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Spagat zwischen zwei Rathäusern

In Backnang ist Frank Nopper seit 18 Jahren Oberbürgermeister, in Stuttgart will er es im November werden. Deshalb pendelt der 59-Jährige zurzeit zwischen beiden Städten. Ab Mitte September will er sich dann ganz auf die Landeshauptstadt konzentrieren.

Ohne Krawatte auf Zuhörtour: Frank Nopper besucht im Wahlkampf zurzeit alle 23 Stuttgarter Stadtbezirke. Hier testet er im Stuttgarter Westen die Brezeln von Bäckermeister Justin Bosch. Foto: J. Kurwan

© JULIAN KURWAN

Ohne Krawatte auf Zuhörtour: Frank Nopper besucht im Wahlkampf zurzeit alle 23 Stuttgarter Stadtbezirke. Hier testet er im Stuttgarter Westen die Brezeln von Bäckermeister Justin Bosch. Foto: J. Kurwan

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Frank Nopper gehört nicht zu den Menschen, für die Urlaub das Wichtigste im Leben ist. Wenn er mal wegfährt, dann meist nur für wenige Tage. Die sechs Urlaubswochen, die auch einem Oberbürgermeister zustehen, hat er in den vergangenen Jahren nie ausgeschöpft. Das wird diesmal anders sein: Mit dem Resturlaub vom Vorjahr habe er Anspruch auf 52 freie Tage, erzählt Nopper, und die will er auch alle nehmen. „Ich mache Erlebnis- und Abenteuerurlaub in Stuttgart“, sagt der Backnanger OB und lacht. Birkach statt Bali, Möhringen statt Mallorca, lautet die Devise.

Er hat es sich selbst ausgesucht: Nach 18 Jahren als ungekrönter König von Backnang will der 59-Jährige es noch einmal wissen. Bereits im Februar hat ihn die Stuttgarter CDU zu ihrem offiziellen Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl am 8. November gekürt. Damit der Karrieresprung gelingt, müssen sein Name und sein Gesicht in der Landeshauptstadt aber noch bekannter werden. Denn auch wenn Nopper in Stuttgart geboren und aufgewachsen ist, bewirbt er sich nun als Kandidat von außen. Bis zum ersten Wahlgang am 8. November will er deshalb möglichst viel Zeit in Stuttgart verbringen.

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Von seinem Amt in Backnang nimmt Nopper sich dafür eine Auszeit. Schon in den vergangenen Wochen hat er sich tageweise freigenommen und eine „Zuhörtour“ durch die 23 Stuttgarter Stadtbezirke gestartet. Wenn die Sommerferien vorbei sind, beginnt dann die heiße Wahlkampfphase. „Dann werde ich nur noch punktuell in Backnang sein“, kündigt Nopper an. Dass die Zahl der Termine, bei denen die Anwesenheit des Oberbürgermeisters zwingend erforderlich ist, wegen der Coronapandemie zurzeit deutlich reduziert ist, kommt ihm dabei entgegen. Seine Amtsgeschäfte wird Erster Bürgermeister Siegfried Janocha übernehmen und dann auch die Gemeinderatssitzungen leiten. Nopper will ihm in dieser Zeit nicht dazwischenfunken: „Es macht keinen Sinn, dass ich zu den Sitzungen komme, wenn ich in den Themen nicht drin bin und bei den Vorgesprächen nicht dabei war.“

„Die Stuttgarter sehnen sich nach einem OB mit Bürgernähe.“

Von seinen drei OB-Wahlkämpfen in Backnang unterscheidet sich der in Stuttgart deutlich: Zum einen ist die Stadt natürlich viel größer, zum anderen zwingt Corona dazu, das gewohnte Programm umzustellen. Wahlkampfreden vor großem Publikum sind ebenso tabu wie Händeschütteln am Infostand. Um trotzdem möglichst viele Stuttgarter zu erreichen, sind neue Konzepte gefragt. „Social Media wird in diesem Wahlkampf eine große Rolle spielen“, glaubt Nopper. Schon seit mehreren Monaten inszeniert er sich und seinen Wahlkampf deshalb bei Facebook und Instagram.

Auffallend ist, dass er dabei fast immer ohne Krawatte auftritt, was er in Backnang allenfalls am „schmotzigen Doschtig“ getan hat. Ausdruck eines angestrebten Imagewandels? Eher ein Zugeständnis an den Zeitgeist, sagt Nopper: „Krawatten gelten mittlerweile als sehr formell. Wenn bei einem Termin keiner eine Krawatte trägt, muss ich nicht der Einzige sein.“ Doch wer ihn kennt, weiß, dass dieser Modetrend seiner eigentlichen Überzeugung widerspricht.

Trotz Livestreams und Videobotschaften ist Nopper der persönliche Kontakt zu den Wählern aber noch immer am liebsten. Und der sei in der Großstadt genauso wichtig wie in Backnang: „Auch in Stuttgart sehnen sich die Menschen nach einem OB mit Bürgernähe“, glaubt er. Deshalb empfindet Frank Nopper es auch nicht als Nachteil, dass ihm mancher in der Landeshauptstadt das Etikett „Provinzfürst“ anheftet. Schließlich habe der frühere OB Manfred Rommel Stuttgart einmal als „größte Agglomeration von Kleinstädten“ bezeichnet, und das sei gar nicht so falsch. Stadtbezirke wie Zuffenhausen oder Möhringen seien von der Einwohnerzahl und Struktur mit Backnang durchaus vergleichbar.

Seine langjährige Erfahrung als Oberbürgermeister sieht Frank Nopper als Trumpf, auch wenn es in Stuttgart Leute gibt, die sich prominentere Bewerber für den Chefposten gewünscht hätten. „Ich glaube, dass das Lechzen nach großen Namen in der Vergangenheit ein Fehler war.“ Denn ein renommierter Bundespolitiker sei eben noch lange kein guter Oberbürgermeister, sagt er mit Blick auf den Amtsinhaber Fritz Kuhn.

Dass ihm die Backnanger seinen „Seitensprung“ in der Landeshauptstadt übel nehmen werden, glaubt der Oberbürgermeister nicht: „Ich denke, sie wären zu Recht sauer gewesen, wenn ich mich nach sehr kurzer Zeit woanders beworben hätte.“ Doch nach 18 Jahren hätten die meisten Verständnis dafür, dass er noch einmal eine neue Herausforderung suche, erst recht in seiner Geburtsstadt.

Ob es mit dem Wechsel klappt, ist allerdings noch längst nicht ausgemacht. „Eine Sau kann man schätzen, eine Wahl nicht“, zitiert Nopper eine alte Politikerweisheit. An Mitbewerbern mangelt es jedenfalls nicht (siehe Infobox), und die Zeiten, in denen Wahlen in Stuttgart ein „gemähtes Wiesle“ für Kandidaten der CDU waren, sind längst vorbei. Nicht nur auf dem Chefsessel im Rathaus sitzt seit acht Jahren ein Grüner, auch im Gemeinderat ist die Ökopartei mit Abstand die stärkste Fraktion.

Vielleicht auch deshalb will Nopper sein Parteibuch gar nicht so sehr in den Vordergrund stellen. „Ich verstehe mich nicht als CDU-Kandidat, sondern als Kandidat der bürgerlichen Mitte“, erklärt er. Im Übrigen sei eine Oberbürgermeisterwahl in erster Linie eine Persönlichkeitswahl und keine politische Richtungsentscheidung. Sollte er die Wahl im November verlieren, hat Nopper aber schon einen Plan B: „Dann bleibe ich auch sehr gerne Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Backnang.“

Reichlich Konkurrenz für Frank Nopper

Wenn die Stuttgarter am 8. November ihren neuen Oberbürgermeister wählen, wird der Stimmzettel vermutlich ziemlich lang sein. Bis heute haben bereits rund 20Frauen und Männer ihre Kandidatur angekündigt. Offiziell bewerben können sich die Interessenten allerdings erst ab 22. August, die Frist endet am 12. Oktober. Anschließend entscheidet der Gemeindewahlausschuss, welche Bewerber zur Wahl zugelassen werden.

Die besten Chancen haben üblicherweise Kandidaten, die von einer Partei unterstützt werden. Neben Frank Nopper (CDU) sind dies die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte Veronika Kienzle (Grüne), der SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Gemeinderat Martin Körner, der Stadtrat und Sprecher des Linksbündnisses Hannes Rockenbauch und der Heidelberger Kreisrat Malte Klein für die AfD. Ohne die Unterstützung seiner Partei kandidiert der Tengener Bürgermeister Marian Schreier, der ebenfalls SPD-Mitglied ist.

Sollte im ersten Wahlgang keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit der Stimmen bekommen, findet die Neuwahl am Sonntag, 29. November, statt. Dann genügt die einfache Mehrheit zum Sieg.

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Erstellt:
8. August 2020, 06:00 Uhr

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