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Spiegelberg bekommt einen Telearzt

Bundesweit einmaliges Projekt zur Telemedizin: Ab Herbst gibt’s für Patienten Videosprechstunden

Spiegelberg bekommt wieder einen Allgemeinarzt: Einen Telemediziner. Ab Oktober soll es in den Räumlichkeiten der Hautarztpraxis Videosprechstunden mit Hausarzt Jens Steinat aus Oppenweiler geben. Auch diagnostische Verfahren sollen telemedizinisch ermöglicht werden. Spiegelberg wird mit diesem ländlichen Fernbehandlungs- und Diagnostikzentrum zu einem bundesweiten Pionier in Sachen Telemedizin.

Videosprechstunde mit dem Hausarzt: Ab Oktober können Patienten der neuen Telemedicon-Praxis, die in Spiegelberg eröffnet werden soll, mit ihrem Hausarzt in Oppenweiler sprechen, ohne räumlich vor Ort sein zu müssen. Foto: tippapatt/stock.adobe.com

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Videosprechstunde mit dem Hausarzt: Ab Oktober können Patienten der neuen Telemedicon-Praxis, die in Spiegelberg eröffnet werden soll, mit ihrem Hausarzt in Oppenweiler sprechen, ohne räumlich vor Ort sein zu müssen. Foto: tippapatt/stock.adobe.com

Von Nicola Scharpf

SPIEGELBERG. Lang war Spiegelberg ein Ort ohne hausärztliche Praxis. Lang hat Bürgermeister Uwe Bossert sich bemüht, wieder einen Arzt in die Gemeinde zu bekommen – ohne Erfolg. Und nun soll im Oktober eine von zwei bundesweit bislang einmaligen Ohne-Arzt-Praxen eröffnen. Spiegelberg und Zweiflingen im Hohenlohekreis, seither auch ein Ohne-Arzt-Ort, werden durch diese ländlichen Fernbehandlungs- und Diagnostikzentren, Telemedicon-Praxen genannt, zu Pionieren. Hinter dem Konzept steht die Heidelberger PhilonMed GmbH von Tobias Gantner. Der Gründer und Geschäftsführer von PhilonMed ist Arzt, Jurist und Gesundheitsökonom. Sein Anliegen ist, bereits bestehende oder drohende Versorgungslücken in ländlichen Gebieten zu schließen und eine hohe medizinische Qualität dezentral anzubieten.

„Der Arzt ist ein knappes Gut“, schildert Gantner. Telemedicon ziele nicht darauf ab, Ärzte durch künstliche Intelligenz oder durch andere medizinische Fachberufe zu ersetzen, sondern den Patienten eine zeitgemäße, zukunftsfähige und innovative Versorgung zu ermöglichen – und das Ganze mit einem Arzt, den die Leute im Ort schon kennen: Dr. Jens Steinat, der mit seiner Praxis in Oppenweiler als Hausarzt niedergelassen ist, ist der Kooperationspartner. „Wir versorgen bereits jetzt die Nachbargemeinden mit geringer Arztdichte oder fehlenden Hausärzten mit“, erläutert er seine Motivation zur Teilnahme an dem Projekt. Darin unterscheidet sich das Konzept von anderen rein telemedizinischen Ansätzen, bei denen die behandelnden Ärzte irgendwo in Deutschland oder gar im Ausland sitzen. Wenn bei Telemedicon der telemedizinische Kontakt nicht mehr ausreicht, ist ein persönlicher Kontakt zwischen Arzt und Patient wegen der kurzen Entfernung zwischen Oppenweiler und Spiegelberg möglich.

Die Spiegelberger Telemedicon-Praxis, die in den Räumlichkeiten der Hautarztpraxis eingerichtet wird, wird mit speziellen telemedizinischen Geräten ausgestattet. Dadurch werden zum einen Videosprechstunden zwischen Arzt und Patient möglich. Zum anderen können auch diagnostische Verfahren telemedizinisch durchgeführt werden. Es gibt beispielsweise Stethoskope, die die Herz- und Lungentöne aufzeichnen und die sich der Arzt über Kopfhörer anhören kann. Oder aber sie werden über sichere Kommunikationsleitungen an den Arzt übertragen, damit er sie auswerten kann. Auch EKG oder EEG sind Geräte, die sich aus der Arztpraxis heraus an den Standort der Telemedicon-Praxis „verlängern“ lassen, schildert Projektleiter Florian Burg. Untersuchungen der Augen oder aus dem Fachbereich Hals, Nase, Ohren sind möglich. Auch Labordiagnostik – etwa Urinproben – soll es geben.

Ansprechpartner vor Ort werden medizinische Fachangestellte sein, die zwar bei PhilonMed angestellt sind, für die der behandelnde Arzt aber dennoch weisungsbefugt ist. „Ein medizinischer Fachangestellter ist mehreren Ärzten zugeordnet“, schildert Gantner das Funktionsprinzip. Das heißt, der Pfleger ist am einen Tag für den einen Arzt und am anderen Tag für den anderen Arzt im Einsatz. So könnten sich auch neue Berufsbilder in den pflegerischen Berufen entwickeln, benennt Gantner einen Vorteil.

Ziel des Projekts ist, ein Konzept für ganz Deutschland zu entwickeln

Vor etwa zwei Jahren hat die Vorbereitungszeit für das Telemedicon-Projekt begonnen. Der Kontakt zur Gemeinde Spiegelberg entstand aus dem bestehenden Netzwerk von PhilonMed heraus. „Wir unterstützen das Projekt gerne durch die Bereitstellung der Räumlichkeiten und der Geräteausstattung, denn eine ärztliche Versorgungsmöglichkeit im Ort halten wir für sehr wichtig“, sagt Bürgermeister Bossert. Während der Projektlaufzeit, die bis März 2021 vorgesehen ist, wird die Telemedicon-Praxis wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Ziel des Forschungsprojekts ist, so Tobias Gantner, weitere Haus- und Fachärzte aus der Region im Rahmen der ärztlichen Fernbehandlung an die Standorte anzubinden. Ziel ist außerdem, ein Konzept für ganz Deutschland zu entwickeln und anzubieten. Die medizinische Diagnostik und Behandlung ist nur der erste Schritt. Das Konzept sieht vor, auch die Versorgung mit Arzneimitteln zum Beispiel über elektronische Rezepte und Botendienste sicherzustellen. Weitere Dienstleistungen wie Sanitätsfachhandel oder Physiotherapie sind denkbar.

Die Förderung des Vorhabens in Höhe von knapp 200000 Euro erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Projektträger ist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Im Hintergrund sorgt ein Team aus Juristen, Informatikern und Ökonomen dafür, dass alle rechtlichen Vorgaben eingehalten werden und die Prozesse sicher ablaufen. Ganz wesentlich zum Gelingen des Projekts tragen aber auch die Patienten bei – beziehungsweise ihre Bereitschaft, beim Betreten des (tele-)medizinischen Neulands mitzumachen. Uwe Bossert: „Das Projekt ist auf die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger vor Ort und der Gemeinden angewiesen.“ Aufklärungsarbeit leisten und Patienten Anstöße geben, sich mit dem Thema Telemedizin auseinanderzusetzen: Das hält Tobias Gantner für wichtige Aufgaben. Die Patienten sollen langsam an das Thema herangeführt werden. Und am Ende, so Gantners Idee, wird die Telemedizin ein „normaler Baustein“ in der medizinischen Landschaft.

Will mit seinem telemedizinischen Pilotprojekt dazu beitragen, dass bestehende oder drohende Versorgungslücken geschlossen werden: Tobias Gantner. Foto: HealthCare Futurists GmbH

© Andreas Schwarz

Will mit seinem telemedizinischen Pilotprojekt dazu beitragen, dass bestehende oder drohende Versorgungslücken geschlossen werden: Tobias Gantner. Foto: HealthCare Futurists GmbH

Info
Ohne-Arzt-Praxis

Die Spiegelberger und Zweiflinger Ohne-Arzt-Praxen sind Forschungsprojekte, die bei der Koordinierungsstelle Telemedizin Baden-Württemberg (KTBW) angesiedelt sind.

Die KTBW ist der zentrale Ansprechpartner für alle Belange der Telemedizin und digitalen Medizin im Land.

Die KTBW ist seit 2018 in die Strukturen des Heinrich-Lanz-Zentrums für Digitale Gesundheit der Medizinischen Fakultät Mannheim der Uni Heidelberg integriert.

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Erstellt:
23. Juli 2019, 06:00 Uhr

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