliches Thema ansprechen. Es geht um die verletzlichen Seiten von Männlichkeit, die schon Heranwachsende lernen, hinter vermeintlicher Stärke zu verstecken.

In „Let’s hear it for the boy“ wächst sich die Konfrontation mit gefühlten „Schwachstellen“ schnell zu akrobatischen Raufereien aus; die Unversehrtheit der beiden Interpreten, neben Johannes Blattner tanzt Margers Vanags, scheint nicht nur einmal in Gefahr. „Bound“ will Beispiele dafür zeigen, wie Männer sich auch begegnen können – unterstützend statt konkurrierend zum Beispiel.

Nähe zwischen Männern wird nicht vorgelebt

Beide Duette suchen nach neuen Freiräumen. Denn dass viele Jungs mit Nähe zwischen Männern nicht umgehen können und sie entweder mit aggressivem Verhalten oder mit Sex gleichsetzen, haben Johannes Blattner und sein Team bei Proben im öffentlichen Raum erlebt. In einem Gespräch am Rande sagte der Choreograf vor einem Jahr: „Alles, was dazwischen ist, kann nur über Rauschzustände, ob es nun Sport oder Betrunkensein ist, gelebt werden. Viele Männer werden heute wieder so sozialisiert. Das ist genau das Problem: dass es wenig Bilder für das andere gibt. Nähe zwischen Männern wird nicht vorgelebt. Oder falls doch, dann wird sie bekämpft.“

Spannend ist in diesem Zusammenhang auch die Inspiration, die zum Duett von Emi Miyoshi führte. Die Choreografin verweist auf Bob Dylans Zögern bei der Aufnahme von „We Are the World“: Der Sänger empfand im Chor mit all den tollen Stimmen sein nasales Krächzen als Makel, den er kaschieren wollte und musste erst von Stars wie Lionel Richie davon überzeugt werden, dass die gefühlte Schwäche seine große Stärke ist: „Just sing it like Bob Dylan!“ – seine Liedzeile ist im Song klar zuordenbar.

Objekte männlicher Verwundbarkeit

Und so wird der Kehlkopf im Tanzstück selbst zum beklopften, bestaunten Objekt männlicher Verwundbarkeit, zum Ort, wo das Sprechen entsteht – oder im Schreien erstickt wird. Beide Stücke sind in Zeiten, die Männlichkeit nach wie vor mit Attributen wie Stärke, Kontrolle, Macht gleichsetzt, eine Ermunterung – sie fordern einen neuen Blick und Beifall für Jungs, die das Anderssein wagen.

Unterwegs als freier Tänzer

Termin„Bound“ am 12. und 13. Mai im Theaterhaus; „Let’s hear it for the boy“ am 10. Mai im Roxy in Ulm, jeweils um 19 Uhr.

KünstlerJohannes Blattner, 1988 in Filderstadt geboren, schloss 2013 seine Ausbildung zum Tanzpädagogen und Bühnentänzer in Freiburg ab. In Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Zürich war er als freier Tänzer unterwegs, in New York zu einer Weiterbildung. Von 2015 bis 2019 war er am Theater Pforzheim engagiert. Seit September 2019 ist er als Tänzer und Choreograf in der freien Szene Stuttgart aktiv.

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Erstellt:
7. Mai 2026, 15:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Mai 2026, 18:36 Uhr

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